Die Frage ist berechtigt (siehe auch den Blogbeitrag von Niklas Effenberger: »Das Metaverse als Schnittstelle zwischen Modell und Wirklichkeit«). Warum verwenden wir den Begriff dann trotzdem? Ich persönlich finde ihn erstens schön, weil er das »Meta-« – also das Übergeordnete – gut trifft: Nicht ein einzelnes virtuelles Paralleluniversum, sondern etwas, das verschiedene Technologien und Räume zusammenführt. Ich kenne keinen Begriff, der diese Konvergenz ähnlich kurz und verständlich auf den Punkt bringt (obwohl ich genug Kandidaten gelesen habe). Und zweitens lassen sich über den Begriff sinnvolle Unterkategorien bilden: Industrial Metaverse, Urban Metaverse, Service Metaverse, Social Metaverse usw. Wir könnten natürlich auch von Industrie 5.0 und Citiverse (Citizen-Metaverse), von Digitalen Zwillingen im Allgemeinen und Speziellen, oder von Web3 sprechen, aber das würde eben nicht so schön verdeutlichen, dass alles zusammengehört und zusammenwächst.
Kurz und catchy könnte man sagen »Das Metaverse ist das Internet der Zukunft und die Zukunft des Internets.« Aber ich finde, 2026 lohnt es sich, noch einmal verschiedene Definitionen und Perspektiven auf das Konzept des Metaverse aufzuarbeiten und zu begutachten.
Von »Snow Crash« zum Arbeitsmetaverse
Der Begriff stammt aus Neal Stephensons Roman »Snow Crash (1992) – dort ist das Metaverse vor allem ein sozialer, virtueller Raum. In den 2000ern prägten Plattformen wie Second Life das Bild: virtuelle Welten, Avatare, digitale Güter. Ab 2021/22 verstärkte der öffentliche Hype eine Lesart, in der »Metaverse« vor allem mit VR-Headsets, Avatar-Shopping und teuren Projekten mit unklarem Nutzen in Verbindung gebracht wurde.
Seitdem hat sich die Debatte verschoben. In Forschung und Praxis geht es heute stärker darum, wie virtuelle Modelle, Daten und Simulationen reale Entscheidungen und Prozesse verbessern – und wie man dafür robuste technische und organisatorische Grundlagen schafft. Genau deshalb lohnt sich ein Blick auf mehrere Definitionslinien – und darauf, warum ich hier bewusst vom Arbeitsmetaverse spreche.
Was meinen wir mit »Metaverse«? Drei Definitionslinien
Diese Definitionslinien setzen unterschiedliche Schwerpunkte – und ergänzen sich.
1) Metaverse als Netzwerk persistenter 3D-Welten (Interoperabilität als Ziel)
Matthew Ball beschrieb 2022 das Metaverse als persistentes, vernetztes System aus 3D-Welten und -Diensten, das perspektivisch viele Online-Erfahrungen bündelt; Interoperabilität ist dabei ein zentrales (wenn auch noch nicht eingelöstes) Versprechen (Ball, 2022).
2) Metaverse als Standard- und Governance-Thema
In der Standardisierungsdebatte wird das Metaverse als internetnahe Schicht verstanden, die Identitäten, Sicherheit sowie Daten- und Objektformate und damit Interoperabilität adressieren muss. Neuere Reviews betonen: Ohne solche Grundlagen bleibt »das eine Metaverse« eher Vision; real existieren fragmentierte Plattformen (Rawat & Hagos, 2024; Yang et al., 2025).
3) Metaverse als Rückkopplung zwischen Modell und Wirklichkeit (Virtualisieren ↔ Realisieren)
Die CyberLänd-Studie von Fraunhofer IAO, -IPA und dem VDC setzt einen für Industrie und Stadt besonders hilfreichen Akzent: Metaverse entsteht dort, wo physischer und virtueller Raum gekoppelt werden – über Virtualisieren (Realwelt wird in Daten/Modelle überführt) und Realisieren (digitale Erkenntnisse wirken zurück in Prozesse, Entscheidungen, Automatisierung) (CyberLänd: Hölzle et al., 2023).
