Streiks als Forschungsbeschleuniger oder: Wie man am eigenen Gleis sägt

Ein weiteres Mal binnen weniger Wochen stellt sich Deutschland auf einen Streik bei der Bahn ein. Nun sollte man denken, dass Streiks als strategische Mittel genutzt würden, um auf suboptimale Arbeitsbedingungen einer Berufsgruppe hinzuweisen. In den letzten Monaten hatten einige Streiks jedoch einen interessanten Nebeneffekt: die Gefährdung der eigenen Berufsgruppe.

Man erinnere sich an die Streiks der Taxifahrer im Juni gegen Konkurrenz aus dem Internet (Uber bzw. Taxi-Apps). Dieser sorgte für einen regelrechten Boom genau bei den Angeboten, gegen die protestiert wurde. So gingen am Streiktag bis zu 11 mal mehr Neukundenanmeldungen bei Uber ein als sonst.

Beim Bahnstreik ist der selbstschädigende Effekt (neben dem Fernbus-Boom) nicht ganz so offensichtlich, dafür potenziell umso einschneidender. Just zur Streikankündigung veröffentlichte die Bahn in ihrer Mitarbeiterzeitung einen Bericht, der fahrerlose Züge anpries. Dies erinnert an die aufkommende und immer intensiver werdende Beschäftigung von Forschern und Unternehmen mit autonom fahrenden Autos. Google arbeitet an ihnen, ebenso wie Elektrofahrzeugpionier Tesla – und dem Fraunhofer IAO.

Offensichtlich ist das Fahren auf einer Straße wesentlich komplexer als auf Gleisen. Nicht umsonst verwendet man die Redewendung »der fährt wie auf Schienen«, wenn ein Auto leicht zu steuern ist. Was mich zu meinem Punkt bringt:

Fahrerlose Züge sind keine Zukunftsmusik, sondern Realität! Ein simpler Blick in Wikipedia genügt, um dies festzustellen. Bei diesem Blick bemerkt man ebenfalls, dass Deutschland im Vergleich mit anderen Industrieländern nur sehr wenige automatisierte Züge im Einsatz hat. Das hat eher mit grundsätzlichen Vorbehalten gegenüber technischer Automatisierung zu tun als mit dem technischen Reifegrad (fahren Sie mal eine Weile in einer automatisierten Bahn in Singapur oder Japan). Exakt diese Vorbehalte sind es, die die Lokführer – im Moment noch – als Wettbewerbsvorteil haben. Die aktuellen Entwicklungen lassen die Deutschen diese Vorbehalte jedoch überdenken. Fahrerlose Züge werden bereits in der Boulevardpresse diskutiert.

Auch wenn der aktuelle Streik sicherlich ein großes Druckpotenzial hat, wird klar, dass dieses nur kurz- und mittelfristig besteht. Wenn man Menschen dazu zwingt, über Alternativen zu sich selbst nachzudenken, wird man langfristig nicht mehr gebraucht. Man beschleunigt viel mehr jene Entwicklung, die einen am Ende ersetzbar macht. Denn: Alternativen gibt es bzw. wird es bald geben.

Was sagt eigentlich Herr Weselsky von der GDL zur möglichen Gefahr durch eine fahrerlose Bahn? Seine Antwort spielt auf die genannten Vorbehalte gegenüber Automatisierung an, indem er die Drohkulisse aufbaut: »Was ist, wenn es brennt? Wer übernimmt die Evakuierung?«

Lieber Herr Weselsky, ein kleines Gedankenspiel hierzu: Wenn sich die Bahn die Lokführer spart, werden diese Ressourcen für entsprechend ausgebildetes Sicherheitspersonal frei (oft sind die eh schon mit an Bord) oder gleich für Feuerwehrmänner. Letztere streiken übrigens so gut wie nie – und zählen zu den beliebtesten und meist respektierten Berufsgruppen Deutschlands.

Übrigens: Will Ihr Unternehmen ebenfalls umdenken? Das Fraunhofer IAO entwickelt neuartige Logistikkonzepte für Produktionsbetriebe ebenso wie Konzepte zum automatisierten Fahren oder zum betrieblichen Mobilitätsmanagement. Schauen Sie mal rein: www.muse.iao.fraunhofer.de

Marius Brand

Marius Brand

Marius Brand hat das Institut 2015 verlassen.

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