Blogreihe »Sicherheit neu denken, Resilienz stärken«
Anfang Juli 2026 brauchten die Angreifer nur vier Tage, um mehrere Behörden im asiatisch-pazifischen Raum zu kompromittieren, aller Wahrscheinlichkeit nach in Taiwan. Bemerkenswert war die Methode: Acht KI-Agenten arbeiteten gleichzeitig und koordiniert zusammen. Einer knackte Zugangsdaten von Regierungsmitarbeitenden, ein anderer suchte systematisch nach offenen API-Schnittstellen. Weitere Agenten entwendeten Personalakten oder installierten dauerhafte Hintertüren in Web-Anwendungen. Ein koordinierender Agent bewertete die Erfolge der einzelnen Teilangriffe nach einem einfachen statistischen Verfahren und passte die Strategie in insgesamt zwölf Angriffswellen fortlaufend an. Nach Einschätzung der Sicherheitsfirma Dream, die den Vorfall im August 2026 dokumentierte, handelt es sich um einen der ersten weitgehend autonom durchgeführten Cyberangriffe auf ein staatliches Ziel überhaupt. Eine zuvor unbekannte Schwachstelle war dafür nicht nötig; die Angreifer nutzten bekannte Lücken. KI mischt die Karten bei Cybersecurity für Unternehmen gerade neu.

Wirtschaftlich betrachtet sind Cyperangriffe inzwischen asymetrische Konflikte geworden: KI minimiert die Kosten für die Angreifer, während die Kosten für die Verteidiger konstant bleiben. Ein an der Analyse beteiligter Sicherheitsexperte formulierte es so: Früher habe ein Angreifer einen Dollar investiert, während die Verteidigung einhundert Dollar aufwenden musste. Heute koste der Angriff nur noch fünf Cent, die Kosten der Verteidigung seien jedoch kaum gesunken. KI-Agenten senken damit die Hürden für wiederholte und breit angelegte Angriffsversuche erheblich.

Das Zeitfenster für die Verteidigung schrumpft

Das Beispiel aus Taiwan zeigt, wie schnell ein laufender Angriff voranschreiten kann. Zugleich schrumpft die Zeit, die Sicherheitsteams zwischen der Veröffentlichung einer Schwachstelle und ihrer Ausnutzung haben. Vor fünf Jahren dauerte es im Schnitt anderthalb Jahre, bis eine veröffentlichte Software-Schwachstelle tatsächlich für einen realen Angriff genutzt wurde. Sicherheitsteams konnten Patches testen, planen und in Wartungsfenstern einspielen. 2025 waren es nach Daten des Sicherheitsdienstleisters VulnCheck im Schnitt noch 21 Tage. Laut der Webseite Zerodayclock sind es 2026 nur noch 1,6 Tage. Fast ein Drittel der tatsächlich ausgenutzten Schwachstellen wurde am oder bereits vor dem offiziellen Veröffentlichungstag angegriffen.

Sicherheitsanalystinnen und -analysten bezeichnen diese Verdichtung des Exploit-Fensters als »AI Vulnerability Storm«. Die Cloud Security Alliance beschreibt in einem aktuellen Briefing, wie KI-Systeme Berichte über bekannte Sicherheitslücken auswerten und daraus in 10 bis 15 Minuten einen funktionierenden Exploit erzeugen können. Erfahrene Sicherheitsforschende brauchten dafür früher Tage oder Wochen.

Schneller reagieren – aber nicht auf alles

Das schrumpfende Exploit-Fenster legt eine einfache Reaktion nahe: Schwachstellen müssen schneller geschlossen werden. Doch schnelleres Patchen allein löst das Problem nicht. 2025 wurden mehr als 48 000 neue CVEs (Common Vulnerabilities and Exposures, die Standard-Kennungen für Sicherheitslücken) veröffentlicht. Laut VulnCheck wurde davon nur etwa ein Prozent tatsächlich für reale Angriffe genutzt. Für Sicherheitsteams heißt das: Sie müssen unter hohem Zeitdruck aus einer sehr großen Menge genau die wenigen Schwachstellen erkennen, von denen eine konkrete Gefahr ausgeht.

KI verschärft diese Auswahlaufgabe zusätzlich. Die Menge des öffentlich verfügbaren Exploit-Codes steigt, aber vieles funktioniert auch nicht oder führt in die Irre. Solche scheinbar plausiblen Inhalte erzeugen zusätzliche Warnmeldungen und binden Zeit für ihre Prüfung. Die Unsicherheit darüber, welche Hinweise verlässlich und relevant sind, nimmt zu.

