Standstreifen statt Überholspur – Wieso das Taxigewerbe so nicht mehr funktionieren kann

Ambient Mobility Lab

Same procedure as every year: Wer nach der Silvesterfeier zitternd in der Kälte stand, weil die öffentlichen Verkehrsmittel schon den Betrieb eingestellt hatten, war auf einmal unglaublich froh über die Nummer eines Taxiunternehmens, die für Notfälle im Handy eingespeichert war.
Genau diese Situation beschreibt ganz gut, was das Taxi für uns geworden ist – nämlich eine Notlösung. Egal ob Krankentransport, Bahnstreik oder Alkoholkonsum, erst in Ausnahmezuständen erinnern wir uns wieder an die elfenbeinfarbenen Retter. Aber wie kommt es, dass eine durchaus angesehene Dienstleistung wie das Taxi nicht mehr funktioniert? Statistiken zeigen, dass die Anzahl der mit dem Taxi beförderten Personen seit Jahren stagniert. Dabei war unser Bedürfnis nach Mobilität nie größer als heute. Hat das Taxi schlichtweg die Ausfahrt in Richtung Zukunft verpasst?

Das Prinzip »Taxi« ist ein alter Hut

In grauen Vorzeiten, als der Transport von Personen und Gütern noch eine große Herausforderung darstellte, waren die ersten leihbaren Pferdekutschen eine große Errungenschaft. Dementsprechend hoch frequentiert waren die so genannten Fiaker, sodass 1739 das »Lohnfuhrwesen« genehmigt wurde, quasi die Urform des heutigen Taxigewerbes. Natürlich hat sich im Hinblick auf die Technik bis heute viel getan. Das Taxameter erlaubte die einheitliche Abrechnung von Fahrtpreisen und bereits1897 war in Stuttgart die erste motorisierte Droschke unterwegs. Seitdem hat sich am Grundprinzip des Taxis allerdings nicht mehr viel verändert. Die Gesellschaft dagegen hat sich in rasantem Tempo weiterentwickelt.

Wo bleibt die (R)Evolution des Taxis?

In einer Zeit, in der die Mehrheit der erwerbstätigen Bevölkerung in Deutschland über mindestens ein eigenes Auto verfügt, verlieren Taxis immer weiter an Bedeutung. Zusätzlich sorgen Themen wie Ressourcenknappheit und CO2-Belastung dafür, dass sich die Menschen mehr Gedanken über die Effizienz und Umweltfreundlichkeit ihrer Beförderungsmittel machen. Auch hier kommt das Taxi eher schlecht weg. Durch die geringe Auslastung der Fahrzeugflotten kommt es so zu weiteren unangenehmen Nebeneffekten: Die Grundpreise steigen, die Fahrer sind genervt, weil sie lange Wartezeiten in Kauf nehmen müssen. Dies sind nur wenige von vielen Faktoren, die nach einer ebenso revolutionären wie innovativen Lösung für das Taxigewerbe verlangen.

Innovation gegen Stagnation

Das Forschungsprojekt »Future Urban Taxi« des Fraunhofer IAO in Kooperation mit dem Senseable City Lab am Massachusetts Institute of Technology (MIT) setzt sich genau mit diesen Herausforderungen auseinander, um intelligente Lösungen für das Taxi der Zukunft zu entwickeln. Welche Anforderungen haben Kunden und Taxiunternehmer heutzutage an das Gewerbe? Und wie kann man diese möglichst nachhaltig in die Tat umsetzen? Die Vision der Forscher ist das geteilte, elektrische und perfekt an die Stadt angepasste Taxi, das in manchen Gebieten vielleicht auch autonom unterwegs sein wird. Im Fokus steht dabei die sogenannte Konvergenz des Taxis in das Mobilitätssystem einer konkreten Stadt, sprich die Frage: Wie muss ein Taximodell aussehen, damit es optimal zur konkreten Stadtumgebung passt? Hier werden beispielsweise verschiedene Szenarien aufgestellt, Geschäftsmodelle bewertet und weiterentwickelt und Zusammenhänge zwischen dem Taxi und anderen Systemen der ausgewählten Stadt ermittelt (Verkehrssystem, Bürger, rechtliche Vorgaben, Wetter etc.).

Auch die Studenten der Hochschule Reutlingen haben sich im Rahmen eines Semesterprojekts Gedanken darüber gemacht, wie Taxis in nicht allzu ferner Zukunft aussehen könnten. Ein paar ausgewählte futuristische Konzepte werden wir euch im nächsten Blogbeitrag zu Future Urban Taxi vorstellen.

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Susanne Schatzinger

Susanne Schatzinger

Stadt- und Mobilitätsforscherin am Fraunhofer IAO. Die Geographin und Kulturwissenschaftlerin mit Chinesisch-Kenntnissen bloggt derzeit am liebsten zum Thema Taxi der Zukunft. Dienstfahrten erledigt sie aber meist mit einem der über 40 Elektrofahrzeuge, die sich in der IAO-Forschungsflotte befinden. In Ihrer Freizeit fährt sie gerne Motorrad.

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