Dabei geht es nicht nur um »Zwillinge« realer Objekte, sondern auch um originär digitale Objekte und Assets, die virtuell bleiben und trotzdem ökonomisch oder sozial wirksam sind (CyberLänd: Hölzle et al., 2023).
Arbeitsdefinition für ein Arbeitsmetaverse
Das Metaverse verstehen wir als Netzwerk verknüpfter, teils interoperabler digitaler Räume und Dienste, in denen Menschen, Organisationen, Maschinen und KI-Agenten in Echtzeit oder asynchron gemeinsam an Modellen, Daten und Prozessen arbeiten. Zentral ist die Verschmelzung von physischem und virtuellem Raum über die Wirkmechanismen Virtualisieren und Realisieren. Ein Metaverse entsteht dort, wo mehrere Technologie-Cluster konvergent zusammenwirken – z. B. XR, digitale Zwillinge/Simulation, IoT/Robotik, KI sowie Edge- und Cloudcomputing.
Für Industrie und Städte ist das Metaverse vor allem ein Arbeits- und Wertschöpfungsraum: Komplexe Systeme werden verständlich, Varianten werden verhandelbar, und Entscheidungen werden robuster, weil Daten, Modelle und Perspektiven zusammengeführt werden. Gleichzeitig ist »das eine Metaverse« heute eher eine Zielvorstellung: Aktuell sehen wir fragmentierte Plattformen und Ökosysteme, deren Kopplung (semantisch, technisch, organisatorisch) eine offene Aufgabe bleibt. Generative KI verschiebt dabei die Grenze des Machbaren: Sie senkt Hürden für Content- und Modellaufbau, ermöglicht erklärende Assistenz und Simulation/Optimierung – und kann Integrationsarbeit teilweise automatisieren, erhöht aber auch Anforderungen an Governance, Qualität und Vertrauen (vgl. Jauhiainen, 2024).
Die Rolle von eXtended Reality (XR, Virtual Reality (VR), Augmented Reality (AR), Augmented Virtuality, Mixed Reality (MR))
Selbst wenn man sich v.a. an die Metaverse-Definition von Matthew Ball hält (s. o.), der v. a. von 3D-Welten spricht, wird das Metaverse nie gleichzusetzen sein mit einer großen Virtuellen Realität, die man in jedem Fall mit einem VR-Headset betritt. Im Moment ist eher das Gegenteil der Fall: Es gibt sehr wenige Anwendungen, für die man notwendigerweise ein VR-Headset braucht. Was aber durchaus zu beobachten ist, – ein Trend, den ich aus Sicht des Teams eXtended Environments natürlich sehr begrüße – sind die Fortschritte in WebXR. 3D-Modelle lassen sich heute performant im Browser nutzen, und viele XR-Headsets bringen WebXR-fähige Browser mit. Für Vieles wofür bis vor Kurzem relativ aufwändig Device-spezifische XR-Apps gebaut werden mussten, reicht heute eine WebXR-Anwendung, die ich sowohl auf meinem Laptopbildschirm, als auch im XR-Headset nutzen kann. Von der Mächtigkeit der Browsertechnologie betrachtet, ist die vereinfachte Definition des Metaverse als »Next Generation Internet« vielleicht doch gar nicht so weit weg.
Wir erwarten also deutlich mehr XR-Anwendungen, weil es immer einfacher wird XR-Erlebnisse zu entwickeln; auch weil generative KI-Inhalte, Varianten und Prototyping beschleunigt (vgl. Jauhiainen, 2024). XR ist im Metaverse die Brücke zwischen abstrakten Daten/Modellen und menschlicher Wahrnehmung: Komplexe Geometrien werden begeh- und begreifbar; Training, Inbetriebnahme und Beteiligung werden erlebbar.
Augmented Reality ist immer dann die prädestinierte Zugangstechnik, wenn Realität und Virtualität tatsächlich ineinander übergehen. Wenn z. B. im Urban Metaverse (s. u.) 3D-Stadtmodelle mit zusätzlichen Daten angereichert werden, können diese nicht nur im virtuellen Modell, sondern auch in der realen Stadt verortet werden (idealerweise ist das technisch derselbe Vorgang und es bleiben dieselben Daten).
