SHAPING FUTURE: Bürger, Experten und Designer gestalten Zukunft

Vom 30. Juli bis 26. Oktober 2016 stellt das Center for Responsible Research and Innovation des Fraunhofer IAO erstmals zentrale Ergebnisse des Forschungsprojekts »Shaping Future« aus. Die von Designerinnen und Designern gestalteten spekulativen Prototypen sind im interaktiven Ausstellungsort JOSEPHS® in Nürnberg zu erleben.

Johanna Schmeer hat als Designerin im Prozess mitgewirkt und gibt einen kleinen Einblick in ihre Exponate sowie die Welt von spekulativem Design im Kontext von Forschung und Innovation.

Gesine Last: Was war für Sie als Designerin am Forschungsprojekt »Shaping Future« besonders interessant?

Johanna Schmeer: Am Projekt »Shaping Future« fand ich interessant, dass von Anfang an Bürgerinnen und Bürger am Forschungs- und Entwicklungsprozess beteiligt waren. Die Ergebnisse, die uns zu Beginn des Designprozesses vorlagen, waren sehr vielfältig. Es gab interessante Ideen und Perspektiven von Bürgern und Technologieexperten, die wir bei der Entwicklung der Designkonzepte mit einfließen lassen konnten.

Gesine Last: Für welche der Ideen haben Sie sich entschieden und warum?

Johanna Schmeer: Ich habe mich für den Themenbereich »Body Transformer« entschieden, bei dem es um eine Erweiterung des menschlichen Körpers geht. Hierbei spielen auch ethische Aspekte eine Rolle, zum Beispiel bei leistungssteigernden Technologien oder die inneren Konflikte, die Zukunftstechnologien in Menschen auslösen. Einerseits wünschen sich Menschen neue Produkte oder Dienstleistungen, die ihr Leben leichter machen, andererseits gibt es eine große Skepsis gegenüber bestimmten Technologien. Das war ein guter Ausgangspunkt für meine gestalterische Arbeit. Ich habe versucht, einige dieser zwiespältigen Aspekte in unserem Verhältnis mit und zu neuen Technologien in meinen Entwurf einzufließen zu lassen.

Gesine Last: Was ist für Sie spekulatives Design?

Johanna Schmeer: Wie in anderen konzeptionellen Ansätzen im Design, stehen im Speculative Design Ideen im Vordergrund. Es geht darum, interessante Ideen zu entwickeln, zu testen, zu diskutieren – auch außerhalb des heute Machbaren oder Naheliegenden. Man fragt »Was wäre wenn…?«, um darüber zu diskutieren, wie wir die Zukunft gestalten möchten. Dabei beschäftigen sich aktuell viele Projekte vor allem mit neuen Technologien und deren möglichem Einfluss auf politische, ökologische und soziale Systeme sowie unseren Alltag in der Zukunft.

Gesine Last: Wie sehen Sie die Rolle von spekulativem Design in Forschung und Innovation?

Johanna Schmeer: Es geht im Speculative Design auch darum, zu kommunizieren, dass die Zukunft nicht statisch ist, und dass durch viele Entscheidungen, die heute getroffen werden, in etwa über Gesetze, Produktentwicklungen, Forschungsförderungen, etc., die Zukunft beeinflusst und verändert werden kann.

Für Forschungs- und Innovationsprozesse ist Speculative Design relevant, weil es ermöglicht, interessante, radikale und möglicherweise auch risikobehaftete Ideen zu entwickeln, zu erproben und zu diskutieren. Häufig handelt es sich dabei um Ideen, die in anderen Designprozessen zu schnell durch marktwirtschaftliche Argumente zu verworfen werden würden, die bei näherer Betrachtung aber wichtige Impulse geben können und sich möglicherweise auf in näherer Zukunft umsetzungsfähige Lösungsansätze übertragen lassen.

Gesine Last: Stellen Sie uns Ihre Exponat-Serie HUMAN+ CARBON- bitte kurz vor.

Johanna Schmeer: HUMAN+ CARBON- ist eine Serie von spekulativen Designobjekten, die den menschlichen Körper im Jahr 2053 mit verschiedenen Technologien erweitern. Jedes dieser Objekte leistet einen Beitrag, um den ökologischen Fußabdruck des Nutzenden zu reduzieren – durch nachhaltigen Konsum, Luftfilterung und biologische Beleuchtung.

Die Serie wurde entworfen, um folgende spezifische Fragen zu diskutieren:

  • Wie fühlt es sich an, mehr und mehr Technologie im und am Körper zu tragen, selbst für elementarste Körperfunktionen wie das Atmen?
  • Fühlt sich im digitalen Zeitalter das Tragen biologischer Materialien wie beispielsweise Algen am Körper »unnatürlicher« an als das Tragen elektronischer Komponenten?
  • Wären wir bereit, Technologie am Körper zu tragen, um einen Beitrag für die Umwelt oder die Gemeinschaft zu leisten?
  • Wollen wir versuchen, unsere Körper mittels Technologie an künftige Umweltveränderungen anzupassen oder entscheiden wir uns dafür, den menschlichen Einfluss auf die Umwelt zu reduzieren?

