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Flexibel und nachhaltig: mit dem Mobilitätsbudget zum klimaneutralen Unternehmen

Klimacheck – Blogreihe zum betrieblichen Klimaschutz
Klimaschutz ist ein spannendes sowie komplexes Thema zugleich und stellt Unternehmen und insbesondere KMU vor Herausforderungen, Fragezeichen und nicht zuletzt zukunftsweisende Chancen. Die interdisziplinäre Arbeitsgruppe »Klima-Impact« des Fraunhofer IAO hat die Blogreihe »Klimacheck« gestartet, um Orientierung zum Thema betrieblicher Klimaschutz zu geben und Unternehmen anhand von Handlungsempfehlungen und Praxisbeispielen zu ermutigen, ihren Beitrag für eine klimabewusste Zukunft zu leisten.

Seit dem Beginn von Corona und dem Zeitalter des flexiblen Arbeitens hat sich unser aller Reise- und Pendelverhalten geändert. Jahresabos für den öffentlichen Nahverkehr lohnen sich für viele nicht mehr und der Anteil des motorisierten Individualverkehrs hat zugenommen. Aus Liebe zur Umwelt möchten manche auch gern öfters auf das Fliegen verzichten und jüngere Menschen setzen mehr auf Sharing-Angebote. Neue Mobilitätskonzepte sind gefragt. Wie können Unternehmen mit ihrem betrieblichen Mobilitätsangebot auf diese individuellen Bedürfnisse ihrer Mitarbeitenden reagieren und gleichzeitig das Ziel der Klimaneutralität erreichen? Die Antwortet lautet: Mobilitätsbudgets. Was genau ein Mobilitätsbudget ist und wie es von Unternehmen genutzt werden kann, um die betriebliche Mobilität nachhaltiger zu gestalten, zeige ich im Folgenden auf.

Trend um neue Mobilitätskonzepte: SAP, Baloise und der HVV machen es vor

Das größte deutsche Softwareunternehmen SAP bietet seit Ende letzten Jahres die zuvor eigens entwickelte und intern pilotierte Mobilitätsbudget-Lösung am freien Markt an. Der Schweizer Versicherungskonzern Baloise hat kürzlich bekannt gegeben, in das Mobilitätsbudget-Startup MOBIKO zu investieren. Und der Hamburger Verkehrsverbund HVV will Arbeitgebern des Tarifgebiets ermöglichen, ihren Mitarbeitenden über die App »HVV Switch« ein flexibel nutzbares Mobilitätsbudget zur Verfügung zu stellen. Diese drei Beispiele verdeutlichen, dass aktuell ein kleiner Hype um das Thema Mobilitätsbudget im Kontext der betrieblichen Mobilität zu existieren scheint. Auch wir Forscherinnen und Forscher am Fraunhofer IAO nehmen von Firmen, die uns bezüglich der Entwicklung eines Mobilitätskonzepts kontaktieren, ein verstärktes Interesse an Mobilitätsbudgets wahr. Was genau steckt hinter dem Begriff »Mobilitätsbudget«?

Mobilitätsbudgets: Mehr als nur eine Alternative zum Firmenwagen

Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) definiert Mobilitätsbudget als »ein Angebot für Mitarbeiter*innen von Unternehmen, das es ihnen anstelle eines persönlichen Firmenwagens ermöglicht, im vereinbarten Budgetrahmen dienstliche sowie private Fahrten mit alternativen Verkehrsmitteln ihrer Wahl abzudecken« (siehe Leselink). Tatsächlich werden Mobilitätsbudgets aber nicht nur als Alternative, sondern auch als Ergänzung zu einem Dienstwagen genutzt. Genauso können Mobilitätsbudgets auch Mitarbeitenden zu Verfügung gestellt werden, die über keinen Dienstwagenanspruch verfügen. Auch die Bezugnahme auf dienstliche Fahrten ist eher irreführend, da durch Dienstreisen verursachte Kosten üblicherweise nicht auf das Mobilitätsbudget angerechnet werden (auch wenn es hier durchaus Anknüpfungspunkte gibt – doch dazu später mehr). Eine aus meiner Sicht präzisere Definition wäre daher:
»Ein Mobilitätsbudget ist ein vom Arbeitgeber bereitgestellter Budgetrahmen, der als Ergänzung oder Alternative zum Dienstwagen bzw. allgemein als ›Corporate Benefit‹ von berechtigten Mitarbeitenden genutzt werden kann, um private Fahrten inkl. derer zum Arbeitsplatz mit unterschiedlichen, vom Arbeitgeber definierten Verkehrsmitteln abzudecken.«

