Die Energiewende entscheidet sich nicht nur an Netzen, Preisen und Technologien, sondern im Alltag der Menschen. Können sie Energie sicher und bezahlbar nutzen? Verstehen sie ihre Optionen? Haben sie das Gefühl, dass ihre Lebensrealität in der Energiepolitik vorkommt? Im EU-Projekt gEneSys haben wir drei Jahre lang untersucht, wie Menschen in zehn Ländern am Energiesystem teilhaben – und was das mit Gender und sozialer Ungleichheit zu tun hat. Die wichtigste Einsicht: Politik hat keinen Mangel an Ideen. Sie braucht bessere Prioritäten und ein Energiesystem, das nicht von perfekten Nutzerinnen und Nutzern ausgeht.
Politik braucht nicht noch einen Maßnahmenkatalog
Als wir in das Projekt gestartet sind, hätte ich erwartet, dass wir am Ende mit möglichst klugen Empfehlungen für konkrete politische Maßnahmen herausgehen. Also: Welche Förderung braucht es? Welche Informationskampagne? Welche Beteiligungsformate? Welche Regulierung? Welche Unterstützungsangebote?
Nach drei Jahren gEneSys bin ich mir da weniger sicher.
Nicht, weil solche Maßnahmen unwichtig wären. Im Gegenteil. Aber ich glaube, Politik hat heute keinen grundsätzlichen Mangel an Ideen, welche Maßnahmen die Teilhabe am Energiesystem verbessern könnten. Wer fünf Minuten recherchiert, findet lange Listen, die Förderprogramme für Haushalte mit geringem Einkommen, Beratung zu Sanierung und Heizungstausch, niedrigschwellige Beteiligungsformate, et cetera empfehlen.
Seit der breiten Verfügbarkeit großer Sprachmodelle wird noch deutlicher, dass Maßnahmenideen nicht der eigentliche Engpass sind. Ein KI-System kann in Sekunden plausible Vorschläge für ein inklusiveres Energiesystem erstellen, sortiert nach Zielgruppen, Umsetzbarkeit, Kosten und erwarteter Wirkung. Das ersetzt keine belastbare Wirkungsforschung. Aber in der politischen Praxis wird ohnehin häufig zunächst mit Plausibilitäten gearbeitet: Eine Maßnahme muss nachvollziehbar, begründbar und anschlussfähig sein. Für diese erste Ebene reichen solche Kataloge oft erstaunlich weit.
Was Politik jedoch braucht, um tatsächlich ins Handeln zu kommen, ist mehr als ein Katalog plausibler Optionen. Es braucht Legitimität für Priorisierungen. Politische Entscheidungen müssen begründen können, warum eine Maßnahme wichtiger ist als eine andere, warum öffentliche Mittel an einer bestimmten Stelle eingesetzt werden, warum Regulierung nötig ist oder warum bestimmte Gruppen besonders berücksichtigt werden sollten. Dafür reicht es nicht, dass ein Problem normativ relevant erscheint. Es muss auch als wichtig (aus Sicht von Wählerinnen und Wählern) und dringlich empfunden werden.
Meine wichtigste Einsicht aus gEneSys lautet deshalb: Wissenschaft muss Politik nicht nur beraten. Sie muss Priorisierungen nachvollziehbar begründbar machen.
Energieteilhabe ist mehr als Zugang zu Strom
Um überhaupt priorisieren zu können, mussten wir zunächst klären, was wir unter Teilhabe am Energiesystem verstehen. Denn Energiepolitik spricht oft über große technische und ökonomische Kategorien: Netze, Preise, Märkte, Versorgungssicherheit, Technologien.
Für Bürgerinnen und Bürger zeigt sich das Energiesystem viel alltäglicher: in der warmen Wohnung, beim Kochen, beim Arbeiten am Laptop, auf der Stromrechnung, beim Ausfüllen eines Förderantrags oder im Gefühl, ob politische Entscheidungen die eigene Lebensrealität ernst nehmen.
Im Projekt haben wir dafür die EN-CAP-Skala entwickelt (EN-CAP steht für Energy Capabilities). Sie misst Energieteilhabe nicht als einen einzigen Wert, sondern als Bündel von Fähigkeiten und Möglichkeiten. Dabei unterscheiden wir sechs Dimensionen von Energieteilhabe, die wir in Abbildung 1 übersichtsartig dargestellt haben. Es geht darum, ob Menschen Energie bewusst, effizient und ökologisch verantwortlich nutzen können; ob Energieprobleme ihren Alltag einschränken, etwa beim Arbeiten, bei sozialer Teilhabe, digitaler Kommunikation oder Freizeit; ob sie im Haushalt ausreichend, verlässlich und sicher mit Energie versorgt sind; ob Energie ihre Gesundheit belastet, zum Beispiel durch unsichere oder schädliche Energiequellen; ob sie über Wissen und Entscheidungskompetenz im Umgang mit Energie verfügen; und ob sie das Gefühl haben, in energiepolitischen Fragen gehört und vertreten zu sein.

