Kinder machen es vor: So geht Bürgerbeteiligung

Während die Kinder der Schwabschule im ersten Halbjahr 2015 rund um Spielplätze, den Bismarckplatz und Architektur forschten, rückte in der zweiten Jahreshälfte der Verkehr auf der Schwabstraße in den Mittelpunkt der jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaflter. Startpunkt für die Aktionsreihe war, dass die Kinder auf die digitalen Geschwindigkeitsanzeigetafeln für Autofahrer vor der Schwabschule aufmerksam wurden und viele Fragen dazu stellten. Kein erwachsener Mensch bei Bürgerversammlungen und von der Stadtverwaltung konnte sagen, wie schnell die Autos vor der Schwabschule fahren. Da kein Statistiktool in den Geschwindigkeitsanzeigetafeln eingebaut ist, nahmen die Kinder die Sache selbst in die Hand und widmeten sich der primären Verkehrsfeldforschung: Was hat es damit auf sich, dass auf den Anzeigetafeln rund um die Uhr grüne und rote Smileys und Stundenkilometerzahlen wie von Geisterhand kurz erscheinen und wieder verschwinden?

Beforschung von Geschwindigkeitsanzeigetafeln

Wüssten Sie, welche Autoverkehrssituation vor der Schwabschule herrscht? Die erlaubte Höchstgeschwindigkeit für Autofahrer ist 30 km/h. In einem Projekt namens »Tempo 30 vor Schulen an Vorbehaltstraßen« wurden in Stuttgart an 25 Schulen, die an solchen Hauptverkehrsstraßen liegen, digitale Geschwindigkeitsanzeigetafeln (GAT) angebracht, und die Schwabschule war auch dabei. Diese Geschwindigkeitsbegrenzung gilt montags bis freitags von 7:00 bis 17:00 Uhr.

Dazu ist zu sagen: Als Autofahrer ist die subjektive Geschwindigkeitswahrnehmung auf breiten Fahrbahnen bei Tempo 30 km/h oder 50 km/h ähnlich gering. Allerdings stellt zum Beispiel Matts-Ake Belin, einer der führenden schwedischen Straßensicherheitsexperten, fest: »Wer von einem Auto mit 50 Stundenkilometern angefahren wird, stirbt in 80 Prozent der Fälle. Bei einer Geschwindigkeit von 30 Stundenkilometern überleben dagegen über 90 Prozent.«

© Projekt Kinderstadtteilforschung
© Projekt Kinderstadtteilforschung
© Projekt Kinderstadtteilforschung
© Projekt Kinderstadtteilforschung
© Projekt Kinderstadtteilforschung

Folgerichtig war nun, dass die Kinderstadtteilforscher die Sisyphosarbeit auf sich nahmen, eine stichprobenweise Beobachtung und Auswertung der GAT vorzunehmen. Die Feldforschungstage fanden in der letzten Sommerferienwoche am Mittwoch, 9. September, 11:17 Uhr bis 12:02 Uhr und Donnerstag, 10. September, 15:20 Uhr bis 16:05 Uhr, statt. Die Forschergruppe bestand aus sieben Kindern der Klassen eins bis drei und drei Erwachsenen. Gemessen wurde an den zwei GAT vor der Schwabschule, die eine in Richtung S-Bahnhaltestelle Schwabstraße, die andere in Richtung Rosenbergplatz. Am zweiten Tag war die GAT in Richtung Rosenbergplatz leider defekt. Es wurden N=907 qualifizierte Messwerte erhoben, wobei darauf hinzuweisen ist, dass ein Auto je nach Messsituation und Frequenz der Autos hintereinander ein bis drei Messwerte auslösen kann. Das bedeutet hochgerechnet: 907 Messwerte entsprechen einem Korridor von 302 < x < 907 tatsächlich gemessenen Autos.

Bürgerbeteiligung 5.0

Das Forschungsergebnis sei kurz und schmerzlos erzählt: Die stichprobenweise Beobachtung und Auswertung der digitalen Geschwindigkeitsanzeigetafeln (GAT) zeigt, dass rund 62 Prozent der Autofahrer das Tempolimit von 30 km/h einhalten, 38 Prozent allerdings schneller unterwegs sind.

