Blogreihe »Sicherheit neu denken, Resilienz stärken«
Cyberangriffe nehmen Dimensionen an, die jedes Unternehmen und auch Privatpersonen aufhorchen lassen: Die Zahl der Angriffe steigt erschreckend an und Angriffe wie z.B. auf den Gesundheitssektor, zeigen, dass Cyberkriminelle vor nichts mehr zurückschrecken. Die Plattform »Industrial Cyber« vermeldet einen neuen Rekord für monatliche Ransomware-Angriffe im August 2026. Und das ist erst der Anfang eines kontinuierlichen Anstiegs von Angriffen, der durch die Effekte von KI ermöglicht wird und erwartbar ist.

In diesem Blogbeitrag beleuchte ich, warum Produktionsanlagen, industrielle Steuerungssysteme und kritische Infrastrukturen – so genannte »Operational Technologies (OT)« – von dieser Gefahr besonders bedroht sind und wie man sich dagegen schützen kann.

KI beschleunigt bestehende Angriffe

Viele Sicherheitskonzepte der Vergangenheit basierten zumindest teilweise auf der Annahme, dass Angriffe Zeit, Fachwissen und erhebliche Ressourcen benötigen. Wer auf »Security by Obscurity« oder die Hoffnung setzte, kein interessantes Ziel zu sein, konnte sich zumindest einreden, dass Angreifende ihre Zeit lieber in attraktivere Ziele investieren. KI entreißt dieser Denkweise den letzten Funken Glaubwürdigkeit. Jeder ist ein Ziel.

Aufgaben zur Vorbereitung eines Angriffs, die früher Stunden, Tage oder sogar Wochen erforderten, lassen sich heute in einem Bruchteil der Zeit erledigen. KI beschleunigt die automatisierte Analyse öffentlich verfügbarer Informationen (OSINT), die Suche nach Schwachstellen, die Ableitung möglicher Angriffspfade oder die Erstellung täuschend echter Phishing-Nachrichten massiv. Die Zahl der potenziellen Ziele steigt, während die Kosten für Angriffe sinken. Gleichzeitig nähert sich die Realität Schritt für Schritt einer Zukunft an, in der vollautomatisierte Cyberangriffe keine theoretische Möglichkeit mehr sind, sondern ein realistisches Szenario.

Besonders deutlich wird dies bei Technologien und Protokollen, die bisher von einer gewissen Obskurität profitierten. Viele industrielle Systeme verwenden proprietäre oder wenig verbreitete Protokolle und Softwarekomponenten. Früher bedeutete dies oft, dass sich ein Angreifer erst mühsam einarbeiten musste. Heute kann eine KI innerhalb kürzester Zeit Dokumentationen analysieren, Kommunikationsmuster erkennen, Quellcode auswerten oder Zusammenhänge herstellen. Was für Menschen mühsam und wenig attraktiv war, wird für eine KI zu einer einfachen Analyseaufgabe. Die Hürde für Angriffe sinkt somit auch in Bereichen, die lange als vergleichsweise schwer zugänglich galten.

Warum die OT besonders betroffen ist

Für die OT sind diese Entwicklungen besonders kritisch: Produktionsanlagen, industrielle Steuerungssysteme und kritische Infrastrukturen bestehen häufig aus Komponenten, die über viele Jahre oder sogar Jahrzehnte betrieben werden. Legacy-Systeme sind häufig die Regel. Firmware-Updates sind oftmals schwierig umzusetzen, nicht verfügbar oder würden die Stabilität des Betriebs gefährden. Gleichzeitig enthalten ältere Systeme bekannte Schwachstellen, die sich nicht immer beseitigen lassen. Was früher durch die begrenzten Ressourcen potenzieller Angreifer teilweise verhindert wurde, wird in einer Welt KI-gestützter Angriffe zunehmend zum Problem.

Hinzu kommt ein weiterer Effekt: KI beschleunigt nicht nur die Suche nach Schwachstellen, sondern auch deren Bewertung und Ausnutzung. Die Zeitspanne zwischen der Veröffentlichung einer Schwachstelle und ihrem Missbrauch wird immer kürzer. Unternehmen müssen daher deutlich schneller entscheiden, welche Schwachstellen tatsächlich ein Risiko darstellen und welche Maßnahmen zuerst umgesetzt werden sollten. Eine reine Betrachtung technischer Schweregrade reicht dafür nicht mehr aus. Entscheidend wird der Kontext: Wie kritisch ist das betroffene Asset für den Produktionsprozess? Wie exponiert ist das System? Welche Kompensationsmaßnahmen existieren bereits? Welche Auswirkungen hätte ein Ausfall auf Produktion, Umsatz oder Sicherheit von Personen?

Parallel dazu entwickelt sich auch die Bedrohung durch Social Engineering weiter. Während in der Vergangenheit viele Angriffe bereits an schlecht formulierten E-Mails scheiterten, kann KI heute täuschend echte Nachrichten erstellen, große Mengen öffentlicher Informationen auswerten und gezielte Angriffe vorbereiten. Stimmen lassen sich imitieren, Kommunikationsstile nachahmen und Informationen automatisiert zusammenführen. Gerade in Umgebungen, in denen externe Dienstleister, Lieferanten und Produktionsmitarbeitende eng zusammenarbeiten, steigt damit das Risiko erfolgreicher Täuschungsangriffe erheblich.

