Meine Kollegin Josephine Hofmann warnt in ihrem Blogbeitrag vor Deskilling. Da ich Generative KI selbst intensiv nutze, hat mich diese Frage stärker beschäftigt, als mir lieb war. Und ich gehe noch einen Schritt weiter: Berufliche Skills und auch der Beruf selbst sind Teil meiner Identität. Für mich ist die eigentliche Frage, die Generative KI stellt, deshalb nicht: »Verliere ich meinen Job?«, sondern eine deutlich unangenehmere. Die Frage nach meinem Selbstbild: »Wer bin ich noch, wenn die Maschine das auch kann?«

Um darauf eine Antwort zu finden, habe ich aufgehört, KI nur als Technologie zu betrachten. Stattdessen habe ich begonnen, meine eigene Nutzung zu reflektieren. Was ist GenAI für mich? Warum stelle ich mir wegen ihr so grundlegende Fragen? Was macht Generative KI mit meinen Skills? Was muss ich tun, um geistig nicht abzubauen?

Der Blick in den Spiegel

Was bedeutet GenAI für mich? Nicht nur ein neues Tool, sondern zugleich ein Abbild von mir selbst. Kein neutrales, kein vollständiges Abbild, aber eines, das nah genug ist, um zu berühren.

Generative KI wurde mit unserer Sprache trainiert, mit unseren Denkweisen, Prioritäten, Ängsten und Sehnsüchten. Sie ist damit eine Echokammer dessen, was uns als Menschen ausmacht. Wenn KI ein Spiegel ist, erklärt das auch ihre Widersprüchlichkeit. Sie kann uns klüger machen oder oberflächlicher, sie kann entlasten oder überfordern. Nicht, weil die KI widersprüchlich wäre, sondern weil wir es sind.

In einem Moment bin ich positiv erstaunt über die Fähigkeiten dieses Systems, im nächsten verzweifelt über die unlogischen Grenzen dieses binären »Denkapparats«. Ethan Mollick beschreibt diese Spannungen als »Jagged Frontier«: zerklüftete, schwer vorhersehbare Fähigkeitsgrenzen, an denen KI in einem Moment brilliert und bei der nächsten – scheinbar trivialen – Aufgabe scheitert.

Mein ChatGPT findet für sich selbst eine bemerkenswert schöne Metapher:

»Ich bin ein Erkundungsraum, kein Beziehungsraum. Ein Spiegel, kein Gegenüber. Eine Tür – aber nicht der Boden dahinter.«

ChatGPT über sich selbst

Wenn ich einen Hammer habe, sehen alle Probleme wie Nägel aus

Als ich begann, mit GenAI zu arbeiten, fragte ich mich fast reflexhaft, wie ich mit KI schneller, effizienter und produktiver werden könnte. Technologie als Mittel zum Zweck: etwas, das ich bedienen, kontrollieren und optimieren kann. Als Tool, als Hammer. Das zeigen auch meine bisherigen Blogbeiträge zu diesem Thema.

Auch die Einführung von KI in vielen Unternehmen folgt genau diesem Muster. Sie wird zur Software, für die man die richtigen Prompts lernen muss.

»Ein Tool bedeutet dabei implizit: gleiche Funktion, gleicher Nutzen, gleiche Effizienz für alle. Genau hier beginnt aus meiner heutigen Sicht ein Missverständnis. Denn mit Generativer KI haben wir nicht nur einen Hammer bekommen, sondern gleichzeitig auch einen Spiegel. Je nach Aufgabe nutze ich sie als Werkzeug oder sie wirft mir etwas über mich selbst zurück.«

Anja Enderle, Fraunhofer IAO

Hammer- oder Spiegel-Aufgaben?

In meinem Arbeitsalltag hat sich eine Unterscheidung herausgebildet. Keine harte Grenze, eher ein Kontinuum.

