Vor zehn Jahren haben meine Kollegin Verena Pohl und ich die »Zukunftsstudie 2027 #ichinzehnjahren« auf den Weg gebracht. Damals ging es uns darum, Themen und Technologien sichtbar zu machen, die unser Leben und Arbeiten in den kommenden Jahren verändern. Wenn man die Studie heute liest, fällt auf: Videokonferenzen, flexible Arbeitszeitmodelle, Sprachassistenten und vieles, was darin beschrieben wurde, ist inzwischen in unserem Alltag angekommen. Haben wir damit geleistet, was man sich von guter Vorausschau (Foresight) erhofft? Meine Antwort darauf hat sich in zehn Jahren verändert – und mit ihr das Modell, mit dem ich heute arbeite.
Foresight ist viel mehr als die richtigen Vorhersagen zu treffen
Ich bin überzeugt, dass der eigentliche Zweck davon, sich mit Zukunft zu beschäftigen, darin liegt, dass diese Auseinandersetzung selbst Zukunft gestaltet. Als wir 2017 über flexible Arbeitsmodelle und Videokonferenzen statt Dienstreisen schrieben, klang das für viele Unternehmen nach ferner Zukunft. Doch wer sich damals mit diesem Bild beschäftigt hat, hat angefangen, Fragen zu stellen: Welche Führungskultur bräuchte das? Welche Technik? Welche Regeln? Als es 2020 plötzlich ernst wurde, waren genau diese Organisationen vorbereitet – nicht, weil sie die Pandemie vorhergesehen hatten, sondern weil sie sich mit einem Zukunftsbild auseinandergesetzt hatten.
Interessant ist auch, dass sogar teilweise unzutreffende Zukunftsbilder einen weiterbringen: Nicht die Prognose ist entscheidend, sondern das Denken und Handeln, das sie auslöst. Genau das ist für mich der Kern von Strategic Foresight: Zu dem Zeitpunkt, zu dem ein Zukunftsbild sich realisieren sollte, hat es seinen Zweck längst erfüllt.
(M)ein Mindset für Zukunftsarbeit: Drei Grundannahmen
Zukunft wird gemacht | Aus der Gegenwart betrachtet gibt es viele mögliche Zukünfte. Unternehmen, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft gestalten gemeinsam die eine Zukunft. Und weil wir in vielen Punkten die Wahl haben, bin ich auch #zukunftspositiv.
Zukunft ist schon da | Man spricht in diesem Zusammenhang von Weak Signals, frühen Hinweisen auf mögliche Veränderungen und Trends. Ein Weak Signal war zum Beispiel der erste Sprachassistent, der 2011 in ein Smartphone einzog und den die meisten als Spielerei abtaten. Wer damals genau hinsah, konnte erkennen: Hier verändert sich die Art, wie Menschen mit Maschinen kommunizieren. Anwendungsorientierte Fraunhofer-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler sind als Expertinnen und Experten in ihrem jeweiligen Gebiet besonders gut darin, Weak Signals zu erkennen, aufzubereiten und einzuordnen.
Zukunft ist vernetzt | Wichtig ist es, Technologien und Trends ganzheitlich zu betrachten und über den eigenen Tellerrand zu blicken. Manchmal kommt die entscheidende Veränderung aus einer ganz anderen Domäne. Das Smartphone zum Beispiel wurde als Kommunikationsgerät gedacht – disruptiert hat es Navigationsgeräte, Kameras, MP3-Player und das Taxigewerbe.
Das Future Ways of … Modell
Um ganzheitlich über Zukunft nachzudenken, brauche ich ein Werkzeug. In unserer Studie haben wir dazu verschiedene Lebenswelten geschaffen. Heute nutze ich folgende sechs Fragen:
- 1. Wie werden wir in Zukunft leben? Auf dem Land / in der Stadt, im Alter, im virtuellen Raum, …
- 2. Wie werden wir (uns) in Zukunft bewegen? Zur Arbeit, in den Urlaub, unsere Güter, …
- 3. Wie werden wir (als Individuum) sein?
- 4. Und wie gestaltet sich das gemeinsame Sein? Bei der Arbeit, als Familie, …
- 5. Was ist die Art und Weise, in Zukunft zu wissen?
- 6. Und in welcher Art und Weise sichern wir in Zukunft ab? Den Zugang zu unserer Wohnung, unsere Daten, unseren Wohlstand, …
Diese Fragen sind eine Zusammenfassung von Kategorien, wie sie auch in vielen anderen Zukunftsbetrachtungen verwendet werden. Ich habe daraus das Modell in der Abbildung erstellt. Die einfachen englischen Bezeichnungen (LIVing – MOVing, BEing – WEing, KNOWing und SECURing) sind so gewählt, dass sie einmal erfasst, immer wieder schnell herangezogen werden können, um den Gesamtzusammenhang einer Zukunftsentscheidung ad hoc zu prüfen.