Abbildung 1: Energieteilhabe umfasst sechs Dimensionen – von sicherer Versorgung und Gesundheit über Alltagsbewältigung bis hin zu Wissen, Entscheidungskompetenz und politischer Repräsentation. (Quelle: eigene Darstellung mit ChatGPT)
Der entscheidende Punkt daran: Teilhabe entsteht nicht dadurch, dass ein Angebot formal existiert. Sie entsteht erst, wenn Menschen es unter ihren realen Alltagsbedingungen auch nutzen können. Ein Förderprogramm kann offen sein und trotzdem vor allem diejenigen erreichen, die ohnehin informiert, zeitlich flexibel, sprachlich sicher, digital kompetent und administrativ belastbar sind. Eine Technologie kann verfügbar sein und trotzdem nicht nutzbar, wenn Menschen sie sich nicht leisten können, den Antrag nicht verstehen oder im Haushalt gar nicht die Entscheidungsmacht haben.
Wo ist der Handlungsdruck am größten?
Auf Grundlage der EN-CAP-Skala haben wir mit unseren Survey-Daten aus rund 30 000 Befragten in zehn Ländern ein Priorisierungssystem entwickelt. Die Idee war bewusst einfach: Eine Teilhabeform sollte politisch besonders relevant sein, wenn drei Dinge zusammenkommen.
- 1. Viele Menschen sind betroffen.
- 2. Das Problem ist ungleich verteilt.
- 3. Das Problem hängt mit dem allgemeinen Gefühl zusammen, benachteiligt oder unfair behandelt zu werden.
Ziel war nicht, ein möglichst unangreifbares Priorisierungssystem zu entwickeln. Uns ging es darum, unsere Daten nachvollziehbar in politische Orientierung zu übersetzen. Man könnte andere Faktoren wählen oder unsere Auswahl kritisieren. Genau deshalb ist die Transparenz wichtig: Sie zeigt, wie wir zu unseren Priorisierungsvorschlägen gekommen sind.
Die Ergebnisse zeigen ein deutliches Muster. In vielen europäischen Ländern stehen nicht die grundlegendsten Fragen der Energieversorgung im Vordergrund. Die meisten Menschen sind angeschlossen, Energie ist verfügbar, schwere Versorgungsprobleme betreffen eher kleinere Gruppen. Relevanter sind hier die alltäglichen Einschränkungen durch Energie: finanzielle Belastung, Stress, Unsicherheit, Einschränkungen in Komfort, sozialer Teilhabe oder digitaler Nutzung. Anders gesagt: Energiearmut verschwindet nicht, nur weil ein Land technisch gut versorgt ist. Sie wird selektiver, sozial konzentrierter und alltagsnäher.
In den von uns untersuchten Ländern Subsahara-Afrikas verschiebt sich der Schwerpunkt. Dort sind gesundheitliche Belastungen, unsichere Energiequellen, unzuverlässige Versorgung und grundlegende Fragen der Verfügbarkeit deutlich zentraler. Energie ist hier nicht nur eine Frage von Komfort oder Kosten, sondern häufiger eine Frage von Gesundheit, Sicherheit und körperlicher Unversehrtheit.
Südafrika nimmt in unseren Daten eine interessante Zwischenposition ein. Dort zeigt sich, wie sich Teilhabeprobleme mit der Entwicklung von Energiesystemen verändern können: Grundlegende Infrastrukturfragen bleiben relevant, zugleich treten aber stärker jene Alltagsbarrieren in den Vordergrund, die wir auch aus europäischen Kontexten kennen.
Das heißt: Ein inklusives Energiesystem kann nicht überall gleich aussehen. In manchen Kontexten geht es zuerst darum, sichere und verlässliche Grundversorgung zu schaffen. In anderen geht es stärker darum, vorhandene Systeme so zu gestalten, dass sie im Alltag nicht nur formal zugänglich, sondern tatsächlich nutzbar sind.
Damit ist aber erst die Hälfte der Geschichte erzählt. Denn die Frage, wo politischer Handlungsdruck entsteht, sagt noch nicht automatisch, wen Energieprobleme besonders treffen und warum. Genau hier wird Gender wichtig – allerdings anders, als es die einfache Formel »Frauen sind stärker betroffen« nahelegt. Im zweiten Beitrag geht es deshalb darum, wo wir in den gEneSys-Daten tatsächlich Geschlechterunterschiede sehen, warum sie vor allem bei Wissen, Entscheidungsspielräumen und politischer Stimme auftreten und was daraus für die Gestaltung inklusiver Energiesysteme folgt.
Leselinks:
- Alle von uns verfassten Blogbeiträge zum Thema »Geschlechtergerechte Energiewende«
- Dashboard zu Energieteilhabe und Priorisierungsmustern in den untersuchten Ländern
- Die Website des gEneSys-Projekts in dem wir Geschlechter-Aspekte unserer Energiesysteme erforschen
- gEneSys Policy Report „Designing More Inclusive Energy Policies“ mit EN-CAP-Skala, Priorisierungsansatz und Design-Prinzipien für inklusive Energiepolitik
Kategorien: Nachhaltigkeit und Resilienz
Tags: Energiewende, Geschlechtergerechte Energiewende

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