Details der Forschungsergebnisse und welche spannenden weiterführenden Forschungsfragen und Handlungsempfehlungen die Kinderforscher aufstellten, können Sie nachfolgend anschauen bzw. herunterladen.

Hier möchte ich zwei weitere Punkte vertiefen, die sich weniger um Verkehrsforschung als vielmehr um (Kinder-)Bürgerbeteiligung drehen.

Fragebogen an Politiker und eine Anregung zur Demokratiekultur

Zum einen haben die Kinderforscher ihre Forschungsergebnisse und Empfehlungen an 46 Politiker, Verwaltungsfachleute und Bürgerbeteiligungsexperten in Land, Gemeinderat und Bezirksbeirat geschickt, sowie die Ergebnisse den Medien als Presseinformation zur Verfügung gestellt. Dem Brief lag ein Fragebogen mit den folgenden drei Fragen bei:

  1. 1. Halten Sie dies für ein wichtiges Problem?
  2. 2. Wenn ja, welche Ideen haben Sie als Erwachsener um das Problem zu lösen?
  3. 3. Wenn ja, wie können Sie unterstützen, das Problem zu thematisieren und Lösungen zu projektieren? Zum Beispiel im Zuge der Bürgerbeteiligung zur Umgestaltung des direkt an die Schwabschule angrenzenden Bismarckplatzes / S28? Oder darüber hinaus generell für alle betroffenen Kindergarten und Schulen in Stuttgart und Baden-Württemberg?

Diese interessante explorativ-qualitative Umfrage harrt noch der Auswertung. Die Kinderstadtteilforscher hat es allerdings sehr gefreut, dass als Rückläufer bislang 12 Antworten zurückkamen und ein leibhaftiger Minister verlautbaren ließ, dass er Projekte wie diese liebe.

Zum anderen möchte ich Ihnen als Autor dieser Zeilen mitteilen, was mich persönlich beim Projekt Kinderstadtteilforschung bislang am meisten beeindruckt hat: Die Kinder in der Mehrzahl wissen sehr wohl, dass die Welt kompliziert ist und jede Maßnahme sowohl Vor- als auch Nachteile für unterschiedliche Gruppen mit sich bringt und niemand ein Steuerungsergebnis in letzter Konsequenz absolut richtig voraussagen kann. Deshalb plädieren sie dafür, neue Dinge temporär auszuprobieren. Ein Lehrstück an Demokratiekultur, pluralistischem Miteinander und agilem Organisationsmanagement, wie ich finde.

Ausblick

Wir sind gespannt, wie es 2016 mit der Kinderstadtteilforschung weitergehen und was möglich werden wird. Eine kleine Auswahl aus unserem Ideenspeicher:

  • Realisierung eines 10 Meter breiten Zebrastreifens vor der Schwabschule als temporäres Forschungs- und Kunstprojekt zusammen mit Partnern aus Zivilgesellschaft, Forschung und Verwaltung
  • Erstellung von Landkarten im Internet von Kindern für andere Kinder, für ältere Menschen, für Migranten etc. (mit O-Tönen, Fotos, Zeichnungen, Texten u.v.m.), im Idealfall mit einem Rückkanal zur Verwaltung
  • »Unsichtbares bzw. Unfassbares messen« – mit Hilfe von Kleinstrechnern (Raspberries, Arduinos etc.) und Sensoren Dinge wie Entfernungen, Rauch und Gas, Berührung, Bewegung, Licht, Beschleunigung, Elektrizität und Magnetismus, Schall, Wetter und Klima, Emissionen u.a. erforschen. Stichwort: Internet der Dinge und Feinstaubhauptstadt Stuttgart
  • Flüchtlingshilfe-Kooperationen mit den neuen Nachbarn

Danksagung

Danke an alle Forscherkinder fürs Mitmachen. Danke an Martina Joos (Projektleiterin) und Dragana Wetzstein (Hausleitung) und alle anderen beteiligten Sozialpädagogen vom Caritasverband für Stuttgart e.V. für die hervorragende Projektierung. Danke an meinen Arbeitgeber Fraunhofer IAO für die Unterstützung. Sowie danke an alle Bürgerinnen und Bürger, Organisationen und Verwaltungen, mit denen wir bislang in Interaktion getreten sind.

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