Der eingangs geschilderte Angriff macht die Folgen deutlich. Die Angreifer benötigten keine neue, unbekannte Schwachstelle. Bekannte und dokumentierte Lücken reichten aus, weil mehrere KI-Agenten parallel mögliche Angriffspfade erprobten und ihre Vorgehensweise fortlaufend anpassten. Für die Priorisierung zählt daher das Zusammenspiel mehrerer Faktoren: technische Schwere, Erreichbarkeit in der konkreten Umgebung, mögliche Kombinationen mit anderen Lücken und die Bedeutung der gefährdeten Systeme oder Prozesse.

Warum CVSS-Werte allein nicht mehr reichen

Im Vulnerability-Management dient häufig der CVSS-Score (Common Vulnerability Scoring System) als erste Orientierung. Die Zahl zwischen 0 und 10 beschreibt die technische Schwere einer Schwachstelle. Ob ein Angreifer das betroffene System erreichen kann, wie wichtig es für den Geschäftsbetrieb ist oder ob es in einer abgeschotteten Netzwerkzone liegt, bildet der Wert jedoch nur unzureichend ab. KI-gestützte Angriffsvorbereitung verschärft dieses Problem. Wenn Angreifer innerhalb weniger Minuten einen funktionierenden Exploit entwickeln oder wie im Taiwan-Beispiel bekannte Lücken in mehreren Angriffswellen kombinieren, bleibt nach der Veröffentlichung kaum Zeit für eine umfassende Bestandsaufnahme. In OT-Umgebungen kommt hinzu, dass Patches oft nur in seltenen, sorgfältig geplanten Wartungsfenstern eingespielt werden können. Organisationen sollten deshalb bereits vor einem konkreten Schwachstellenfund wissen, welche Systeme kritisch und von außen erreichbar sind, welche Abhängigkeiten bestehen und welche Prozesse bei einem Ausfall betroffen wären. Mit diesem Wissen lassen sich neue Schwachstellen unmittelbar nach ihrem tatsächlichen Risiko für die eigene Umgebung priorisieren.

Hier kommt unser aktuell laufendes Projekt FORTIS ins Spiel. Das Framework verbindet unter anderem die technische Bewertung einer Schwachstelle mit Informationen zur Kritikalität und Erreichbarkeit der betroffenen Assets sowie zu ihrer Rolle in Geschäfts- und Produktionsprozessen. Gerade für produzierende Unternehmen und Betreiber kritischer Infrastrukturen hilft diese Einordnung, begrenzte Ressourcen auf die dringlichsten Fälle zu konzentrieren.

Wenn Sie mehr über kontextbasierte Priorisierung erfahren oder sich zu Ihrer eigenen Vulnerability-Management-Praxis austauschen möchten, sprechen Sie uns gerne an oder werden Sie Teil unseres Netzwerks OT-Security (die nächste Runde startet bereits im Oktober). Mehr Infos zu FORTIS finden Sie außerdem in den Leselinks.

Blogreihe »Sicherheit neu denken, Resilienz stärken«
Was macht Organisationen widerstandsfähig? Expertinnen und Experten des Fraunhofer IAO beleuchten in unserer Blogreihe anlässlich der Themenwochen »Sicherheit und Resilienz« aktuelle Herausforderungen von Cyberresilienz. Die Beiträge beleuchten OT- und Cybersicherheit, resiliente Lieferketten, die Resilienz des straßengebundenen Gütertransports, resiliente Investitionsentscheidungen, den Umgang mit Cybervorfällen sowie die Aufrechterhaltung der Handlungsfähigkeit von Kommunen.

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Michael Kubach

Michael Kubach

Zwischen digitalen Identitäten, Cybersicherheit, Datensouveränität und KI sucht Michael nach Antworten auf eine einfache Frage: Wie kann Digitalisierung funktionieren, ohne dass das Menschliche auf der Strecke bleibt? Am Fraunhofer IAO forscht er genau an diesen Themen und arbeitet mit Forschungspartnern an der Gestaltung digitaler Ökosysteme. Dabei verbindet er technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Perspektiven.

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Kategorien: Künstliche Intelligenz, Sicherheit und Resilienz
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