Smart Cities sind kein Privileg reicher Industrienationen

Möglicherweise war unsere letzte Darstellung zu düster, vielleicht auch nicht. Der springende Punkt jedoch ist, dass eine Smart City auch sinnvolle Perspektiven für Städte in Entwicklungsländern bieten muss. Denn »Smart City« bedeutet zuallererst nicht, eine Stadt mit möglichst teurer, intelligenter Infrastruktur »vollzustopfen«. Der Grundgedanke ist Vernetzung. Es geht darum, alle relevanten Planungsbereiche, Unternehmen und Bürger zu vernetzen, um somit Synergien und Mehrwert für alle zu schaffen.

Die Technologie ist das Mittel zum Zweck. Die Konzepte der Industrienationen – mit ausgereiften Lösungen und High-End-Produkten – sind für deren Zwecke sinnvoll und angebracht. Allerdings lassen sich diese oftmals – allein aufgrund der Investitionskosten – nur schwer auf Slums oder ähnliche Strukturen übertragen. Zwar ist es teilweise nicht mehr angebracht, von »Entwicklungsländern« zu sprechen, da in zahlreichen Regionen mittlerweile Stadtzentren errichtet wurden, welche westlichen Städten in nichts nachstehen oder diese gar übertrumpfen. Jedoch sind diese glänzenden Zentren oft von durch Armut geprägten Vorstädten umschlossen. Diese bekommen so gut wie gar nichts von dem Glanz ab. Vielmehr sorgt das kleine bisschen Glanz dafür, dass der Schatten immer länger wird. Genau für diese immer größer werdenden Gebiete gilt es einfache und kostengünstige Lösungen zu finden. Denn Slums sind ein Teil des Stadtsystems – und ein System ist immer nur so gut, wie sein schwächstes Glied es zulässt.

Fakt ist: Würden wir bereits vorhandene Technologien auch in Entwicklungsländern flächendeckend einsetzen, so ließe sich viel Leid verhindern und die Lebensbedingungen vor Ort verbessern. Hätte es beim Tsunami 2004 bereits ein Frühwarnsystem in Südostasien gegeben, hätten zehntausende von Menschenleben gerettet werden können. Wären in Westafrika adäquate Lösungen im Bereich Wasserinfrastruktur und sanitäre Einrichtungen vorhanden, ließe sich die Ausbreitung von Ebola im Keim ersticken. Existierten umfangreiche meteorologische Messnetze, so könnte der landwirtschaftliche Output optimiert und Hungersnöte, wie sie sich beispielsweise gerade in Äthiopien abzeichnen, verhindert werden. Gäbe es in Staaten wie Nigeria eine stabile Elektrizitätsversorgung, könnten die Arbeitskosten um bis zu 40 Prozent sinken und selbst in weiter entwickelten Ländern wie Mexiko benötigen die Menschen in der Hauptstadt aufgrund des ungeregelten Verkehrs für jede Strecke die doppelte Zeit und stehen rund drei Arbeitswochen jährlich im Stau.

Das Potenzial ist enorm – freuen Sie sich auf mehr!

Das Potenzial für Smart Cities in Entwicklungsländern ist aus zweierlei Hinsicht enorm:

  1. 1. Unsere städtischen Systeme und die Prozesse darin funktionieren bereits sehr gut. Durch den Smart-City-Ansatz können zahlreiche Prozesse optimiert oder auch neu gestaltet werden. In Entwicklungsländern wurden zahlreiche Prozesse bisher gar nicht oder nur unzureichend gesteuert. Durch den Einsatz von Smart-City-Technologien können Bereiche erstmals effizient und schnell gesteuert und somit schnell Erfolge erzielt werden.
  2. 2. Die technologischen Voraussetzungen, um eine wirtschaftliche Umsetzung zu erreichen, sind ebenfalls gegeben. Zahlreiche Entwicklungsländer verfügen bereits über sehr gut ausgebaute Mobilfunknetze und die hier erschlossenen Anwendungsmöglichkeiten digitaler Endgeräte würden die meisten deutschen Nutzer vor Neid erblassen lassen. Die Bedingung der Vernetzung und Kommunikation ist also theoretisch bereits erfüllt. Hinzu kommen zahlreiche ausgereifte Softwareprodukte im Bereich Geoinformation, Datenbankmanagement und Programmierung, welche frei verfügbar sind und somit keine Investitionskosten erfordern. Auch im Bereich der Hardware und Sensorik sind mittlerweile preisgünstige Open-Source-Produkte erhältlich. Preisgünstigen Lösungen steht somit nichts im Wege.

So konnte durch ein Pilotprojekt gezeigt werden, dass durch eine relativ simple Anwendung der Organisationsaufwand für eine dringende Operation in einem Entwicklungsland von zwei Tagen auf wenige Stunden reduziert werden kann.

Wenn Sie sich nun fragen, was dahinter steckt und wie konkrete Lösungen für die Implementierung von Smart-City-Ansätzen in Entwicklungsländern aussehen können, dann sind Sie hier genau richtig. In unserer Reihe »Smart Cities in Entwicklungsländern« werden wir Sie von nun an über aktuelle Trends und Entwicklungen, technische Lösungen, Prozessmanagement sowie über die sozialen und wirtschaftlichen Perspektiven von Smart Cities in Entwicklungsländern informieren.

Leselinks:

Tobias Männel

Tobias Männel

Erforscht im Zusammenhang mit Logistik und Stadtsystemen am Kompetenzzentrum LOGWERT neue Anwendungen für Geoinformationen, Sensorik und Automatisierungsverfahren. Geht gerne auf Reisen und ist an allem interessiert, was mit der Volksrepublik China und der Erschließung neuer Märkte zu tun hat.

Autorenprofil - Website - LinkedIn