  • Es gibt Aufgaben mit klarer Zieldefinition: Texte transformieren, zusammenfassen, umformatieren. Hier weiß ich, wie ein gutes Ergebnis aussieht, und kann es überprüfen. Mein eigenes Verstehen ist nicht Teil des Ergebnisses. In diesen Fällen nutze ich KI als reines Werkzeug, eben wie einen Hammer. Bei diesen Aufgaben habe ich wenig Sorge, dass ich deskille , wenn ich sie an die KI abgebe.
  • Und dann gibt es Aufgaben, bei denen der Weg selbst Teil des Ergebnisses ist: Denken, Konzipieren, Einordnen, Ideen entwickeln. Hier weiß ich oft erst am Ende, wonach ich eigentlich gesucht habe. Mein eigenes Verstehen und meine Haltung sind hier zentral. Das heißt für mich auch: Ich muss mir dieses Verstehen erst erarbeitet haben, um überhaupt Ideen und sinnvolle Lösungsansätze einbringen zu können.

In diesen Fällen ist KI für mich kein Hammer, sondern ein Spiegel oder Sparring-Partner. Sie reagiert auf das, was ich einbringe. Wenn ich nichts mitbringe – also keine Idee und kein Vorwissen – kommt auch nichts Tragfähiges zurück. Reines Prompten reicht hier nicht. Dann entsteht etwas, das auf den ersten Blick stimmig wirkt, sich aber innerlich leer anfühlt.
Ein Beispiel dafür, bei dem ich eine Spiegel-Aufgabe wie eine Hammer-Aufgabe behandelt habe: Ich wollte ein Brainstorming für ein Titelbild s mit GenAI machen . Meine eigenen Ideen dazu: keine. Mein Vorwissen im Bereich Gestaltung: gering. Das Ergebnis dieses »Brainstormings« würde ich rückblickend selbstkritisch als eine Kollision von Mittelmaß und Unwissen beschreiben. Ergebnis: eine Stunde Zeitverschwendung.

»Hier beginnt oft das, was als AI Slop bezeichnet wird: formal glatter, geistloser Inhalt, dessen Beliebigkeit erheblichen Nacharbeitsaufwand erzeugen kann. Die unbequeme Wahrheit dahinter lautet: Ist der Output geistlos, war es der Input auch. AI Slop entsteht nicht in der KI, sondern vor dem Bildschirm.«

Anja Enderle, Fraunhofer IAO

Gleichzeitig dümmer und schlauer: Warum mein Kompetenzprofil Schlagseite bekommt

Was macht GenAI gerade mit meinen Skills? Als Spiegel hält sie mir gnadenlos vor Augen, wo ich mittelmäßig bin, zum Beispiel beim Schreiben. In vielen Fällen ist sie besser im Ausformulieren. Nicht, weil sie genial wäre, sondern weil ich diese Fähigkeiten nicht genug geübt habe. Das trifft mich, denn ich weiß mittlerweile aus Erfahrung, dass KI keine großartigen Texte schreibt, sondern meist nur mittelmäßige. Ich gebe zu, man kann mit längeren Prompts mehr herausholen. Aber grundsätzlich gilt: KI wurde nicht mit großartigen Texten trainiert, sondern vor allem mit unserer eigenen Mittelmäßigkeit. Heraus kommen deshalb häufig Texte mit typischen KI-Kinderkrankheiten: vorhersehbare Intros, zu viele Spiegelstriche, überladene Formulierungen. Die Liste ließe sich beliebig verlängern.

Genau hier schnappt meine persönliche Falle zu. Indem ich das Schreiben delegiere, weil ich es mühsam finde, vergrößere ich meine eigene Inkompetenz in diesem Bereich. So verliere nicht nur die Übung, sondern langfristig auch den Maßstab für Qualität.

Gleichzeitig beobachte ich, dass mich GenAI in anderen Bereichen schlauer macht, für die ich mich schon vorher interessiert habe. Mein Skill-Profil kann dadurch unausgewogener werden, als es mir lieb ist, und genau das möchte ich ab jetzt versuchen, bewusster zu steuern.

Prompts sind keine Zaubersprüche

Prompts sind für mich vor allem bei Hammer-Aufgaben sinnvoll. Gleichzeitig sehe ich die starke Verengung auf »das richtige Prompten« zunehmend kritisch.