Gesine Last: Sie leben und arbeiten in Berlin und London. Inwiefern beeinflussen diese beiden Metropolen Ihre Sicht auf die Welt von morgen?

Johanna Schmeer: Vor allem bezüglich Kooperationen zwischen Wissenschaftlern, Forschern, Künstlern und Designern habe ich oft das Gefühl, dass London Berlin um Jahre voraus ist. Wobei sich in Berlin in dem Bereich aber auch gerade viel bewegt.

Bacterial Skin Light:
Licht natürlichen Ursprungs, ganz ohne Strom: Fluoreszierende Bakterien lassen sich mit einem Puderstick einfach an gewünschten Körperstellen auftragen. Sie leuchten im Dunkeln und helfen beim Energiesparen, indem sie zum Beispiel die Stirn oder das Handgelenk zum Leuchten bringen. © Johanna Schmeer
Meat Allergy Tick:
Die Produktion von Fleisch verbraucht global enorm hohe Ressourcen. Die hier gezeigte Zecke verursacht durch eine Förderung der Entwicklung von bestimmten Antikörpern im menschlichen Körper eine Fleischallergie. Der Körper reagiert fortan anders auf Fleisch: Nach dem Zeckenbiss ruft Fleischgenuss heftige allergische Reaktionen hervor. © Johanna Schmeer
Pollution Attracting Disk:
Durch ein elektromagnetisches Feld zieht die Disk Feinstaub aus der Atmosphäre. Je mehr Partikel sich auf der Oberfläche ablagern, desto klarer tritt ihr gerastertes Muster hervor. Die Pollution Attracting Disk wird zum dekorativen Objekt, das beim Tragen zugleich die Luft der Umgebung reinigt. © Johanna Schmeer
External Lung Enhancer:
Der External Lung Enhancer ist ein in der Nase tragbares Wearable, das durch die spezielle Beschichtung mit Nanotechnologie und das Prinzip der Photokatalyse Stickoxide aus der Luft filtert. © Johanna Schmeer

Was mein Denken über die Zukunft betrifft, prägen mich aber vor allem meine Aufenthalte an anderen Orten auf der Welt. Anfang des Jahres habe ich zwei Monate in Neu Delhi gelebt und gearbeitet. Ich denke, dass die Diskussionen, die wir in Europa im Designbereich über die Zukunft führen, oft zu wenig globale Aspekte und Perspektiven berücksichtigen.

Gesine Last: Sie bieten zusammen mit Gesine Last zwei Veranstaltungen im JOSEPHS® an. Was genau haben Sie vor?

Johanna Schmeer: Ausgehend von den Exponaten HUMAN+ CARBON- und ADAPTIVE ENVIRONMENT vom Studio milz veranstalten wir am 23. August 2016 einen dreistündigen Speculative Design-Workshop mit interessierten Gästen ab 16 Jahren. Gemeinsam wollen wir in Nürnberg zentrale Fragen des Shaping Future-Projekts sowie verschiedene Zukunftsszenarien diskutieren. Speculative Design verstehen wir dabei als Einladung, sich mit den Auswirkungen aktueller und zukünftiger Entwicklungen kreativ auseinanderzusetzen. Darüber hinaus gibt es zu dem gleichen Thema am 24. August 2016 einen Workshop mit Nürnberger Schülerinnen und Schülern zwischen 10 und 12 Jahren.

Johanna Schmeer ist Künstlerin und Designerin. Sie studierte an der Universität der Künste Berlin und am Royal College of Art in London. Ihre Arbeiten beschäftigen sich mit den sozialen, ethischen und kulturellen Auswirkungen neuer Technologien auf unseren Alltag – heute und in der Zukunft. Ihre Arbeiten wurden international ausgestellt und prämiert, unter anderem im Nationalmuseum Stockholm, Ars Electronica Center Linz, Museum Boijmans in Rotterdam und auf der Architektur Biennale in Venedig. Sie lebt und arbeitet in London und Berlin, wo sie an der Universität der Künste Berlin Produkt Design lehrt.

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Gesine Last

Gesine Last

Gesine Last ist Texterin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Kompetenzteam »Prozessdesign und transformative Methoden« im Fraunhofer IAO »Center for Responsible Research and Innovation«. Sie war im »Shaping Future« Prozess an inhaltlicher Konzeption und Workshop-Moderation beteiligt sowie für Ausstellungstexte, Szenarien und Pressetexte verantwortlich.

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