Industrie 4.0: Warum der Mensch im Mittelpunkt steht … und nicht im Weg

Seit der Begriff Industrie 4.0 das Licht der Welt erblickt hat, sorgt er für Aufbruchsstimmung in vielen Führungsetagen und Forschungsbereichen. Neue Technologien stehen in den Startlöchern, um den Industrie- und Hochlohnstandort Deutschland zu neuem Glanz zu verhelfen … Moment, ganz so einfach ist es dann doch nicht. Viele Mitarbeiter und arbeitnehmernahe Organisationen fühlen sich schier erschlagen von den neuen Möglichkeiten zu visualisieren, zu assistieren – aber auch zu kontrollieren.

Diese Situation kommt Ihnen bekannt vor?

Dann erinnern Sie sich bestimmt gerade an das grandiose Scheitern des Computer Integrated Manufacturing-Ansatzes, kurz CIM, Ende der 90er Jahre. Auch damals wurde der technologische Fortschritt als Heilsbringer versprochen. Die weitgehende Missachtung des Menschen im Prozess wie auch der gesamten Organisationsgestaltung sollte diesen Ansatz jedoch ziemlich bald zum Scheitern verurteilen.

Tatsächlich erinnert einiges, was heute über Industrie 4.0 zu lesen ist, an diese Zeit. Dieser Eindruck entsteht vor allem, weil zahlreiche Unternehmen und Forschungsvorhaben vordergründig die technologischen Möglichkeiten von Industrie 4.0 diskutieren.

Waren wir nicht schon einmal an diesem Punkt? Genau!

Aus diesem Grund haben wir im Jahr 2013 das Innovationsnetzwerk »Produktionsarbeit 4.0« am Fraunhofer IAO gestartet. Als arbeitswissenschaftliches Institut wollten wir gemeinsam mit aktiv involvierten Industriepartnern erarbeiten, wie sich die technologischen Möglichkeiten von Industrie 4.0 nun eigentlich auf das gesamte Unternehmen und seine Arbeitsorganisation auswirken.

Industrielle Steinzeit in den Köpfen

Gemeinsam mit Unternehmen wie beispielsweise der Siemens AG, Kärcher GmbH & Co KG, MTU Aero Engines AG sowie mit Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden beschäftigten wir uns bis weit ins Jahr 2015 hinein mit diesen Themen. Schaut man sich den deutschen Mittelstand an, sieht man: Neben dem teilweise erschreckend veralteten Stand der Technik manifestiert sich die weithin vorherrschende industrielle Steinzeit vor allem in den Köpfen vieler Mitarbeiter und Führungskräfte. In alten Maschinenparks geben sich also Menschen die Klinke in die Hand, die ihre Arbeit »schon seit 20 Jahren so machen« wie heute und die meinen, dass mit diesem Vorgehen »doch auch alles bestens läuft«. Es kann also nicht genügen, diesen Menschen einen Tablet-PC in die Hand zu geben und zu sagen: »Mit dem Ding wird ab heute alles besser!«

Erste Industrie 4.0-»Leuchttürme« in den Unternehmen

Durch die rege Beteiligung der Netzwerkpartner und konstruktive Diskussionen mit den Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden haben wir so innerhalb der ersten zwei Jahre dieses Netzwerks die theoretischen Grundlagen erarbeitet, wie Anwendungsfälle der Industrie 4.0 identifiziert, bewertet und umgesetzt werden können. Mit diesem Wissen haben sich Netzwerkpartner wie die Alfred Kärcher GmbH & Co. KG oder die Rota Yokogawa GmbH aufgemacht und ihre ersten Industrie 4.0-Leuchttürme im Unternehmen aufgebaut. Beide Unternehmen wurden in diesem Zusammenhang für die erzielten Ergebnisse in ihren Pilotprojekten ausgezeichnet. Wie es in der zweiten Phase dieses Innovationsnetzwerkes weitergeht, verrate ich in meinem nächsten Beitrag hier auf dem IAO-Blog.

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Maik Berthold

Maik Berthold

Forscht an Umsetzungsstrategien für die Frage: »Wie geht Industrie 4.0 in KMU und Konzern?« und bastelt aus theoretischen und praktischen Forschungsergebnissen einen methodischen Baukasten zur Einführung von Industrie 4.0. In der Freizeit sportbegeistert, v.a. American Football und Tennis.

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