Autonomes Fahren: Sicherheit, Spaß oder gar beides?

Das Thema automatisiertes Fahren ist mittlerweile in der Öffentlichkeit angekommen. Möge der gesellschaftliche Meinungsbildungsprozess beginnen, er ist unabdingbar und hochrelevant auf dem Weg in die Zukunft des immer intelligenter werdenden Automobils. Als Forscher sehe ich meine Aufgabe darin, einerseits den aktuellen Wissenstand und die Fakten zum Thema einzubringen, und andererseits auf die offenen Fragen hinzuweisen und die Bandbreite möglicher Lösungen zu skizzieren.

Anlässlich der von Ford finanzierten Marktstudie und Kampagne »eine-idee-weiter« hat mich die Reisebloggerin Christine Neder interviewt. Der Videoblog gibt das Interview sehr unterhaltsam, aber natürlich auch sehr verkürzt wieder.

Meine etwas ausführlicheren Antworten daher hier:

Wie sieht Ihr Alltag als Forscher aus?

Meine Forschungsprojekte beschäftigen sich mit der Mobilität des Menschen, besonders mit seiner Rolle als Autofahrer. Wir fragen uns zum Beispiel, welche Auswirkungen gesellschaftliche Trends und Technologien auf die Rolle des Fahrers haben. Dazu gehört natürlich, welche Anforderungen Autofahrer von heute haben. Neben höchster Sicherheit, Komfort und effizienten Automobilen wollen insbesondere junge Fahrer immer vernetzt sein und sind weniger gewohnt, sich ausschließlich auf eine Sache zu konzentrieren. Besonders, wenn das Autofahren zur monotonen und langweiligen Aufgabe wird, lenken sich Menschen oft ab und schaffen sich einen »Zeitvertreib«. Wir erforschen, wie man mit dieser beim Autofahren gefährlichen menschlichen Eigenschaft umgehen kann, Ablenkung erkennt und darauf reagiert. Zum anderen drängen neue Technologien in die Fahrzeuge wie eine Vernetzung der Autos und die hohe Automatisierung. Ich sehe meine Aufgabe darin, Entwicklungen so zu begleiten, dass nicht nur das entwickelt wird, was technisch möglich ist, sondern vor allem das, was den Menschen ein besseres Lebensgefühl und mehr Sicherheit ermöglicht.

Was ist schon da, wo man vor 20 Jahren noch dachte, dass sieht aus wie im Science-Fiction-Film?

Automatisierung haben wir vor allem beim Einparken schon in sehr guter Qualität in Serie. Das haben viele Menschen noch vor wenigen Jahren für Science Fiction gehalten, heute sehen wir es auf der Straße. Das zeigt auch, dass Automatisierung sicher weitergehen wird und sehr hohe Systemsicherheiten technisch realisiert werden können. Einige aktuelle Modelle halten das Auto auf der Autobahn auch schon automatisch in der Spur, insbesondere im Nutzfahrzeuge-Sektor ist dies weit verbreitet. Wenn man dann noch Tempomat oder ACC anschaltet, muss man selbst nicht mehr eingreifen, solange die Systemgrenzen nicht überschritten werden. Die Aufmerksamkeit muss der Fahrer heute jedoch stets auf der Straße lassen. Diese Systeme werden derzeit weiterentwickelt und sollen kombiniert werden. Wenn ich über aktuelle Totwinkelassistenten die Nebenspur beobachte und diese leer ist, kann ich das mit Spurerkennung und ACC kombiniert für Autobahnauffahrten oder Überholmanöver einsetzen.
Die schrittweise Einführung ist für die Technik wichtig, aber auch für die Fahrer und für die Gesellschafft allgemein, um sich an solche Systeme langsam zu gewöhnen und ihre Grenzen kennenzulernen.

Führt autonomes Fahren tatsächlich zu mehr Sicherheit auf unseren Straßen?

Das Argument Sicherheit muss bedient werden, hier sehe ich aber Vor- und Nachteile. Grundsätzlich stimmt es, dass ausgereifte automatisierte Systeme sehr sicher funktionieren. Aber aus der Luftfahrt und von Kraftwerken ist auch bekannt, dass Menschen die Grenzbereiche automatisierter Systeme häufig nicht (mehr) beherrschen und deshalb weniger, aber schlimmere Unfälle passieren. Dennoch wird dann von menschlichem Versagen gesprochen, auch wenn dem Menschen eine Rolle zugedacht war, die eigentlich gegen seine Natur ist: die des passiven Überwachers. Wir wünschen uns automatisierte Systeme, die uns zwar unterstützen, aber auch immer etwas fordern, sodass wir in Übung bleiben und auch noch Spaß dabei haben. Es gibt tatsächlich ein wissenschaftlich definiertes Flow-Erlebnis. Das sollten wir suchen, wenn wir die Fahraufgabe für den Menschen gestalten.