Und wenn wir gerade bei zukünftigen User Interfaces sind, lohnt zudem ein Blick auf Neurosensorik und Brain-Computer-Interfaces: Noch ist das kein Massen-Interface, aber in Kombination mit XR und KI können neurophysiologische Signale mittelfristig helfen, Interaktion situationssensitiver zu machen – etwa durch Messung von Aufmerksamkeit, kognitiver Belastung oder Ermüdung und durch adaptive Assistenz. Damit wird XR im Metaverse nicht nur »Anzeige«, sondern zunehmend ein intelligentes, kontextbewusstes Interface.
Industrial Metaverse: wenn Zwillinge zu Wertschöpfung werden
Die derzeit belastbarste »Arbeitsmetaverse«-Linie ist das Industrial Metaverse: Digitale (nahezu) Echtzeit-Zwillinge von Maschinen und Anlagen, Produkt- und Produktionssimulation sowie KI-gestützte Analyse und Optimierung werden miteinander gekoppelt – häufig ergänzt durch XR-Interfaces etwa für Kollaboration, Inbetriebnahme und Qualifizierung (vgl. CyberLänd: Hölzle et al., 2023; Fernández-Caramés und Fraga-Lamas, 2024). In Praxis und Literatur werden dafür oft konkrete Plattformen wie NVIDIA Omniverse als Referenz genannt (z. B. Ren et al., 2024; Kshetri, 2023). Entscheidend bleibt die Durchgängigkeit: Modelle und Daten müssen so gepflegt, versioniert und angebunden werden, dass sie Entscheidungen tragen – und dass Erkenntnisse aus der virtuellen Ebene wieder real wirksam werden. Besonders anspruchsvoll ist die Interoperabilität: Datenmodelle, Semantik, Sicherheit und Verantwortlichkeiten müssen über Hersteller- und ggf. auch Unternehmensgrenzen hinweg zusammenspielen (Yang et al., 2025).
Urban Metaverse: Stadtsysteme als verhandelbare, datengetriebene Räume
Auch das Urban Metaverse gewinnt Kontur – als Weiterentwicklung von Smart City und urbanen digitalen Zwillingen. Dienhart, Kaufhold und Piller definieren es als immersive 3D-Umgebung, die die physische Stadt und ihre Bürgerinnen und Bürger mit digitalen Daten und Systemen verbindet; physische und digitale Realität verschmelzen und eröffnen neue Möglichkeiten der Gestaltung und Nutzung (Dienhart et al., 2025).
Der Mehrwert für die Stadtsystem-Gestaltung zeigt sich, wenn urbane Infrastrukturen und Zielkonflikte (Energie, Mobilität, Klimaresilienz, Flächennutzung) als Varianten sichtbar und diskutierbar werden: Planung als »Was-wäre-wenn«, Betrieb – wie im Industrial Metaverse – als »Frühwarn- und Optimierungsraum«, Beteiligung als »gemeinsamer Blick auf dasselbe Modell«. XR kann den Zugang immersiv machen – der Kern bleibt die Kopplung von Modell, Daten und Wirkung.
Service Metaverse: Menschenzentrierte Dienstleistungsentwicklung als Praxisfeld
Im Service Metaverse geht es darum, wie Metaverse-Bausteine die Entwicklung und Erbringung von Dienstleistungen unterstützen können. Gerade bei Smart Services – daten- und softwarebasierten Leistungen rund um Produkte, Anlagen oder Infrastrukturen – kann das Metaverse als Entwicklungs- und Interaktionsraum dienen: Serviceideen lassen sich früh erproben, Nutzungskontexte realitätsnah simulieren und neue Serviceerlebnisse gemeinsam mit Kundinnen, Kunden und Mitarbeitenden iterativ weiterentwickeln. Jens Neuhüttler, Kolleginnen und Kollegen betrachten das Metaverse dabei als kombinatorische Innovation aus mehreren Technologien und leiten daraus Potenziale für Smart-Service-Engineering ab – bis hin zu »Meta-Personas, um Anforderungen und Nutzungssituationen in virtuellen Räumen greifbar zu machen. Insgesamt lässt sich das Service Metaverse als Beschleuniger von Lern- und Entwicklungszyklen verstehen: Varianten und Übergaben können früher, anschaulicher und kollaborativer durchgespielt werden, sodass nutzungszentrierte Lösungen schneller robust werden (vgl. Neuhüttler et al., 2023; Neuhüttler et al., 2022).
