Unsere Städte wachsen nicht nur, sie verdichten sich immer mehr. Die Konzentration von Menschen, Gütern und Verkehr nimmt zu und lässt den Raum in den Innenstädten zu einer immer knapperen Ressource werden. Er wird erstens teurer für alle Beteiligten und zweitens immer häufiger zum Gegenstand von langwierigen Interessenskonflikten. Wenn Unternehmen ihre Produktion im ländlichen Bereich ansiedeln, entgehen sie zwar der Kosten- und Konfliktfalle, büßen aber gleichzeitig an Attraktivität für eine noch knappere Ressource ein: Experten und Fachkräfte. Städtische Unternehmen geraten deshalb immer öfter in ein »urbanes Raum-Dilemma«.

Vom Raum-Dilemma zum Verkehrsinfarkt?

Im Arbeitsbericht der Akademie für Raumforschung und Landesplanung »Schneller, öfter, weiter? Perspektiven der Raumentwicklung in der Mobilitätsgesellschaft« (.pdf) werden die Ergebnisse der erhöhten Verfügbarkeit von Verkehrssystemen diskutiert. Dabei erkenne ich einen klaren Trend: Der Weg zum Arbeitsort stellt den größten Mobilitätsaufwand dar. Grund ist die verstärkte Urbanisierung und Verdichtung der Bevölkerung in Städten und Zentren mit entsprechend vielfältigen Mobilitätslösungen. Durch diese Entwicklung entfernt sich der Wohnort immer mehr vom Arbeitsplatz. Als Folge sehen wir in Ballungszentren die tägliche Überlastung der Verkehrsinfrastruktur, die die wachsende Entfernung von Arbeit und Leben kompensieren muss. Damit wird das Raum-Dilemma nur verlagert, aber nicht gelöst. Die Folgen mögen für Bewohner und Unternehmen andere sein, weniger gravierend sind sie deshalb nicht.

Work-Life-Integration und Lebensqualität: ein Widerspruch?

Doch um von getrennten Lebenszentren zu einer Integration von Leben und Arbeiten zu kommen, müssen wir einige Hürden überwinden. Beeinträchtigungen der Lebensqualität sind durch hohen Lebensstandard für viele, meist auch uns, nicht hinnehmbar. Bekannte Beispiele für fehlende Akzeptanz sind die Trassenführung von Hochspannungsleitungen, die Anlegung von Windparks oder bauliche Großprojekte, die immer wieder den Widerstand der Bevölkerung hervorrufen. So können auch Konzepte der verstärkten Integration von Wohnen, Leben und Arbeiten auf Widerstände vor Ort stoßen.

Urban Production: sanfte Produktion als Lösungsmuster

Ansätze wie Urbane Produktion sollen diesen Trend stoppen. Sie sehen eine Produktion vor, die die verschiedenen Interessen im städtischen Raum integriert und so schonende Produktion auch in urbanen Räumen ermöglicht. Neben den offensichtlichen Faktoren bei der Entwicklung neuer Konzepte sind dafür Kooperation und Abstimmung mit allen Stakeholdern (Unternehmen, Mitarbeitern, Stadt und Umfeld) notwendig.

Aus der Praxis: Unternehmen berichten über Urban Production

Einige Unternehmen haben diese Entwicklung für sich als Problem erkannt. Sie versuchen, eine Symbiose von Arbeit und Freizeit durch neue Ansätze herzustellen. Denn junge, gut ausgebildete Fachkräfte (Generation Y) haben andere Forderungen an ihren Arbeitgeber als bisherige Generationen. Die Work-Life-Balance und Werte wie Familie, Freizeit, Flexibilität, Sinnhaftigkeit, Eigenverantwortung sowie Verständnis durch den Vorgesetzten sind für sie nicht nur Lebensziel, sondern Kriterium bei der Arbeitsplatzwahl. Dabei spielt auch immer stärker der Arbeitsweg als verlorene Zeit eine Rolle.

Der Automobilhersteller Audi, der Automatisierungsspezialist Festo und der Armaturenentwickler Dornbracht teilen ihre Erfahrungen im Rahmen unserer Veranstaltung »Mit digitaler Produktion zur urbanen Produktion«. Im Rahmen von Workshops sollen Defizite von Integrationsansätzen und Potenziale vorstellbarer Ideen erarbeitet werden. Daraus wollen wir als Fraunhofer IAO im Innovationsnetzwerk »Urban Production« eine Basis für neue Forschungsvorhaben schaffen.

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Michael Hertwig

Entwicklungsingenieur im Competence Team »Digital Engineering«. Er forscht daran, wie Prozesse durch digitale Unterstützung optimiert werden können und wie die Produktion in der Zukunft aussehen kann. In seiner Freizeit engagiert er sich als aktives Mitglied im Verein deutscher Ingenieure e.V.

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