Der Raum als dritter Pädagoge

»Was Hänschen nicht lernt – lernt Hans nimmermehr«. Das galt viele Jahre als unumstößliche Wahrheit von Bildungspolitikern und Personen, die im Bereich der schulischen oder beruflichen Aus- und Weiterbildung gearbeitet haben: Was also in der Kindheit und Jugend nicht gelernt werde, könne in späteren Jahren praktisch nicht mehr aufgeholt werden. In dieser Aussage steckt Wahres, aber eben auch Falsches. Wir wissen heute, dass die aktuelle Lernfähigkeit und -motivation stark von der bis dahin erlebten Lernhistorie beeinflusst wird: schlechte Erfahrungen, Versagensängste, mangelnde Einsicht in die Lernziele und vor allem die eigene, aktive Rolle beim Lernen prägen die Haltung zu eben diesem Lernen.

Trainingseinheiten für’s Gehirn – Lernen will gelernt sein

Umgekehrt haben neurowissenschaftliche Studien aber auch erwiesen, dass Menschen aller Altersgruppen in der Lage sind, Neues hinzuzulernen, und das umso besser, je gewöhnter sie daran sind, ihren »Denkapparat« auch tatsächlich zu nutzen: »Das Gehirn ist ein Muskel«, so formuliert Manfred Spitzer, und er spielt damit auf die Notwendigkeit des stetigen, kontinuierlichen Gebrauchs eben dieses Denkapparats an. Damit stellt sich die Frage, welche Faktoren auf diesen Gebrauch einen positiven Einfluss ausüben können. Die öffentliche Diskussion kreist um Bildungspläne, Bildungsstandards, Betreuungsschlüssel und die Ausbildung der Pädagogen; die betrieblich oder überbetriebliche Aus- und Weiterbildung entwickelt Berufsbilder und Lernformate weiter und profitiert dabei auch von neuen Kommunikationstechnologien und innovativer Medienausstattung.

Neue Lernformen brauchen unterschiedliche Lernräume

Ein wesentlicher Gestaltungsfaktor kommt dabei regelmäßig zu kurz: Das räumliche Umfeld der Menschen, die (miteinander und voneinander) lernen sollen. »Der Raum ist der dritte Pädagoge«, so formuliert es Loris Malaguzzi, und er fasst unter »Raum« ein sehr weites Konzept, das nicht nur nach ästhetischen Prinzipien, sondern auch stark nach funktionalen Gesichtspunkten gestaltet werden sollte, um der Individualität von Lernenden, verschiedensten Lernmaterialien und -formaten möglichst entsprechen zu können und die Interaktion zwischen Lernenden und ihren Lernbegleitern zu unterstützen. Im derzeitigen Konjunkturpaket werden viele Mittel in die energetische Sanierung, die allgemeine Renovierung von Schulbauten gesteckt, und dies ist sicher bitter nötig.

Investionen in Bildung zukunftsgerecht gestalten

Wir gehen aber davon aus, dass in die Gestaltung von Lernräumen der Zukunft, sei es an Schulen, Hochschulen, in Unternehmen oder bei Bildungsanbietern, noch viel mehr Forschungs- und Konzeptionsarbeit gesteckt werden muss, um Menschen in ihrem aktiven Lernen zu unterstützen und mit der zunehmenden Heterogenität der Erwartungen und Lebens- wie Lernstile umgehen zu können. Zudem erkennen wir, dass gerade angesichts der zunehmenden Bedeutung lebenslanger Weiterentwicklung und -bildung die Konkurrenz entsprechender Angebote und Anbieter größer wird. Universitäten konkurrieren um Studenten und differenzieren sich weiter aus, um z.B. Menschen nebenberuflich oder nach Beendigung des Erwerbslebens für Angebote zu gewinnen; Schulen bauen ebenfalls verstärkt Profile aus, um attraktiv zu bleiben, und auch Bildungsdienstleister für berufliche Aus- und Weiterbildung experimentieren mit neuen Lern- und Betreuungsformen.

Innovationsnetzwerk »Lernwelten der Zukunft

Unser Innovationsnetzwerk »Lernwelten der Zukunft« wird sich mit diesen Gestaltungsansätzen aktiv auseinandersetzen. Ziel des Netzwerks ist es, die Gestaltung, Organisation und Ausstattung für innovative Lern- und Bildungszentren für unterschiedliche Zielgruppen zu erforschen. Erste Berichte aus pilothaften Best-Practice-Projekten geben bereits einen Vorgeschmack darauf, welche Ansätze in diesem Bereich bereits existieren und bieten einen Einblick in die Komplexität des Themas. Wir freuen uns über Ihre Impulse, hier im Blog oder beim Kick-Off des Netzwerks am 24. Juni in Stuttgart.

Veranstaltung: Lernwelten der Zukunft

Josephine Hofmann

Josephine Hofmann

Leitet das Competence Center Business Performance Management und forscht zum Thema Führungskonzepte und flexible Arbeitsformen. Bloggt am liebsten im Zug und nach inspirierenden Veranstaltungen und Begegnungen.

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