Stress und Burnout: Unnötig, unwirtschaftlich und häufig vermeidbar

»Stress bei der Arbeit kann vorkommen, aber nicht dauerhaft. Und er darf auch nicht krankmachen.« warnte Arbeitsministerin Ursula von der Leyen bei der Vorstellung des Stressreports 2012. Nehmen wir die Ministerin beim Wort und gehen den Ursachen von Stress auf den Grund. Stress entsteht aus Überlastung, verursacht durch Zeit- und Leistungsdruck, aber auch durch Multitasking, Störungen oder zu komplexe Aufgaben. Die Mitarbeiter haben nicht die Möglichkeit, die an sie gestellten Leistungsanforderungen zu bewältigen.
Ob ein Mitarbeiter seine Aufgaben erfüllen und die Termine einhalten kann, hängt von der Gestaltung der Arbeit in Produktion und Büros ab. Stress entsteht aus Defiziten in Organisation, Führung und Technik. Mangelt es an Hilfsmitteln? Passt die Qualifikation? Werden Störungen beseitigt oder holpern die Prozesse? Auch macht es einen Unterschied, ob die Führung bei Problemen den Druck erhöht, oder ob sie Unterstützung für den Mitarbeiter organisiert.
Es gibt viele Gestaltungsansätze zur Stressvermeidung auf Betriebsebene – und Stress sollte vermieden werden, denn Überlastung ist kein Problem nur der Mitarbeiter.

Gestresste Mitarbeiter – gestresstes Unternehmen
Wenn die Leistungsbedingungen nicht stimmen, werden nicht nur die Beschäftigten überlastet, sondern das gesamte System Unternehmen. Typisch für überlastete Systeme sind ein schlechter Wirkungsgrad und ein hoher Verschleiß. Überlastung macht aus kompetenten Mitarbeitern potenzielle Fehlerquellen, aus Teams Haifischbecken und aus Prozessen ein störungsanfälliges Durcheinander. Im schlanken Unternehmen betrachtet man das als Verschwendung.
Außerdem erreicht ein überlastetes System die Leistungsergebnisse nicht zuverlässig. Ein überlastetes Unternehmen büßt seine Zuverlässigkeit in Lieferketten und Partnerschaften ein. Lieferzeiten sind zu lang, Termine platzen und Qualitätsmängel schlagen durch. Überdies kommen Strategien und Innovationen nicht voran und es gelingt nicht, Störungen auszuräumen. Selbst wichtige Aufgaben bleiben oft liegen.

Systemischer Teufelskreis: Stress erzeugt mehr Stress
Sogar die Stressbewältigung kann zu einem neuen Stressfaktor für die Mitarbeiter werden: Bei den Beschäftigten entwickelt sich Sorge, die Anforderungen nicht zu erfüllen. Je größer die Diskrepanz zwischen den Möglichkeiten und den Arbeitsanforderungen ist, umso mehr zusätzliche geistige Anstrengung müssen die Betroffenen erbringen, um die Leistungserwartungen trotzdem zu erfüllen. Intensiver Stress, chronische Ermüdung und Burnout werden wahrscheinlicher.
Um die Anforderungen trotzdem zu erfüllen, muss der zeitliche Einsatz erhöht werden. Zeit- und Leistungsdruck steigen noch einmal. Weil die Qualität der Ergebnisse oft trotzdem nicht ausreicht, steigert manch ein Leistungsträger seinen geistigen und zeitlichen Einsatz weiter. Ein Teufelskreis von Selbstausbeutung und Selbstzerstörung kann in Gang kommen. Oder aber die Betroffenen resignieren. Dann verschlechtert Demotivation die Produktivität und die Ergebnisse zusätzlich. Trotzdem resultiert auch in diesem Fall Stress für die Mitarbeiter als Folge von Misserfolgen und nicht erfüllten Leistungserwartungen.

Überlastung stresst die Beschäftigten und das Unternehmen

Bild 1: Überlastung stresst die Beschäftigten und das Unternehmen

 

Vor dem Hintergrund dieses Teufelskreises wundert es mich nicht, dass Stress und arbeitsbedingte psychische Erkrankungen bis hin zum Burnout stark zunehmen. Das belastet nicht nur das Gesundheitswesen und den sozialen Frieden. Langfristig verliert das Unternehmen weiter an Wettbewerbsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit, etwa wegen Fehltagen und Einsatzbeschränkungen der alternden Belegschaft. Eine sinkende Attraktivität als Arbeitgeber in Verbindung mit der demographischen Entwicklung schneiden das Unternehmen vom Nachwuchs ab. Aus guten Unternehmen werden schlechte, die unternehmerischen Ziele sind gefährdet.


Alarmsignal Stress

Schmerz und Krankheit, die natürlichen Warnsignale der Menschen, machen Überlastungen im Unternehmen frühzeitig sichtbar. Einfache Checklisten reichen, um Stress zu aufzudecken. In Workshops, bei Bedarf unterstützt von Experten, können die betroffenen Mitarbeiter Abstellmaßnahmen umsetzen (dagegen ist die Festlegung allgemeingültiger Grenzwerte für psychische Fehlbelastungen methodisch und politisch problematisch). Gründliche Arbeitsvorbereitung, kontinuierliche Verbesserung und systematische Problemlösungsprozesse, am besten gemeinsam mit allen Betroffenen, werden zu wichtigen Führungsaufgaben.
In vielen Unternehmen liegen noch beträchtliche Potenziale bezüglich der Arbeitsgestaltung brach, wie beispielsweise Erfahrungen aus unseren Umsetzungsprojekten zeigen. Diese erschließen typischerweise Verbesserungen von mindestens 20%, teilweise sogar deutlich mehr, in Bezug auf die gewünschten Leistungsdaten und die Produktivität. Außerdem zeigt sich immer wieder, dass Maßnahmen der Arbeitsgestaltung oftmals kaum Investitionen erfordern und dass selbst ergonomisch getriebene Verbesserungen von wenigen Ausnahmen abgesehen die Produktivität erhöhen.

Fazit: Gesundheit und Produktivität sind kein Widerspruch – im Gegenteil! Der Schlüssel gegen Stress liegt in der Gestaltung der Arbeit. Übersichtliche Organisation, unterstützende Führung und leistungsfähige Technik reduzieren Stress für die Beschäftigten und erhöhen die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens. Wirkungsvolle Maßnahmen sind oft schnell und einfach umsetzbar.

Es lohnt sich, auf den Internetseiten der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zu stöbern. Dort findet sich unter anderem der Stressreport 2012 (.pdf) sowie Stress-Checklisten.
In früheren Blogbeiträgen habe ich herausgearbeitet, wie eine ungeeignete Arbeitsgestaltung zu einer Überlastung von Beschäftigten und Unternehmen führt.
Kampf gegen Windmühlen: Lösen wir die falschen Management-Probleme?
Bürokratieabbau in Unternehmen: Die prozessgerechte Aufbauorganisation
Die Illusion der Planbarkeit: Falsches Komplexitätsmanagement als betriebliche Fehlerquelle