Forschung in der Flüchtlingskrise: raus aus dem Elfenbeinturm

Derzeit erleben wir in Europa eine Situation, die wir eigentlich in unseren gemäßigten Breiten nicht mehr kennen. Flüchtlingsströme, das ist doch lange her oder weit weg, oder doch nicht? Die staatlichen Stellen scheinen überfordert. Ohne Hilfsorganisationen und ehrenamtliche Helfer scheint es nicht zu gehen.

Spontane Freiwillige koordinieren sich nicht nur unter dem Hashtag #trainofhope auf Twitter und über Facebook und mittlerweile nicht nur für ankommende Flüchtlinge in München, sondern auch in Wien und in Ungarn. In München waren die Helfer so erfolgreich, dass die Polizei bat, keine Spenden mehr an den Hauptbahnhof zu bringen.

Spontanhelfer müssen geführt werden

Aber was kann nun die Forschung tun? Die Spendenbereitschaft in München hat gezeigt, dass Bürger durchaus gewillt sind, Hilfe zu leisten und dies auch über soziale Medien sehr schnell organisiert bekommen. Das haben auch die Erfahrungen beim Elbehochwasser 2013 gezeigt. Was offenbar gefehlt hat, ist eine Koordinierung der Hilfe. In mehreren Forschungsprojekten wurde der Bedarf erkannt und erste Lösungsansätze entwickelt (zum Beispiel im jetzt abgeschlossenen BMBF-Projekt INKA oder im aktuellen EU-Projekt DRIVER). An der Umsetzung hapert es: In Deutschland gibt es offenbar mehr Hindernisse als Wegbereiter zu einem Konzept, die bei Versicherungsschutz anfangen und bei Datenschutz enden.

Dabei kann die effektive Koordinierung (sei es direkt über die Behörde oder über Hilfsorganisationen als Partner) verhindern, dass Helfer nur im Weg rumstehen, Spenden an die falschen Orte gebracht werden oder es an dringend benötigten Gütern hapert. Die Selbstorganisation von Spontanhelfern über Social Media, gerade in medial präsenten Situationen, dürfen wir nicht unterschätzen. Dies zeigt das Beispiel München sehr deutlich!

Krisenmanager müssen Social Media stärker nutzen

Soziale Medien sind der Schlüssel bei der Koordinierung von Spontanhelfern, der Wert dieser mächtigen Informationsquelle ist aber noch nicht erkannt. Auch die Steuerungsfunktion und die Reichweite, die Social Media bieten, werden ignoriert. Auswerte-Tools, die über semantische oder reine Stichwortsuchen hinaus agieren, setzen Akteure der zivilen Sicherheit, hier insbesondere die Katastrophenschutzbehörden, noch nicht ein. Auch hier scheinen Datenschutzbedenken und die Angst vor Fehlleitungen die größten Hindernisse zu sein. Für die Ausbreitung von Warnmeldungen wurden Simulationsmodelle entwickelt. Eingesetzt werden sie aber noch nicht.

Gerade die Angst vor Fehlleitungen und Gerüchten ist unserer Sicht nach unbegründet. Im Gegenteil: Eine aktive und direkte Kommunikation mit den Bürgern ist in Teilen effektiver und kann die Verbreitung von Gerüchten eindämmen oder sogar verhindern, dass diese entstehen.

Zivilgesellschaft stärker einbinden

Zivilgesellschaftliche Akteure spielen eine starke Rolle, sei es als Vermittler, Organisator im Hintergrund oder ganz aktiv im Vordergrund bei der Krisenbewältigung. Die Rolle dieser Akteure, seien es Sportvereine, religiöse Gruppierungen oder Dachorganisationen wie die Freiwilligenagenturen, ist gänzlich unbekannt. Dieser Forschungsbedarf wird derzeit im BMBF Forschungsprojekt KOKOS gestillt. Hierbei sind die aktuellen Ereignisse Forschungsfelder, bei denen Krisenmanagement »live« erforscht werden kann. Wir erwarten als ein Forschungsergebnis, dass zivilgesellschaftliche Akteure über längere Zeithorizonte hinweg die Motivation aufbringen, einen substanziellen Beitrag zu leisten – auch wenn das Medienecho abebbt.

Quo vadis Krisenmanagement? Gedanken zur Bürger-Einbindung

Wohin geht die Reise? Aus Sicht der zivilen Sicherheitsforschung hoffentlich zu einem Mensch-zentrierten Ansatz. Zu sehr ist das Bevölkerungsschutzsystem auf eine zentrale Steuerung ausgerichtet. Krisen sind nun mal nicht eindimensional. Hier muss der Bevölkerungsschutz flexibler werden und den Bürger »ernst« nehmen. Das gilt insbesondere auch in der Ausbildung der Bevölkerungsschutz-Profis. Hier spielt aktuell die Interaktion mit Bürgerinnen und Bürgern eine eher untergeordnete Rolle. Aber auch die Bevölkerung selbst muss auf ihre Rolle als Mitgestalter von Sicherheit vorbereitet werden.

Und wo Licht ist, ist auch Schatten: Wie reagiert ein Staat auf die Rolle von erstarkender Freiwilligkeit? Unterstützt er sie, fördert er sie, sieht er sie als Konkurrenz oder zieht er sich zurück und überlässt den privaten Akteuren das Feld? Stichwort sozialer Neo-Liberalismus?

Wir als Forscher müssen wir noch stärker an Modellen zur Bürgerpartizipation forschen, aber auch kritische Akzente setzen und unsere Stimme erheben. Eben aus unserem Elfenbeinturm herauskommen.

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Patrick Drews

Patrick Drews

Sorgt für zivile Sicherheit. Stellt die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis sicher und erforscht zukünftige Modelle zur besseren Hilfeleistung bei Unglücksfällen und in Katastrophen. Im Privatleben Familienvater und Bergretter.

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2 Kommentare

  1. Das ist das eine wie die Helfer organisiert werden, ein anderes ist: wie die Flüchtlingsströme, die selbstaufrufenden gesteuert werden, gibt es dazu schon mathematische Modelle aus der Chaostheorie – die Ströme der Menschen als Fraktale zu verstehen. Es werden nicht die letzten Ströme sein, die erste Million werden wir vielleich bis zum Ende des Jahres erreicht haben und dann? Wer für mich interessant, wer hier zu schon Überlegungen angestellt hat und vielleicht auch die Regierung berät?

  2. Sehr geehrter Herr Oppermann,
    vielen Dank! Sie werfen da eine interessante Frage auf. Ich werde mich einmal im Fraunhofer-Verbund umhören, ob ein Kollege an dieser Sache forscht.

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