Von der Theorie in die Praxis: verschiedene Möglichkeiten für die Umsetzung

Die konkrete Implementierung in die Praxis kann dabei auf ganz auf unterschiedliche Weise erfolgen. Damit das Mobilitätsbudget im Vergleich zum steuerlich meist günstigen und unkompliziert verfügbaren Dienstwagen an Attraktivität gewinnt, bieten u.a. die eingangs erwähnten Anbieter verschiedene Lösungen, u.a. für die rechtssichere Belegerfassung und die korrekte, steueroptimierte Abrechnung verschiedener Verkehrsmittel und Mobilitätsdienstleistungen. Die spezifische Ausgestaltung des Mobilitätsbudgets obliegt schlussendlich aber den jeweiligen Unternehmen, die sie zur Anwendung bringen. Wie also können Mobilitätsbudgets konkret genutzt werden, um die CO2-Emissionen der betrieblichen Mobilität zu reduzieren? Hier meine Tipps:

Je nach Hierarchiestufe und Funktion werden oft gewisse Obergrenzen für die monatliche Leasingrate des Dienstwagens definiert. Ein Beispiel: Wählt eine Arbeitnehmerin ein Fahrzeug, das deutlich unter dieser Grenze liegt, weil sie in der Großstadt lieber ein kleines Auto fährt, reduziert sich für sie zwar der zu versteuernde geldwerte Vorteil, sie verzichtet aber gleichzeitig auch auf eine Leistung des Arbeitgebers, die ihr eigentlich zusteht. Würde man die Leasingrate auf das der Mitarbeiterin zustehende Mobilitätsbudget anrechnen, könnte sie das restliche Budget für die Anmietung eines reisetauglichen Fahrzeugs oder den Kauf von Bahntickets für die Fahrt in den Urlaub nutzen. Ein Mobilitätsbudget ermöglicht also die Wahl eines günstigen und damit meist auch emissionsärmeren Fahrzeugs – ohne finanzielle Nachteile. Und dem Unternehmen hilft dies, die Flottenemission des Fuhrparks, der immerhin zu den Scope 1-Emissionen des GHG-Protokolls gezählt wird, in Richtung des EU-Zielwerts von 90 Gramm CO2 pro Kilometer zu bewegen.

In den allermeisten Unternehmen steht den Mitarbeitenden ein kostenfreier Parkplatz zu Verfügung. Dies ist sicher zum Teil das Ergebnis des traditionellen Pendelverhaltens in Deutschland, kann aber auch als Ursache dafür gesehen werden, dass der Anteil des PKW am Modal Split auf dem Arbeitsweg zwischen 40 und 70 Prozent liegt. Dabei handelt es sich wohlgemerkt um Daten aus der Zeit vor Corona – zwischenzeitlich mag der Anteil des motorisierten Individualverkehrs sogar noch etwas höher liegen, auch wenn die gesamte Menge des Pendelverkehrs natürlich zurückgegangen ist. So oder so gilt: Wird der Parkplatz am Arbeitsplatz bepreist und ein Verzicht hierauf mit zusätzlichem Mobilitätsbudget vergütet, das bspw. für Bikesharing oder ein ÖPNV-Ticket genutzt werden kann, werden emissionsarme Verkehrsmittel finanziell attraktiver.