Wenn ich nicht mehr selbst fahren muss, was kann ich mit meiner Zeit anstellen?

Das kommt darauf an, was Ihnen der Fahrzeughersteller erlaubt und wieviel Freiheit er Ihnen einräumt. Derzeitige Systeme verlangen immer noch den Blick auf der Straße und die Hände am Lenkrad. Da bleibt nicht viel, was Sie machen können, außer dass es Ihrer Entspannung zu Gute kommt. Natürlich ist es aber ein Fernziel der Automatisierung, Freizeit zu generieren. Das wäre ein wirklicher, auch geldwerter Vorteil. Ich gehe aber davon aus, dass wir weiterhin nach vorne gerichtet fahren und angeschnallt sind. Aber im Prinzip gilt dann, dass Sie alles machen können, was Sie in einem Zug oder Bus auch tun – und das sogar mit mehr Privatsphäre ;-).

Wird das selbstfahrende Auto »grüner«?

Eine bessere Energieeffizienz ist tatsächlich einer der größten Vorteile automatisierter Fahrzeuge. Der Fahrstil macht etwa 20% des Energieverbrauchs beim Fahren aus. Automatisierte Fahrzeuge können den Fahrerwunsch nach einem ökologischeren Fahrstil viel besser umsetzen als jeder Mensch. Zudem ist zu hoffen, dass die passiven Sicherheitsvorkehrungen wieder zurückgefahren werden können, wenn Unfälle durch aktive Systeme von vornherein verhindert werden. Weniger Gewicht bedeutet weniger Verbrauch.

Wenn Sie an die Zukunft des Autos denken, welche Innovationen wünschen Sie sich persönlich?

Ich freue mich persönlich immer noch sehr über meine individuelle und flexible Mobilität. Als Stadtmensch steige ich aber regelmäßig auf öffentliche Verkehrsmittel um, um Stau, hohe Parkgebühren und das Risiko von kostspieligen Blechschäden zu umgehen. Mir macht es Spaß, mit dem Auto neue Gegenden zu erkunden. Dafür wünsche ich mir Innovationen, die es mir ermöglichen, mal am Limit zu fahren und auch mal die Verantwortung abzugeben. Der beste Beifahrer springt eben auch mal ein, wenn man müde wird, die Aussicht genießen möchte oder einen Facebook-Post verschickt.

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Frederik Diederichs

Frederik Diederichs

Maschinenversteher und Fahrsimulant am Fraunhofer IAO. Er erforscht, wie zukünftige Assistenzsysteme und Anzeigen im Auto aussehen müssen, damit sie sich positiv auf unser Erleben und Verhalten auswirken. Spaß an Mobilität kann man schließlich auch in Zukunft nie genug haben.

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1 Kommentar

  1. Spannendes Thema … es freut mich, dass das IAO hier ganz vorne dabei ist …

    Hinsichtlich Sicherheit muss man m.E. beim reinen autonomen Fahren „auf Sicht“, d.h. ohne zusätzliche Kommunikation mit anderen Fahrzeugen oder Umgebungssensoren, immer einen wesentlichen Punkt berücksichtigen:

    Das Fahrzeug muss dann immer innerhalb der Sichtweite gestoppt werden können. Dies reduziert in diesem Modus evtl. die Maximalgeschwindigkeit im Vergleich zum menschlichen Fahren. Ohne das genau berechnet zu haben, ist es m.E. so, dass der derzeitige menschliche Fahrer bei Kurven und sonstigen schwer einsehbaren Streckenabschnitten oft „auf Glück“ fährt … es wird schon kein Hindernis auf der Straße sein … ein Stoppen innerhalb der Sichtweite ist nicht immer möglich.
    Ein computergesteuertes Fahrzeug sollte da ein wenig „vorsichtiger“ sein und muss dann die Regel einhalten, dass innerhalb der Sichtweite gestoppt werden können muss …

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