Wie können wir uns schützen?

Die gute Nachricht ist, dass Unternehmen dieser Entwicklung nicht schutzlos ausgeliefert sind. Die grundlegenden Prinzipien guter Cybersicherheit haben ihre Gültigkeit nicht verloren. Im Gegenteil: Sie werden wichtiger denn je. Ein konsequenter Defense-in-Depth-Ansatz (mehrere unterschiedliche Hürden für Angreifer) sorgt dafür, dass der Ausfall oder die Kompromittierung einer einzelnen Komponente nicht unmittelbar zum Gesamtschaden führt. Eine durchdachte Segmentierungsstrategie erschwert die Bewegung von Angreifenden innerhalb des Netzes. Regelmäßige Penetrationstest (kontrollierter abgesprochener Scheinangriff) helfen dabei, Schwachstellen zu identifizieren, bevor Angreifende sie ausnutzen können. Asset- und Vulnerability-Management schaffen die notwendige Transparenz, um Risiken überhaupt bewerten zu können.

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor, sich vor Angriffen zu schützen, sind die Menschen, die täglich mit diesen Systemen arbeiten, sowie die Fachkräfte, die Schutzmaßnahmen planen, umsetzen und weiterentwickeln. Wenn KI die Fähigkeiten von Angreifenden verstärkt, müssen auch die Fähigkeiten der Verteidiger gestärkt werden. Dazu zählen Awareness-Maßnahmen, Schulungen und der Austausch zwischen Unternehmen. Gerade in der OT existieren viele ähnliche Herausforderungen. Wer Erkenntnisse und Erfahrungen teilt, kann Angriffen schneller begegnen und die eigene Resilienz erhöhen.

KI verändert die Spielregeln der Cybersecurity, weil sie bestehende Fähigkeiten skalierbar macht. Für die OT bedeutet das vor allem eines: Die Zeit der versteckten Systeme, unbekannten Protokolle und der Hoffnung, kein Ziel zu sein, geht endgültig zu Ende. Wer seine Produktionsumgebung verstehen, inventarisieren, segmentieren und aktiv schützen kann, wird auch in einer von KI geprägten Bedrohungslandschaft erfolgreich bestehen. Wer darauf hofft, unter dem Radar zu bleiben, wird sich künftig auf immer dünnerem Eis bewegen.

Technische Schutzmaßnahmen bleiben dabei unverzichtbar. Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass Technologie allein nicht ausreichen wird, um der steigenden Geschwindigkeit und Skalierbarkeit KI-gestützter Angriffe entgegenzuwirken. Ebenso wichtig sind Wissen, Erfahrung und der Austausch mit anderen Organisationen. Wer Risiken frühzeitig erkennen und geeignete Gegenmaßnahmen umsetzen möchte, muss verstehen, wie sich die Bedrohungslage verändert und welche Auswirkungen dies auf den eigenen Betrieb hat.

Sie möchten Ihr Unternehmen und Ihre Mitarbeitenden auf mögliche Vorfälle vorbereiten? Wir bieten am Fraunhofer IAO im »Lernlabor Cybersicherheit – Faktor Mensch« passende Angebote für Schulungen, Workshops und Weiterbildungen Darüber hinaus haben Sie die Möglichkeit, sich im Innovationsnetzwerk OT-Security über aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen der Cybersicherheit in industriellen Umgebungen zu informieren und gemeinsam mit Unternehmen, Herstellern und Experten auszutauschen. Weitere Möglichkeiten zum fachlichen Austausch bieten unter anderem der VDMA oder Veranstaltungen wie das Cybersecurity Region Stuttgart Meetup.

Am wichtigsten ist dabei nicht, welches Format Sie wählen. Entscheidend ist, dass Sie sich aktiv mit dem Thema auseinandersetzen, Erfahrungen austauschen und von den Erkenntnissen anderer lernen. Die grundlegenden Prinzipien guter Cybersicherheit ändern sich durch KI nicht. Transparenz über die eigenen Systeme, Segmentierung, Defense in Depth, regelmäßige Übungen und gut geschulte Mitarbeitende bleiben die Grundlage einer wirksamen Verteidigung. KI erhöht vor allem den Druck, diese Maßnahmen konsequent umzusetzen.

Blogreihe »Sicherheit neu denken, Resilienz stärken«
Was macht Organisationen widerstandsfähig? Expertinnen und Experten des Fraunhofer IAO beleuchten in unserer Blogreihe anlässlich der Themenwochen »Sicherheit und Resilienz« aktuelle Herausforderungen von Cyberresilienz. Die Beiträge beleuchten OT- und Cybersicherheit, resiliente Lieferketten, die Resilienz des straßengebundenen Gütertransports, resiliente Investitionsentscheidungen, den Umgang mit Cybervorfällen sowie die Aufrechterhaltung der Handlungsfähigkeit von Kommunen.

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Kategorien: Künstliche Intelligenz, Sicherheit und Resilienz
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