Urbane Mobilität: Die bequemen Lösungen von heute sind die unbequemen Aufgaben von morgen

Stuttgart hat den höchsten Pro-Kopf-PKW-Bestand Deutschlands. Der Anteil der PKW-Fahrten im Vergleich zu S-Bahn, Bus, Fuß oder Fahrrad ist in der Schwabenmetropole dementsprechend hoch. Für den Automobilstandort klingt das recht positiv, doch für die Stadt und ihre Bewohner wird es zunehmend unbequemer: Die Luftqualität leidet, die Lärmbelastung nimmt zu, die Parkplatzsuche kostet Zeit und der Stadtraum ist weiterhin stark auf den Automobilverkehr ausgerichtet. Trotzdem wird das Auto von vielen Stuttgarterinnen und Stuttgartern weiterhin als bequeme Lösung angesehen, um von A nach B zu gelangen. Solange das so bleibt – auch deshalb, weil Gewohnheit bequem und Umstellung unbequem ist – wird sich die Situation nicht verbessern. Es sei denn, wir nehmen die Herausforderungen an, die aus den bequemen Lösungen im Individualverkehr hervorgehen und bewegen mehr Menschen zum Umstieg vom Auto auf den Umweltverbund.

Nutzer nutzen

Die städtische Mobilität der Zukunft gestaltet sich (zumindest in Deutschland) intermodal und divers. Das Verkehrssystem mit einem Masterplan einmal in fünfzig Jahren anzupacken und »bereit für die Zukunft« zu machen, reicht nicht aus. Es geht um einen konstanten Prozess der Anpassung. Grundlage für die Rentabilität des Systems ist die Nutzung, die stark individuell und subjektiv bedingt ist. Daher muss der Nutzer in die Prozesse eingebunden werden, z. B. indem er die Möglichkeit bekommt, Probleme oder Schwachstellen zu melden – und das tagesaktuell. Das Feedback greift für den ÖPNV beispielsweise Themen wie überquellende Mülleimer, kaputte Fahrkartenautomaten, fehlende Beleuchtung oder überlastete Waggons auf. Der Anbieter kann dann konkret auf die Wünsche des Kunden eingehen und somit die Fahrt mit den Öffentlichen attraktiver gestalten.

Komfort als Anreiz – das Projekt »Urbaner Mobilitätskomfort«

Im Projekt »Urbaner Mobilitätskomfort – Region Stuttgart« wird zunächst ein Modell für den urbanen Mobilitätskomfort entwickelt. Gehen wir davon aus, dass der gefühlte Komfort wesentlich zur Wahl eines Verkehrsmittels beiträgt, müssen wir Komfort zunächst einmal verstehen. Seit Jahren wird der Fahrkomfort in PKWs vorangetrieben, z. B. durch bequeme Sitze, einen leisen Innenraum oder praktische On-Board-Systeme. Der Komfort städtischer Mobilitätssysteme, die hauptsächlich durch viele verschiedene Transportmittel und Umstiege geprägt sind, ist nicht annähernd so ausgiebig erforscht und fließt daher weniger stark in die Ausgestaltung des Mobilitätssystems ein. Weitläufig bekannte Ansätze beschäftigen sich beispielsweise mit Barrierefreiheit oder der häufigeren Taktung zu Stoßzeiten, um eine Überlastung der einzelnen Verkehrsmittel zu vermeiden. Zum Komfort tragen jedoch weitaus mehr Faktoren bei, wie z. B. Sauberkeit, Sicherheit oder Flexibilität.

Steht dieses Komfortmodell, wird es in einen Mobiltelefon-App-Demonstrator überführt. Das heißt auf Deutsch: Wir wollen eine App für die Region Stuttgart entwickeln, die dem Nutzer die Möglichkeit gibt, sich an der Verbesserung des Mobilitätskomforts zu beteiligen. Die Rentnerin, die unter der Woche außerhalb der Rush-hour mit dem Rollstuhl zum Arzt unterwegs ist, hat dabei völlig andere Anforderungen als ein Jugendlicher auf dem spätabendlichen Heimweg am Wochenende oder derselbe Jugendliche an einem Werktag auf dem Weg zu seiner Abi-Prüfung. Diese unterschiedlichen Mobilitätstypen werden in der App berücksichtigt und weiterentwickelt. Wäre es nicht toll, eine Anwendung zu haben, die dir nicht nur die schnellste oder kostengünstigste, sondern auch die komfortabelste Route von A nach B unter Berücksichtigung deines Mobilitätstypus vorschlägt?

Ein Komfortsystem als bequeme Lösung mit Zukunftsfaktor

Jeder ruht sich gerne hin und wieder mal aus und macht es sich bequem. Der richtige Ausgleich zwischen Bequemlichkeit und Unternehmungsdrang ist gesund – für den Menschen ebenso wie für eine Stadtregion. Manchmal bewährt sich das Beobachten, Abwarten und Überdenken, manchmal ist es sinnvoll, aus der Reihe zu tanzen und als erster einen neuen Trend zu setzen. Für das Projekt »Urbaner Mobilitätskomfort – Region Stuttgart« bedeutet die Analyse des aktuellen Systems und der Einbezug der Nutzer langfristig einen klaren Gewinn an Komfort. Entgegen des Sprichworts im Titel dieses Beitrags werden die Lösungen bequem UND nachhaltig gestaltet sein. Als Schmankerl gibt es eine technische Spielerei, die App.

Möchten Sie sehen, wie das Projekt »Urbaner Mobilitätskomfort – Region Stuttgart« praktisch aussieht? Schauen Sie rein in unseren Kurzfilm. Er zeigt die Herangehensweise des Forschungsprojekts um Mobilitätskomfort zu erfassen und nimmt außerdem teil am Web-Video-Wettbewerb für die Wissenschaft: www.fastforwardscience.de. Also Daumen hoch, wenn Ihnen unser Video gefällt!

Weitere Informationen zu unserem Projekt finden Sie unter:
http://www.muse.iao.fraunhofer.de