Sollte trotz Anrechnung der Parkkosten weiterhin der PKW die zeit- oder kostengünstigste Alternative zur Bewältigung des Arbeitswegs sein, wäre es aus Emissionsreduktionssicht ideal, wenn hierfür ein batterieelektrisches Fahrzeug genutzt werden würde. Da nicht alle Menschen über eine private Lademöglichkeit verfügen (werden), kann das Vorhandensein von Ladeinfrastruktur am Arbeitsplatz für Mitarbeitende den Ausschlag geben, sich für ein Elektroauto zu entscheiden. Geht es jedoch um das Laden am Arbeitsplatz, bzw. um die kostenfreie oder vergünstigte Bereitstellung von Ladestrom, gibt es u.a. im Betriebsrat oft Vorbehalte, weil damit einzelne Mitarbeitendengruppen – hier also Personen, die ein Elektrofahrzeug fahren – bevorteilt würden. Würde der bereitgestellte Ladestrom einfach mit Mobilitätsbudget verrechnet, wird niemand benachteiligt und eine Förderung der Elektromobilität kann ohne Konfliktpotenzial umgesetzt werden (wenngleich zumindest bis 2030 der durch vergünstigten Ladestrom entstehende geldwerte Vorteil nicht versteuert werden muss, was auf andere mögliche Verwendungszwecke eines Mobilitätsbudgets, darunter auch u.U. noch nachhaltigere Verkehrsmittel, nicht uneingeschränkt zutrifft – ohne die Elektromobilität ausbremsen zu wollen fühle ich mich als Mobilitätsforscher daher an dieser Stelle zu einem Wink in Richtung Gesetzgeber berufen).

In Zeiten des mobilen und flexiblen Arbeitens sind traditionelle Jobtickets, also vergünstigte und/oder vom Arbeitgeber bezuschusste Monatskarten für den ÖPNV, zunehmend unattraktiv. Viele Verkehrsverbünde haben dies bereits erkannt und bieten wie der VVS in Stuttgart bspw. ein 10er-TagesTicket an. Ob und wie diese neuen Tarife mit einem möglichen ÖPNV-Zuschuss des Arbeitgebers verknüpft werden können, ist mir Stand jetzt nicht bekannt. Aus meiner Sicht ist das o.g. Angebot aber immer noch nicht flexibel genug – gerade junge Menschen nutzen zunehmend Sharing- und Mikromobilitätsangebote als Alternative zum Auto, auch und gerade auf dem Arbeitsweg. Will man also mehr Mitarbeitende auch in Zukunft für den Umstieg auf alternative Verkehrsmittel bewegen, führt an einem Mobilitätsbudget kaum ein Weg vorbei.

Auch wenn die dienstliche Reisetätigkeit im »New Normal« voraussichtlich stark zurückgehen wird, werden weiterhin Geschäftsreisen stattfinden. Teilweise werden der Verkehrsmittelwahl dabei enge Grenzen gesetzt, bspw. weil ein Übersee-Reiseziel das Flugzeug quasi alternativlos macht oder weil die Reiserichtlinie des Unternehmens ein bestimmtes Verkehrsmittel vorschreibt. Oft genug stehen für eine Reise aber nachhaltigere und weniger nachhaltige Mobilitätsmittel zur Wahl und die Entscheidung darüber liegt beim Reisenden. Unternehmen, die durch Geschäftsreisen verursachte Emissionen reduzieren möchten, könnten Mitarbeitende also durch ein Bonussystem zu einer umweltfreundlichen Reisemittelwahl motivieren. Das auf Dienstreisen eingesparte CO2-Emissionen könnte sich in zusätzlichem Guthaben für das persönliche Mobilitätsbudget des Mitarbeitenden niederschlagen.

Welche (weiteren) Herausforderungen sich stellen, wenn diese und andere Mobilitätsbudget-Ideen in die Praxis umgesetzt werden, daran forschen wir am Fraunhofer IAO. Deshalb freuen wir uns, Ihr Unternehmen als Anwendungspartner für eines unsere Projekte zu gewinnen und gemeinsam mit Ihnen neue Lösungen rund um das Mobilitätsbudget zu entwickeln. Infos dazu, wie wir Sie hierbei konkret unterstützen können, finden Sie auf der Website unserer aktuellen Initiative »#Weknowhow – Klimaneutralität als Wettbewerbsvorteil nutzen« (siehe Leselinks).

Leselinks:

Felix Röckle

Studierter Wirtschaftsingenieur und Innovationsmanager, der Ineffizienz nicht ausstehen kann. Deshalb forscht er am Fraunhofer IAO zu effizienten Lösungen für die Mobilitätsherausforderungen von morgen. Auch privat viel unterwegs – in der Stadt am liebsten mit dem Fahrrad.

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