Business vs Social Metaverse: nützliche Linsen, aber begrifflich unscharf
Nachdem Meta »Metaverse« als großes soziales VR-Netzwerk geframet hatte, wurde »Business Metaverse« zum Abgrenzungslabel für wirtschaftliche Nutzungsszenarien. Das ist als Perspektive auf Geschäftsmodelle, Kontaktpunkte und Märkte durchaus sinnvoll, als Definition aber häufig unscharf und anfällig für Marketing-Sprech.
»Social Metaverse« betont die soziale Interaktion, Avatare und Communities. Das ist wichtig als Ursprungslinie, aber für Industrie-, Stadt- und Servicefragen nicht hinreichend (vgl. Ritterbusch & Teichmann, 2023).
Metaverse als Ökosystem
Die CyberLänd-Studie betont das Metaverse als Vernetzung von Ökosystemen und das Aufbrechen von Datensilos – bis hin zu »Systems of Systems« (CyberLänd: Hölzle et al., 2023). Der Knackpunkt bleibt die Interoperabilität.
Generative KI kann hier doppelt helfen: Sie senkt die Hürden für Content- und Modellpflege (Jauhiainen, 2024) und kann Integrationsarbeit teilweise automatisieren – etwa durch semantische Annotation, Übersetzung von Datenmodellen oder Assistenz bei Schnittstellenlogik. Das ersetzt Standards nicht, kann aber Fragmentierung praktisch abfedern und Entwicklung beschleunigen (vgl. Yang et al., 2025).
Fazit: Ein Begriff, mehrere Perspektiven
Wir schauen auf »das Metaverse«, das es 2026 so nicht gibt, aus unterschiedlichen Perspektiven: Industrial Metaverse koppelt Modelle und Wertschöpfung; Urban Metaverse unterstützt Planung, Betrieb und Beteiligung; Service Metaverse bringt menschenzentrierte Dienstleistungsentwicklung in die Praxis und XR macht diese komplexen Systeme erlebbar.
Genau diese Perspektiven greifen wir in den Metaverse-Themenwochen des Fraunhofer IAO auf, um Anwendungsfelder und nächste Schritte sichtbar zu machen. Schauen Sie in den nächsten Wochen öfter mal hier in den Blog, wenn Sie weitere Blickwinkel aufs Metaverse einnehmen möchten! Die Website gibt einen guten Überblick über die Angebote – eingeordnet nach den Fokusthemen Industrial- und Urban Metaverse und XR als immersive Zugangstechnologie. Auf der Veranstaltungsseite finden Sie neben spannenden Webinaren und Workshops auch unsere Open Lab Days. Die stellen nicht nur eine gute Gelegenheit dar, um sich u. a. XR-Technologie und z. B. KI-Personas direkt demonstrieren zu lassen, sondern auch um mit uns ins Gespräch zu kommen!
Metaverse, Extended Reality, virtuelle Welten – was steckt eigentlich dahinter? Und wie verändern diese digitalen Räume unsere Arbeitswelt? Die Blogreihe beleutet, wie Unternehmen immersive Technologien gezielt einsetzen – von kollaborativer Produktentwicklung bis zur datenbasierten Entscheidungsunterstützung.
Leselinks:
- Blogbeitrag »Das Metaverse als Schnittstelle zwischen Modell und Wirklichkeit« von Niklas Effenberg
- »Metaverse – Vielfalt erleben, Innovation gestalten« Kampagne des Fraunhofer IAO mit Veranstaltungen, Angeboten, aktuellen Möglichkeiten
Kategorien: Arbeitswelten (New Work, Connected Work), Digitale Transformation, Künstliche Intelligenz, Produktion und Wertschöpfung, Stadtsysteme, Virtuelle Welten
Tags: Digitale Zwillinge, Metaverse, Themenwochen Metaverse

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