Mobilität und Kommunikation: Von Mäusen, Affen und Pfauen

IAO-Blogreihe zum Wissenschaftsjahr 2015: »Zukunftstadt«

Auf die Frage, warum überzeugte Autonutzer nicht auf den ÖPNV umsteigen, lautet die Antwort meist: Hier bin ich flexibel und es stört mich keiner! Privatsphäre wird großgeschrieben, ob man nun laut singend das Radio musikalisch begleiten oder per Freisprechanlage telefonieren möchte. Nicht ohne Grund wird das Auto als zweites Wohnzimmer oder sogar als Kokon bezeichnet.

Wie viele von uns haben dagegen schon peinlich berührt neben einem streitenden Pärchen im Bus gesessen oder gezwungenermaßen einer persönlichen Konversation gelauscht? Gleichermaßen hört man von rücksichtsvollen Mitreisenden hier und da den Spruch »Du, ich kann jetzt gerade nicht sprechen, ich sitze im Zug, ich ruf dich nachher zurück…«. Für Biologen und Verhaltensforscher muss der ÖPNV ein wahres Paradies darstellen.

Tierisch: Meinen Mobilitätskomfort mit den Augen anderer sehen

Womit wir uns »on the run« beschäftigen, hat sich über die vergangenen Jahre vor allem mit dem Aufkommen der Smartphones stark gewandelt. Ob dabei die Privatsphäre anderer eingeschränkt wird, hängt stark vom Verhalten der Nutzer und ihrer Fähigkeit ab, sich in andere Personen hineinzuversetzen. Hier können wir unterschiedliche Verhaltenstypen beobachten:

Smartphone-Nutzer vom Typus Maus genießen einen Film oder die Lieblingsmusik per Kopfhörer, chatten still mit Bekannten per Whatsapp oder durchstöbern die neusten Hypes auf Read It – ganz ohne zusätzliche Geräuschkulisse für ihre Umgebung. Mäuse-Typen bringen Beschäftigungsmöglichkeiten des Individuums und die Privatsphäre der Mitreisenden in Einklang. Ihr Sozialverhalten lässt jedem anderen den Raum zur eigenen Gestaltung.

Ganz anders der Nutzertypus Brüllaffe: Sie legen die Füße hoch, verkrümeln genießerisch Dönerhappen auf dem Sitz und beschallen das Zugabteil per Lautsprecher mit Handymusik. Diese Spezies scheint sich überproportional zu vermehren, wenn man bedenkt, dass immer häufiger Verbotsschilder in den Verkehrsmitteln angebracht werden müssen, um die Menschen an etwas Rücksicht zu erinnern. Der Pfau wird bei diesen Moralapostel-Schildern bislang nicht berücksichtigt, auch wenn er als Untergattung des Brüllaffen durchaus nicht aufmerksamkeitsscheu ist: Er schenkt seinen Mitreisenden Beachtung, die sie gar nicht wollen, indem er sie bewusst zum Publikum der ganz persönlichen Show macht. Da werden Mitarbeiter so herum dirigiert, dass jedem im Zugabteil klar ist, dass hier der Chef telefoniert, oder Lebensweisheiten mit einer Inbrunst vorgetragen, als müsse der gesamte Wagon bekehrt werden. Dösende oder anderweitig fokussierte Mitreisende werden schon mal durch steigende Lautstärke oder wildes Gestikulieren darauf aufmerksam gemacht, wo die Musik spielt. Der Pfau ist der Selbstdarsteller unter den Smartphone-Nutzern und der ÖPNV wird schnell zum unfreiwilligen Podium seines schillernden Radschlags.

Der Bahnfahrer als Prosument: Smarte Mobilitätslösungen

Ganz eindeutig widersprechen sich Kommunikationsverhalten und Mobilitätsverhalten in vielerlei Hinsicht. Mit großen Sprüngen in der Kommunikation, wie wir sie in den letzten Jahrzehnten miterleben konnten, entwickeln sich neue Herausforderungen für die Gesellschaft und so auch ein weiteres Forschungsfeld der Mobilitätsnutzung – Lösungen für die veränderten Rahmenbedingungen müssen her. So wie der Kunde heute vielfach zum gestaltenden Prosumenten geworden ist, so sollte er auch selbst beeinflussen können, wie seine kommunikative Umgebung aussieht und vor allem, wie er die Freiheit vor der Kommunikation anderer gestalten kann: Abgetrennte Ruheabteile, um ÖPNV-Nutzern ihre Privatsphäre zu ermöglichen, wären eine Möglichkeit, die auf einen Gewinn an Mobilitätskomfort setzt, aber gleichzeitig die Frage nach der Rentabilität im Massentransport aufwirft. Die stärkere Umsetzung von Verboten wäre eine andere Möglichkeit, die jedoch im Widerspruch zum wesentlichen Vorteil von Bahn und Fernbus steht: Der Möglichkeit, während des Transports auch anderen Beschäftigungen nachzugehen. Sehr viel nachhaltiger wäre es, das unausgesprochene Gesetz der Rücksichtnahme in öffentlichen Verkehrsmitteln wieder zu beleben. Ob und wie das funktionieren kann, ist die weitaus schwierigste Forschungsfrage.

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