Flexibles Arbeiten ist keine »Reise nach Jerusalem«

In einem Beitrag des CIO-Magazins und der Computerwoche wurde zuletzt die These formuliert, dass der Umzug der Microsoft Deutschland-Zentrale nach München-Schwabing emotional mit dem Spiel »Reise nach Jerusalem« vergleichbar sei – zumindest gebe es psychologische Parallelen. Was ist an dieser These dran?

Wir sollten zunächst klären, was einerseits das Spiel ausmacht und was andererseits flexibles Arbeiten im Büro kennzeichnet. Das Spiel »Reise nach Jerusalem« erhält seinen Reiz dadurch, dass aus Prinzip immer ein Stuhl weniger verfügbar ist als Mitspieler zugegen sind. Wenn der Sieger feststeht, nimmt die Party gerne in der Küche im Stehen oder verteilt auf Wohnzimmer und Balkon einen weiteren schwungvollen Verlauf.

Das flexible Arbeiten im Büro ist eher mit dem »restlichen« Abend vergleichbar als mit dem Spiel selbst. In einem auf Flexibilität ausgerichteten Arbeitskonzept entscheiden die Mitarbeiter anhand ihrer Aufgaben und der persönlichen Präferenzen selbstständig, wann und wo sie arbeiten. Ergebnisse aus dem Verbundforschungsprojekt Office21 zeigen: Eine solche Autonomie korreliert positiv mit der Work-Life-Balance, dem Wohlbefinden, der Motivation und der Performance der Wissensarbeiter.

Evolution des Büros: Raum der Möglichkeiten

Wenn die Mitarbeiter diese Flexibilitätsoptionen nutzen und vermehrt von außerhalb des Unternehmenssitzes aus arbeiten – sei es beispielsweise im Home Office, beim Kunden oder im Coworking Center – dann ändert sich auch die Funktion des Büros. Das Büro wird vergleichsweise weniger für Einzelarbeit genutzt, dafür ist der Anteil an Kommunikation und Interaktion im Büro steigend. Dieser Entwicklung sollte die räumliche Gestaltung der Arbeitsumgebung Rechnung tragen.

So benötigen die Mitarbeiter zunehmend räumliche Unterstützung für Meetings oder Conference Calls, sie brauchen Rückzugsmöglichkeiten für vertrauliche Gespräche oder auch private Telefonate und sie brauchen bessere Möglichkeiten für gemeinschaftliche Projektarbeit – alles Aktivitäten, die idealerweise nicht von einem klassischen Schreibtisch-Arbeitsplatz aus erledigt werden, wenn andere unbeteiligte Kollegen in der Nähe sind. Hierfür werden dann neue räumliche Arbeitsmöglichkeiten geschaffen.

Warum das Prinzip »Reise nach Jerusalem« nicht übertragbar ist

In Summe führt das dazu, dass zwar weniger klassische Schreibtische benötigt und aufgestellt werden als Mitarbeiter einem Standort zugeordnet sind – daher rührt wohl der allzu schnelle Vergleich mit der »Reise nach Jerusalem«. Aus Prinzip sind aber immer mehr räumliche Arbeitsmöglichkeiten vorhanden als Mitarbeiter anwesend sind. Es ist dieser prinzipielle Unterschied, der die Eingangsthese schnell widerlegt!

Prinzip Carsharing: Tausche persönliches Gefährt gegen einen ganzen Fuhrpark

Damit die Belegschaft gemeinschaftlich genutzte räumliche Ressourcen akzeptiert, sollten jedoch auch die Erfolgsfaktoren anderer Sharing-Konzepte beachtet werden. Beim Carsharing beispielsweise tauschen wir das eigene, gerne schon in die Jahre gekommene und oft stehende Fahrzeug gegen eine neue, qualitativ hohe, bedarfsorientiert genutzte Vielfalt an Fahrzeugen. Mit anderen Worten: Ein Sharing-Fahrzeug akzeptieren wir nur, wenn es unseren speziellen Zwecken dient sowie funktionstüchtig, sauber und attraktiv ist. Analog müssen Arbeitsplätze, die flexibel genutzt werden sollen, eine hohe funktionale und ergonomische Qualität aufweisen und viel häufiger einem Service unterzogen werden.

Damit aber ein solches Zusatzangebot an Räumlichkeiten mit guter, dem Zweck angemessener Qualität umgesetzt werden kann, muss der Anspruch eines persönlich zugewiesenen Schreibtischs aufgegeben werden. Das ist der Deal!

Diese räumliche Vielfalt verstärkt konsequenterweise die Freiheitsgrade, deren Grundlage die technischen Möglichkeiten (etwa mobile Arbeitsinfrastruktur) und organisatorischen Rahmenbedingungen (etwa Vertrauensarbeitszeit und Vertrauensarbeitsort) sind. Das beinhaltet selbstverständlich auch die Freiheit, wenn benötigt – um im Bild zu bleiben – mehrere Tage hintereinander das gleiche Fahrzeug zu benutzen.

Räumliche Ankerpunkte sind wichtig für Teams

Bei flexiblen Arbeitskonzepten im Büro sollte aber noch ein wesentlicher Aspekt berücksichtigt werden. Auch wenn der Einzelne nicht mehr einen fest zugewiesenen Schreibtisch hat, so verfügt jedes Team über einen räumlichen Ankerpunkt. Diese Bereiche können und sollten durch die jeweilige »Bürofamilie«, sprich durch das jeweilige Team, durch Teamspezifisches gestalten werden. Dadurch entsteht ein neuer Impuls für ein Gemeinschaftsgefühl im Team, das sonst in den halbleeren Bürofluchten entlang dunkler Flure oder bei genervter Co-Präsenz in Großraumbüros verloren gehen kann.

In Bezug auf die Eingangsthese gilt es also festzustellen, dass gut durchdachte und gemachte flexible Arbeitskonzepte ein Gewinn für die autonom arbeitenden Wissensarbeiter sind.

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Udo-Ernst Haner

Udo-Ernst Haner

Leitet das Team »Information Work Innovation« am Fraunhofer IAO. Er entwickelt innovative Konzepte für Wissensarbeiter. Im Verbundforschungsprojekt Office21® ist sein Schwerpunkt »Digital & Social Work Organization«. Zudem lehrt er »Technology & Innovation Management« an der Universität Stuttgart.

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1 Kommentar

  1. Flexibles Arbeiten heißt in unserer Unternehmensberatung, dass wir die Arbeit bestmöglich an unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anpassen. Das gilt sowohl für die Gestaltung der Arbeitsplätze als auch für die Zusammenarbeit in den Teams. Aber es ist uns klar, dass wir hier als wissensintensives Unternehmen einerseits ein Vorteil haben, weil sich die Arbeit flexibler gestalten und besser anpassen lässt und andererseits eine höhere Herausforderung, weil Wissensarbeiter von sich aus sehr hohe Ansprüche an den Arbeitsplatz haben.

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