Eine fast wissenschaftliche Weihnachtsgeschichte

Es begab sich zu einer Zeit, als Super Mario noch zweidimensional war und der Begriff vegan in einem Lexikon nachgeschlagen werden musste, dass sich ein emsiger Wissenschaftler am Abend des 24. Dezembers aufmachte, um in seiner Arbeitsstätte drängenden Forschungen nachzugehen. Hätte er geahnt, was ihm an diesem Weihnachtstag Widerfahren sollte, so wäre er womöglich zu Hause bei seiner Familie geblieben…

Der Geist der vergangenen Weihnachtsnacht oder: Fortschritt durch Erinnern

Vertieft in die Theorie zur Zukunft der Industrie 0.4, zwischen Lötkolben, Drähten, wirren Notizen und allerlei abenteuerlich anmutenden Gerätschaften, vernahm er ein ungewohntes Geräusch, das ihn dazu veranlasste, sich umzudrehen. »Guten Abend«, sprach der unerwartete Gast. »Wer sind Sie?« fragte der Wissenschaftler. »Ich bin der Geist der vergangenen Weihnachtsnacht« antwortete der Gast und bevor sein Gegenüber ihm entgegnen konnte, dass es zwar eine Geisteswissenschaft, aber deshalb noch lange keine Geister gebe, fanden sich beide an einem fremden Ort zu einer fremden Zeit wieder. »Wir werden gerade Zeugen, wie Joseph von Fraunhofer die später nach ihm benannten Linien im Sonnenspektrum studiert«, beschrieb der Geist den blassen Herrn, der sich in diesem Augenblick waghalsig in das Objektiv hineinlehnte. »Aufbauend auf seinen Erkenntnissen wird es ihm später gelingen, die Materialeigenschaften optischer Gläser mit einer höheren Genauigkeit zu messen und er wird dadurch im Stande sein, leistungsfähigere Objektive zu entwickeln, mit deren Hilfe er abermals neue Erkenntnisse erlangen wird.« Und während der Geist die letzten Worte aussprach, verschwamm die Silhouette der altertümlichen Glashütte.

Joseph von Fraunhofer demonstriert Joseph von Utzschneider, Georg Reichenbach und Georg Merz das Spektrometer. © Foto Fraunhofer-Gesellschaft
Innenansicht der Glashütte in Benediktbeuern um 1900. © Foto Alexander Heck
Prismenspektralapparat aus Fraunhofers Werkstatt. Solche Geräte dienen zur Zerlegung des einfallenden Lichts nach Wellenlängen. © Foto Fraunhofer-Gesellschaft

Der Geist der gegenwärtigen Weihnachtsnacht oder: Darf es ein bisschen mehr Realität sein?

Der Wissenschaftler blinzelte. Der Geist war weg und übrig geblieben lediglich eine vage Erinnerung, die er festzuhalten versuchte, um die Botschaft zu verstehen. Später am Abend erschien ein zweiter Gast: »Hallo, ich bin der Geist der diesjährigen Weihnachtsnacht. Wo kann ich meinen Mantel ablegen?« »Die Garderobe für übernatürliche Kleidungsstücke befindet sich dort hinten, gleich neben dem Perpetuum Mobile«, entgegnete der Wissenschaftler sarkastisch, nun gefasster nach einem kurzen Moment stiller Ratlosigkeit, und fragte seinerseits mit wiedergewonnenem Selbstbewusstsein: »Ich rate einfach mal, was als nächstes passieren wird: Wir teleportieren uns in der Gegenwart an verschiedene Orte und beobachten das Zeitgeschehen?!« »Nein«, antwortete der Geist, »dafür gibt es inzwischen das Fernsehen«.

Und so machten es sich beide vor dem Fernseher gemütlich. Der Geist lachte und schimpfte über die verschiedenen Sendungen. Obwohl sich der Wissenschaftler schon oft auf diese Weise die Zeit vertrieben hatte, kam er nicht umhin, die kurzen Bildausschnitte mit einer nie dagewesenen Aufmerksamkeit zu verfolgen (jeder, der schon mal mit einem Geist ferngesehen hat, weiß, dass sich dessen Anwesenheit auf die eigene Wahrnehmung auswirkt). Dirty Dancing, ein Spendenaufruf für Katastrophenopfer in Thailand, Werbung für Steaks zum Toasten, eine Dokumentation über Palästina, Star Trek, noch mehr Werbung, Als die Tiere den Wald verließen – was er sah, stimmte ihn traurig und nachdenklich. Traurig über die Not in der Welt (und im Wald) und nachdenklich darüber, weshalb er sich im Augenblick dennoch mehr dafür interessierte, ob die Klingonen ihre Streitigkeiten mit den verfeindeten Vulkaniern noch beilegen können und wie sich die Liebesgeschichte zwischen Patrick Swayze-als-Johnny und Jennifer Grey-als-Frances »Baby« weiterentwickeln wird (dass es inzwischen auch Fleisch für den Toaster gab, nahm er resigniert hin). »Was wohl meine Familie gerade macht?« dachte der Wissenschaftler still und wünschte sich, bei ihnen sein zu können.

Der Geist der zukünftigen Weihnachtsnacht oder: Kristallkugeln sind keine Lösung

Sehnsüchtig machte er sich auf den Heimweg und begegnete einem betrunkenen Weihnachtsmann. »Ho ho ho!« lallte dieser zur Begrüßung und der Wissenschaftler erwiderte »Sie sind nicht zufällig der Geist der zukünftigen Weihnachtsnacht, der mir meine Zukunft offenbart?«. »Wer braucht schon einen Geist, um in die Zukunft zu sehen? Ich weiß, dass ich morgen üble Kopfschmerzen haben werde, weil ich heute zu viel getrunken habe. Wir ernten, was wir säen«, sprach der Weihnachtsmann und torkelte davon.

Und die Moral von der Geschicht‘? Geister gibt es. Toaststeaks nicht.

Weihnachten ist die Zeit der Rückbesinnung: An die gemeinsamen Erinnerungen alter Geschichten im Kreise der Familie, an die kleinen und großen Dinge, die man im Leben wertschätzt oder die Rückbesinnung auf unsere persönlichen und beruflichen Werte, die in der Hektik des Alltags häufig in Vergessenheit geraten. Manchmal braucht es einen guten Geist (oder einen betrunkenen Weihnachtsmann), der uns hilft, uns das Wesentliche wieder ins Gedächtnis zu rufen. Oftmals genügen aber auch einfach nur ein paar Momente im Stillen für sich oder bei den Liebsten.

In diesem Sinne: Ich wünsche Euch allen ein frohes, besinnliches Weihnachtsfest und erholsame Feiertage.

P.S.: Die Meinungen zum Wahrheitsgehalt und die Legenden über den Ursprung der Weihnachtsgeschichte sind teilweise so konfus und überzogen wie die Metaphern in der Erzählung selbst. Manche vertreten die Meinung, die Geister seien auf einen Scherz der Kollegen des Visual Technologies Lab zurückzuführen. Andere wiederum glauben, es handle sich dabei um geheime Prototypen eines Leichtbauroboters aus der Modellfabrik. Und wieder andere behaupten, die Geister seien halluzinöse Nachwirkungen eines NeuroLab-Experiments. Doch eines haben sie alle (die Spekulationen und die Metaphern) gemein: es sind Geschichten.