Eine weitere Klammer bilden in dem Modell Gesellschaft und Klima – diese Aspekte müssen heute ebenfalls immer mitgedacht werden.
Das Modell ist ein Hilfsmittel. Nichts passt trennscharf in eine Kategorie und überall gibt es Abhängigkeiten.
Produzierende Unternehmen fallen beispielsweise in die Domäne, für die sie produzieren, ein Lebensmittelhersteller also in LIVing oder, wenn es sich um individualisierte Nahrungsergänzungsmittel handelt, vielleicht eher in BEing. Einen Anbieter im Personennahverkehr kann man wiederum einfach in MOVing einordnen, aber die Art und Weise, in der wir in Zukunft zusammenarbeiten, der Ort, wo wir leben werden, das zukünftige Sicherheitsbedürfnis – das alles beeinflusst sein Angebot natürlich.
Zukunftsdialog statt Zukunftsstudie
Der Anlass für diesen Beitrag war die Frage, ob eine Neuauflage von #ichinzehnjahren geplant sei. Wir haben uns dagegen entschieden – und zwar aus einem Grund, der wenig mit Kapazität und viel mit Wirkung zu tun hat.
Allein durch die Befragung für die Studie #ichinzehnjahren haben die Themen darin über 3000 Menschen erreicht und konnten so wirken. Ich stelle mir vor, dass zumindest einige der Befragungs-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer damals Impulse direkt umgesetzt haben und zum Beispiel eine Dienstreise durch eine Videokonferenz ersetzt haben oder mit ihrer Führungskraft eine flexiblere Arbeitszeit ausgehandelt haben. Das spricht dafür, eine Neuauflage zu wagen, denn die Studie hat vielleicht Zukunft geschaffen.
Was dagegen spricht, Zukunftsbilder für die Allgemeinheit zu schaffen ist, dass in den vergangenen Jahren die Menge an verfügbaren Publikationen sich dramatisch erhöht hat – wissenschaftliche Veröffentlichungen verdoppeln sich etwa alle 15 Jahre, und seit generative KI Texte auf Knopfdruck produziert, ist die Kurve noch steiler geworden. Ich beobachte, dass sich damit auch verändert hat, wie gelesen wird. Eine Studie, die 2017 auf dem Schreibtisch lag, wurde diskutiert, weitergegeben, im Team besprochen. Heute konkurriert dasselbe PDF mit Dutzenden Newslettern, Posts und Reports pro Woche – und wird im besten Fall überflogen. Knapp ist nicht die Information. Knapp ist die Aufmerksamkeit.
Deshalb bin ich überzeugt: Wer heute Zukunft gestalten will, muss nicht noch ein Dokument produzieren, sondern Räume schaffen, in denen Menschen miteinander über Zukunft sprechen.
Die Future Days des Fraunhofer IAO: Zukunftsdialog für die Unternehmensführung
Bei den Future Days des Fraunhofer IAO setzen wir seit 2024 darauf, eine kleine Gruppe (maximal 12 Personen) aus Entscheiderinnen und Entscheidern aus den unterschiedlichsten Branchen für zwei halbe Tage in unseren Laboren zu versammeln, damit diese Technologietrends persönlich erleben und sich mit unseren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und untereinander austauschen können. Erfolgreiche Transformation beginnt so, sagen unsere Teilnehmenden. In der Agenda werden Sie das Future Ways of … Modell wiederfinden.
Was brauchen Sie, um Zukunft zu gestalten? Ein dialogzentriertes Impuls-Format wie die Future Days als Raum, um über Zukunft nachzudenken, oder doch eine Zukunftsstudie mit ausformulierten Thesen über Trends und Technologien, die unser Leben in den kommenden zehn Jahren prägen?
Leselinks:
- Veranstaltungsseite der Future Days 2026
- Individuelle Angebote zu Foresight für Unternehmen
- Zukunftsstudie 2027 #ichinzehnjahren
- Blogartikel: »Zukunftsstudie: Gespaltenes Bewusstsein der Deutschen beim Thema Datenschutz?«
Kategorien: Arbeitswelten (New Work, Connected Work), Digitale Transformation, Zukunftstechnologien
Tags: Foresight, Future Days, Lebenswelten, Zukunftsszenarien


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