»Ich bilde mich in Sachen KI laufend weiter und lasse mich gern von neuen Prompts inspirieren. Dennoch glaube ich immer weniger daran, dass Prompts Zaubersprüche sind. Für mich sind sie in erster Linie kodifizierte Denk- und Arbeitsweisen. Der Prompt, der meinem Kollegen hilft, kann meinen Arbeitsfluss ruinieren, weil wir unterschiedliche Stärken, Schwächen und Arbeitslogiken haben. Deshalb würde ich heute sagen: KI ist kein Tool an sich. Sie ist ein Tool für mich.«

Anja Enderle, Fraunhofer IAO

Was mich entlastet, kann für jemand anderen Entfremdung bedeuten. Etwa dann, wenn meine Kollegin aufhört zu schreiben, obwohl Schreiben ihr eigentlich Freude macht, nur weil die KI es vermeintlich effizienter erledigt. Das ist dann nicht nur Deskilling, da passiert noch viel mehr: Es wird zum Identitätsverlust und nimmt Freude am Job.

Der Verlust der Übungswiese

Wie können wir Spiegel-Aufgaben gut bewältigen? Und was brauchen wir dafür? Vor allem: Expertinnen und Experten.

Beobachtungen von Führungskräften bei DeepMind und Anthropic deuten darauf hin, dass vor allem Einstiegs- und Lernrollen unter Druck geraten. Genau dort, wo früher Übung und Fehler erlaubt waren, springt nun die Kollegin KI ein.

Das wirkt effizient, ist aber kurzfristig gedacht. Denn Expertise entsteht nicht durch Abkürzungen, sondern durch mühsames, langsames Lernen. Das Zusammenfassen von Texten trainiert das Erfassen des Wesentlichen. Das Schreiben schlechter erster Entwürfe trainiert den individuellen Schreibstil. Das langsame Durchdringen komplexer Probleme trainiert Urteilsfähigkeit. Das sind unsere Übungswiesen, wenn wir diese zubetonieren, dürfen wir uns nicht wundern, wenn darauf nichts mehr gedeiht.

Wer bin ich noch, wenn die Maschine das auch kann?

Wenn ich spekuliere und in die Zukunft blicke, glaube ich nicht, dass ich durch KI ersetzt werde. Aber ich bin überzeugt, dass sich meine Rolle verschiebt und KI meine Arbeit weiter verdichten wird.

Ein Blick auf das Marketing zeigt für mich etwas scheinbar Paradoxes: Der naive Gedanke war, dass KI die Produktion von Inhalten beschleunigt und damit die Arbeit erleichtert. Meine Realität ist jedoch eine andere. Wenn alle schneller produzieren, explodiert die Menge, während die menschliche Aufmerksamkeit begrenzt bleibt.
Das Resultat: Der Wettbewerb verschiebt sich radikal nach oben. Früher gewann, wer überhaupt Content hatte. Heute gewinnt nur noch, wer Struktur, Klarheit und Kontext liefert.

Das bedeutet: Der Durchschnitt verliert an Wert und die Anforderungen an mich wachsen.

» Mein Job wird durch KI also nicht einfacher, sondern anspruchsvoller. Die Phasen des bloßen Ausführens schrumpfen, übrig bleibt eine Kette komplexer Entscheidungen. Und Entscheidungen verlangen Urteilskraft.«

Anja Enderle, Fraunhofer IAO

Mein Vorsatz ist deshalb: Ich nutze KI intensiv – und ich pflege bewusst die Fähigkeiten, die sie mir scheinbar abnimmt. Ich erlaube mir wieder, Dinge selbst zu durchdenken, erste Entwürfe selbst zu schreiben, Umwege nicht sofort zu optimieren. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Verantwortung für mein eigenes Urteilsvermögen.

Wer mit KI arbeitet, braucht mehr innere Disziplin, denn nicht jede Abkürzung ist Fortschritt. Manchmal ist sie der schnellste Weg zum Kompetenzverlust. Deshalb brauchen wir beides: Effizienz und den Erhalt der Übungswiese. Produktivität und geistige Anstrengung. Denn wer nur lernt, wie man schneller wird, lernt nicht automatisch, wie man besser entscheidet.

Leselinks:

Anja Enderle

Als Digital Native lebt sie für moderne Wissenschaftskommunikation und treibt den digitalen Wandel in der Kommunikation voran. Mit Begeisterung arbeitet sie mit KI-Tools wie Large Language Models (LLMs) und erkundet deren Potenzial für die Wissenschaft und Kommunikation. An der Schnittstelle von #digital und #Wissenschaftskommunikation entwickelt sie innovative Formate und gestaltet diesen Blog, Webseite und Newsletter maßgeblich mit.

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Kategorien: Arbeitswelten (New Work, Connected Work), Künstliche Intelligenz
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