Wann kommen die Menschen in die Morgenstadt?

Eindrücke von der CeBIT 2013
Eindrücke von der CeBIT 2013

Das Spannendste an einer Messe ist für mich immer der persönliche Austausch in Gesprächen mit höchst unterschiedlichen Menschen, die sich durch unterschiedlichen Background auszeichnen. So vielfältig wie die Menschen, die unser CeBIT-Exponat zur Fraunhofer-Initiative »Morgenstadt« besuchen, sind auch deren Reaktionen darauf: Auf der einen Seite herrscht große Faszination darüber, was Technik heute und in Zukunft möglich macht – manch einer fühlt sich in einen Science Fiction-Film versetzt: Alles ist perfekt vernetzt und automatisiert, produzierte Energie wird gespeichert und kann wiederverwendet werden. Aber simulierte Welten wirken häufig clean, fast steril, da sie nie das gesamte menschliche Erleben nachbilden können. Und so kommt die Frage auf:

Wo bleibt der Mensch bei aller Technik?

Ist er nur ein Rädchen in der komplett vernetzten, digitalisierten und technisierten Stadt der Zukunft? Wie kommt der steigende Anteil älterer Menschen in dieser Zukunft zurecht? Welche Auswirkungen haben Gentrifizierungsprozesse in der Stadt von morgen? Finden soziale Kontakte bald nur noch über digitale Netzwerke statt? Werden wir alle zu »gläsernen Menschen«?

Zunächst berechtigte Fragen, wenn man per Animationsfilm den Ausflug in die Morgenstadt unternimmt. Doch zeigt dieser Film heute ja nicht die Idealvorstellung der Stadt der Zukunft, sondern veranschaulicht vielmehr diverse technische Einsatzmöglichkeiten und Anwendungsbereiche unterschiedlicher Technologien, frei nach dem Motto »Entdecke die Möglichkeiten«. Dies ist auch die zentrale Herausforderung für die Morgenstadt – nämlich den technologischen Fortschritt und die Bedürfnisse der Menschen auf dem Weg hin zu lebenswerten und nachhaltigen Städten zusammenzuführen. In konkreten Umsetzungsprojekten verfolgt Fraunhofer stets einen ganzheitlichen Ansatz, der von Anfang an den Menschen mit seinen Bedürfnissen im Kontext von Gesellschaft und Umwelt betrachtet. Ein paar Beispiele aus der IAO-Forschung verdeutlichen dies:

Mensch und Maschine

Technik sollte den Menschen weder kontrollieren noch ausschließen, sondern vielmehr »unsichtbar« unterstützen und das Leben leichter machen. Mit unseren Forschungen im Bereich »Ambient Assisted Living« – kurz AAL – verfolgen wir genau diese Idee. Dass Technik momentan noch weit davon entfernt ist, uns ganz unbemerkt das Leben leichter zu machen, stellen wir im täglichen Kampf mit den unterschiedlichsten Devices, Geräten, Automaten oder Softwareanwendungen fest. Die intuitive Gestaltung der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine ist daher ein zentrales Forschungsfeld des IAO, das sich quer über viele andere Forschungsbereiche zieht.

Mensch und Mitbestimmung

Damit aus Menschen in der Stadt der Zukunft keine Wutbürger werden, gilt es Wege zu finden, diese an Veränderungsprozesse in der Stadt angemessen zu beteiligen – wie städtische Großprojekte in der jüngsten Vergangenheit gezeigt haben. Auch hier kann Technik hilfreich sein: Mit dem 3D-Planungstool »Virtual CityScapes« bieten wir Stadtplanern, Architekten und Kommunen die Möglichkeit, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Sie können zum einen der Öffentlichkeit ihre Vision sichtbar machen und Verständnis dafür schaffen, zum anderen hilft das Tool dabei, die Planungen effizient und kostengünstig zu gestalten.

Mensch und Alter(n)

Über die eigene Zukunft mitbestimmen will auch der wachsende Anteil älterer Menschen. Wie würdiges Altern gelingen kann und welche Rolle Technik wiederum dabei spielen kann, untersuchen wir u.a. im Projekt »Pflege 2020«.

Mensch und Mobilität

Das Ziel ist klar definiert: Eine Million Elektro-Fahrzeuge bis 2020. Um die Menschen und Städte auf dem Weg dorthin mitzunehmen, hat das Fraunhofer IAO vielfältige Forschungsaktivitäten angestoßen und bietet Städten und Kommunen im »Innovationsnetzwerk Elektromobile Stadt« sowie auf dem IAO-Blog eine Plattform, die elektromobile Zukunft gemeinsam zu gestalten.

Mensch und Sicherheit

Wo Menschen in Massen aufeinandertreffen, kann ein kleiner Zwischenfall schnell zu einer großen Katastrophe ausarten. Wie sich Informationstechnik für das Krisenmanagement bei Katastrophen einsetzen lässt, erforscht das Fraunhofer IAO nicht nur in der Morgenstadt-Initiative, sondern in vielen weiteren öffentlichen Projekten rund um IT und Zivile Sicherheit.

Mensch und Produktion

Cyber-Physical Systems (CPS) in der Industrie 4.0 klingen zunächst auch nicht sehr menschlich – am IAO lautet die Formel für Industrie 4.0 jedoch: Mensch + Technik = Erfolg. Denn Industrie 4.0 ist für uns kein rein technisches Phänomen, sondern die Verbindung zwischen Menschen und intelligenten Objekten. Diese kann nicht wie ein Roboter einfach in der Fabrik implementiert werden, sondern wird von einem tiefgreifenden Change-Prozess in der Arbeitsorganisation begleitet.
Die Reaktionen auf der CeBIT haben uns gezeigt, dass das Thema Zukunft immer wieder alte Ängste schürt: Werden wir in Zukunft von Maschinen beherrscht?
Wir denken, dass in Zukunft die Technik aus unserem Alltag noch weniger wegzudenken sein wird und wir forschen daher jeden Tag daran, wie wir Technik so integrieren können, dass sie sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert. Diese Erkenntnisse bringen wir auch in verschiedenen Initiativen der Bundesregierung ein, wie aktuell in der »Nationalen Plattform Zukunftsstadt«. Ganz im Sinne unserer Fraunhofer-Mission: Forschung von Menschen für Menschen.
Wie human unsere Zukunft aussieht, das wird nicht durch Maschinen bestimmt werden, wird in unseren eigenen Händen liegen:
»Wir dürfen nicht vergessen, dass die Zukunft zwar gewiss nicht in unsere Hand gegeben ist, dass sie aber ebenso gewiss doch auch nicht ganz außerhalb unserer Macht steht.«
Epikur, Philosophie der Freude

Blog-Redaktion

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Redaktions- und Social-Media-Team des IAO-Blogs. Wir berichten regelmäßig »backstage« mit Selbstanalysen und Zahlen zum Blog, liefern Stimmungsbilder und Anekdoten oder thematisieren übergreifende Themen des Instituts.

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