Warum Wissenschaftler gründen müssen!

Wissenschaftliche Erkenntnisse bleiben in Deutschland viel zu oft im Elfenbeinturm und erreichen viel zu selten wirtschaftliche Relevanz in Form von innovativen Geschäftsmodellen oder zukunftweisenden Produkten. Nicht nur im internationalen Vergleich, sondern auch absolut gesehen ist die akademische Gründerquote hierzulande nicht zufriedenstellend.

Das Problem: Unsere Wissenschaftskultur

Weniger als 1 Prozent der Unternehmensgründungen geschehen aus Wissenschaftseinrichtungen heraus. Auch Patent- und Lizenzverwertungen bleiben hinter den Erwartungen zurück. Scheinbar mangelt es an Strukturen und förderlichen Rahmenbedingungen, die den Wissens- und Technologietransfer in Deutschland unterstützen und die Anwendbarkeit und Verwertung wissenschaftlicher Erkenntnisse für die Wirtschaft und Gesellschaft erleichtern. Gründungskultur und »Entrepreneurial Spirit« scheinen im deutschen Wissenschaftssystem immer noch Mangelware zu sein.

Die Lösung: Unsere Wissenschaftskultur

Die gute Nachricht: Die Potenziale sind vorhanden, um dieses Problem anzugehen. Deutschland ist traditionell ein Land der Technik und Innovation. In den aktuellen Innovationsrankings belegt Deutschland eine führende Position. Es gibt zahlreiche international anerkannte Forschungseinrichtungen. Die Investitionen in Forschung und Entwicklung liegen mit einem Anteil von knapp drei Prozent am Bruttoinlandsprodukt überdurchschnittlich hoch. Wie können diese Potenziale nun umgesetzt werden? Durch die Förderung von akademischem Entrepreneurship – oder auch wissenschaftlichen (Aus-) Gründungen, akademischen Start-Ups, wissenschaftlichen Spin-offs oder einfach Unternehmensgründungen von Wissenschaftlern!

Was ist nun genau unter »Academic Entrepreneurship« zu verstehen? Das Thema umfasst im weitesten Sinne Aktivitäten, Personen, Programme und Organisationen, die der wirtschaftlichen Verwertung wissenschaftlicher Erkenntnisse dienen. Es geht vor allem die Weiterentwicklung »roher« Technologien und deren Umsetzung in marktfähige Produkte, aber auch um den Transfer von reinem (Experten-) Wissen in Geschäftsmodelle – die vielleicht wichtigste Facette des Wissens- und Technologietransfers. Unter akademischen Spin-offs verstehen wir unternehmerische Organisationen, die unter Beteiligung von Wissenschaftlern aus öffentlichen Forschungseinrichtungen heraus gegründet worden sind. Sie zeichnen sich immer durch zwei Facetten aus: Sie müssen von einem oder mehreren Wissenschaftlern gegründet sein und auf dem Transfer einer Kerntechnologie bzw. von (Experten-) Wissen aus der Mutterorganisation basieren.

Das Warum bzw. die Warums

Warum Wissenschaftler gründen sollen? Die Profiteure sind so vielfältig und wie weitreichend:

In erster Linie profitieren die Wissenschaftler selbst: Mit einer Unternehmensgründung kann der wissenschaftliche Gründer seine eigene Arbeitssituation nicht nur selbst gestalten, sondern in vieler Hinsicht deutlich verbessern und den Limitierungen und Grenzen der wissenschaftlichen Arbeitssituation entkommen. Ist das gegründete Unternehmen dann erfolgreich, verbessern sich auch die quantitativen (finanziellen) Faktoren (super, Glückwunsch!). Selbst wenn ein Spin-off nicht erfolgreich sein sollte, hat ein Gründer trotzdem viele entscheidende Schlüsselkompetenzen erworben: Er hat betriebswirtschaftliche, praktische und Marktkenntnisse erlangt und sich somit in jedem Fall attraktiver für Industrie- und Wirtschaftsunternehmen gemacht. Personaler würden sagen, er hat seine »Employability« erhöht (auch in diesem Fall gilt also: super, Glückwunsch!).

Gründungen haben auch eine global-gesellschaftliche Komponente: Bis 2025 müssen 600 Millionen neue Jobs weltweit entstehen, damit eine angemessene Bevölkerungsrate in einem Arbeitsverhältnis ist. Da nicht davon auszugehen ist, dass existierende Unternehmen ausreichend wachsen, bedarf es neuer Unternehmensgründungen, die Arbeitsplätze kreieren. Da sich wissenschaftliche Unternehmensgründungen durch schnelles Wachstum bezüglich Umsatz und Mitarbeiteranzahl auszeichnen, erscheinen sie vor diesem Hintergrund besonders bedeutsam.

Weg vom Globalgalaktischen hat akademisches Entrepreneurship vor allem positive Auswirkungen auf die deutsche Volkswirtschaft und das deutsche Innovationssystem: Nirgendwo liegt so viel (Experten-) Wissen, Innovationspotenzial und Ideenreichtum wie in der Wissenschaft. Die Überführung dieser Potenziale in marktfähige Produkte und Geschäftsmodelle schafft nicht nur Arbeitsplätze und regionales Wirtschaftswachstum, sondern steigert auch die technologische Leistungsfähigkeit und internationale Wettbewerbsfähigkeit. Neue Karrierewege zwischen Wirtschaft und Wissenschaft entstehen, die Durchlässigkeit im Innovationssystem wird erhöht. Innovationen werden der Gesellschaft zugänglich macht, was die Nachhaltigkeit der Wissenschaftserkenntnisse gewährleistet.

In diesem Sinne: Liebe Wissenschaftler (männlich wie weiblich, groß wie klein, grundlagen- wie anwendungsorientiert, alt wie jung), rettet euch und die Welt indem ihr gründet, werdet wissenschaftliche Entrepreneure!

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Anna Sinell

Anna Sinell

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fraunhofer Center for Responsible Research and Innovation. Forscht und promoviert zum Thema Wissens- und Technologietransfer. Interessiert sich besonders für akademische Ausgründungen und Unternehmertum.

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2 Kommentare

  1. Sehr interessant und informativ. Bin ähnlicher Meinung wie die Autorin: Wissenschaftliche Entrepreneure haben großes Potenzial

  2. Einleuchtend und zukunftsweisend!
    Also Mut, Wissenschaftler , traut euch, macht euch unabhängig und legt los!

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