Ein Jahr Kinderstadtteilforschung: Gefährliche Orte und was Erwachsene aus dem Projekt lernen können

IAO-Blogreihe zum Wissenschaftsjahr 2015: »Zukunftstadt«

Vor kurzem habe ich hier von den ersten Schritten der Kinderstadtteilforschung in Zusammenarbeit mit der Caritas erzählt. Nach der Führung im Rathaus der Landeshauptstadt Stuttgart und dem Crashkurs, wie die Kinder zu Kinderstadtteilforschern werden, haben wir unsere Forschungsanstrengungen mit einem dritten und vierten Forschungstag vertieft.

Station 3: Meine Lieblingsorte im Stuttgarter Westen

Kinderstadtteilforscher machen sich Notizen
Bild 5.

Nach den Erhebungen unserer Kinder-Studiengruppe sind die Orte, an die Kinder am liebsten denken und an denen sie am liebsten sind, folgende: Bei Oma, im ehemaligen Kindergarten, auf dem Bolzplatz und im Musiksaal der Schule. Ebenso sind der Feuersee und seine Umgebung als Naturerlebnis sowie die lokalen Eisdielen als kulinarische Highlights stets oben in den Rankings angesiedelt. Ein interessantes Ergebnis. Wer hätte dies ohne Kinderexpertenbefragung empirisch belegt gewusst? Wer nicht fragt, der nix weiß.

Kinderstadtteilforscher machen Fotos
Bild 6.

Die Kinder durften in den Exkursionsstreifzügen den »Kollegen« ihren Lieblingsort zeigen, mit einem Foto und selbstgemaltem Bild dokumentieren und ihnen erklären, warum ausgerechnet dies ihr persönlicher Lieblingsort ist.

Station 4: Die gefährlichsten Orte im Westen

Dass die Kreuzung Schwabstraße/Bebelstraße, an der die Schwabschule liegt, sehr gefährlich ist, merkt man ohne Vor-Ort-Experiment: Sie kommt auf stolze zwölf Autofahrbahnen, zwölf Ampeln und zwei U-Bahngleise sowie unzählige Verkehrsschilder. Dennoch, ein Selbstversuch lohnt sich. Am meisten Stau gibt es auf den schmalen Gehwegen, wenn viele Fußgänger zu Schulbeginn auf dem Weg zur Schule sind und die Ampeln wie den ganzen Tag über sehr kurze Grünphasen haben. Außerdem ist festzuhalten, dass in der offiziellen Landkarte des gesamten Schulwegeplans für Kinder und Eltern der Schwabschule sage und schreibe ein einziger Zebrastreifen zu finden ist. Für rund 300 Schülerinnen und Schüler, von denen jede/r rund 380 Schulwege pro Jahr zurücklegt!

Fast überfahren auf dem Schulweg

Als erwachsenen Verkehrsteilnehmer, der vieles nicht mehr bewusst wahrnimmt und hinterfragt, beschämt einen die Erkenntnis, dass der Verkehr eine so breite und ständige Gefährdung darstellt, dass ihr die Kinder im Sinne einer darwinistischen »Survival of the fittest«-Strategie begegnen (müssen). Das belegen die Erfahrungsberichte der Kinder, die nicht selten anführten, wo sie zum letzten Mal in Gefahr waren und fast überfahren wurden. Traurig, aber wahr.

Deswegen sind die Kinder und die Erwachsenen der Forschergruppe überein gekommen, dass man im am dichtesten besiedelten und verkehrsreichen Stuttgarter Westen aus Sicherheitsgründen immer und überall nach vorne und nach hinten, nach links und nach rechts schauen muss, bevor man einen Schritt tut. Und nach oben, so dass einem keine Tauben, Dachziegel usw. auf den Kopf fliegen oder fallen mögen. Und spätestens seit dem 14. November 2014, als wegen der Entschärfung einer Fliegerbombe rund 5000 Menschen im Stuttgarter Westen evakuiert werden mussten, ist klar: Gefahren können auch im Boden lauern.


Bild 7. Kinderstadtteilforscher zeigen ihre gefährlichsten Orte

 

Fazit: Neugier fördern, Kinder beteiligen und: Das Internet ist nicht immer nur böse

  1. 1. Kinder sind per se neugierig und an MINT-Fragestellungen interessiert – wenn diese anwendungsorientiert sind. Man wird sich Gedanken machen müssen, wie man diese Neugier im Verlauf ihrer Bildungskarriere aufrecht erhält und weiter fördert.
  2. 2. Es existieren viele Laborbaukästen, Laborarten und Laboransätze. Die Stadt als Reallabor dürfte aber ohne Zweifel eine der fruchtbarsten sozio-technischen Beteiligungsansätze für die Zukunft sein.
  3. 3. Kinder und Internet(-Nutzung) sind eine Never-Ending Story in der Debatte, die die Erwachsenen führen. Wenn man aber sieht, dass Kinder Laptops, Smartphones und Apps sinnvoll als Werkzeug für eine Aufgabe einsetzen (und nicht im Sinne eines »Wir kommunizieren/spielen uns zu Tode«), dann ist das eine Freude. Sehr interessant war beispielsweise auch das Experiment, wie Kinder mit Hilfe von Google Street View den Schulweg von zu Hause in die Bildungseinrichtung abgehen. Da könnte Google noch viel von den Kinderstadtteilforschern lernen, beispielsweise wie die Anforderungen an eine intuitive menschliche Benutzerschnittstelle aussähen…

Kinderstadtteilforschung 2015

Wir sind gespannt, wie es 2015 mit der Kinderstadtteilforschung weitergehen wird. Vielfältige Ideen wurden geboren und harren der Umsetzung, zum Beispiel:

  • Forschung und der intergenerative Dialog mit historischen Stadtteil-Zeitzeugen
  • die kreative Modellierung von (zukünftigen) öffentlichen Räumen in 2D oder 3D
  • Schwachstellen- und Entwicklungsanalysen mit Hilfe der Nutzung von amtlichen offenen Daten (Stichwort: Open Data)
  • ein Workshop zum Thema »Wie schreibe ich einen Brief an die öffentliche Verwaltung«
  • die Erstellung digitaler Landkarten von und für Kinder

… und darüber hinaus noch viele weitere. Kurzum, es handelt sich bei Kinderstadtteilforschung sicherlich um einen neuen methodischen Ansatz, der ein gefördertes Verbundforschungsprojekt in Deutschland wert wäre.

Danksagung

Danke an alle Forscherkinder fürs Mitmachen. Danke an Martina Joos, Szabina Baranyai und Gesine Marquardt und alle anderen beteiligten Sozialpädagogen vom Caritasverband für Stuttgart e.V. für die hervorragende Projektierung. Danke an meinen Arbeitgeber Fraunhofer IAO für die ideelle Unterstützung und das zur Verfügung gestellte Equipment und Know-how. Sowie danke an alle Bürgerinnen und Bürger, Organisationen und Verwaltungen, mit denen wir bislang in Interaktion getreten sind.

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