Usability ist kein Luxus: Chancen der nachholenden Digitalisierung in der Corona-Krise

First-Science-KIT: IAO-Blogreihe zum Corona Krisenmanagement
First-Science-KIT: Blogreihe zum Corona Krisenmanagement
Die Coronakrise fordert von uns allen ganz neue Herangehensweisen und Lösungen im beruflichen Miteinander. Das Fraunhofer IAO hat deshalb eine Blogreihe gestartet, mit der wir schnell anwendbare Praxistipps weitergeben, gut funktionierende Beispiele vorstellen und Lösungswege während und aus der Krise aufzeigen wollen.

Als ich Mutter wurde und als Informatikerin Ende zwanzig mit der Welt der Geburtshilfe und der Kinderbetreuung und -bildung in all ihren Formen in Berührung kam, fühlte ich mich manchmal wie ein Alien: Ich kam aus einer High-Tech-Blase, die die Hochschule der Medien und die Fraunhofer-Welt umschloss. Mein Laptop war nicht der tollste, aber ich hatte einen, Internet, Handy und E-Mail waren die Basiswerkzeuge meines Berufseinstiegs. In der Welt der Hebammen, Geburtsvorbereitungskurse und Erzieherinnen waren Festnetzanrufbeantworter, Aushänge und vervielfältigte, handgeschriebene Zettel die Medien der Wahl. Die Digitalisierung hat je nach Beruf, Branche oder Altersgruppe verschiedene Geschwindigkeiten.

Zurzeit beobachte ich, wie die Elternvertretung an den Schulen meiner Kinder Schulleitung und Lehrkräften dabei hilft, den Unterricht über Mail und Internet zu organisieren. Auch im privaten Umfeld, in Ehrenamt und Sportverein entdecken Menschen die Welt der Online-Videokonferenzen für sich, die vorher »Live-Schalten«, Telefonkonferenzen oder die Vorstellung, dass ihre Webcam Bilder »ins Internet« übertragen könnte, absolut inakzeptabel fanden. Welf Schröter vom Forum Soziale Technikgestaltung beschreibt diese Situation sehr eingängig als »Nachholende Digitalisierung«: Technik, die es schon seit 10, 15 oder 20 Jahren gibt, nun aber erst zur Anwendung kommt, und dort, wo sie nun eingesetzt wird, als neu empfunden wird.

Zwei Fragen sind in diesem Zusammenhang besonders interessant. Die erste ist zugleich eine soziale, wirtschaftliche und technische Frage:

Wieso muss in manchen Bereichen so viel Digitalisierung nachgeholt werden?

Den Menschen, die soziale Arbeit und Pädagogik zum Beruf gemacht haben, Technik-Ferne zu unterstellen, wird der Situation nicht gerecht. Es geht auch um Ressourcenverteilung, und zwar von Geld, Zeit und Wissen. Für Hebammen, Pädagog*innen oder KiTa-Personal war die Einführung neuer Technologien im Berufsleben kaum zu leisten, weil die vorhandenen Ressourcen an Zeit und Geld genau dafür genutzt werden mussten, die eigentlichen Kernaufgaben trotz knapper Mittel irgendwie zu bewältigen. Diensthandy und Laptop konnten hier nicht zur Standardausrüstung werden. Nicht, oder zumindest nicht nur, weil es an der Bereitschaft fehlen würde, sich das notwendige Anwendungswissen anzueignen, sondern weil schlicht die Hardware, die Erlaubnis und der nötige Freiraum dazu fehlten.

Der Zwang, Arbeit in Krisenzeiten auch von Zuhause zu ermöglichen, war nun manchem Unternehmen dann doch die Ausstattung aller Mitarbeitenden mit einem Laptop wert, und notgedrungen war die Zeit da, sich um den Moodle-Account der Schule zu kümmern oder zu erkunden, wie sich eine Klasse online treffen kann. Es gibt durchaus schon nachahmenswerte Beispiele – aber eben auch Unternehmen und Einrichtungen, die sich bisher die Zeit nicht genommen haben und nun ganz viel nachholen müssen.

In diesen Bereichen arbeiten übrigens bedeutend mehr Frauen* für bedeutend weniger Geld als in der anfangs beschriebenen High-Tech-Blase – ich hoffe, dass einige der Eltern (und Großeltern) außer mir, die das beobachten, diesen Zustand auch unhaltbar finden.

Die zweite Frage trifft den Kern meiner Arbeit: Usability und User Experience. In diesem Bereich beschäftigen wir uns damit, wie gut nutzbar eine Software oder ein Produkt ist, und wie das Gesamterlebnis drumherum aussieht. Normalerweise laden wir dafür Versuchspersonen ein, und schauen ihnen in mehr oder weniger realistischen Umgebungen über die Schulter. In dem Bereich stellte sich die Frage:

Welche Software benutzen wir jetzt für Austausch und Zusammenarbeit?

In den mittlerweile mehreren Wochen, die dieser breit angelegte Massenversuch der Online-Zusammenarbeit nun läuft, wird in meinem beruflichen wie privaten Umfeld videokonferiert, was das Zeug hält. In der Unternehmenswelt bewährte, manchmal ein bisschen sperrige und oft kostenpflichtige Tools wurden abends auch für Vereinssitzungen genutzt. Frei verfügbare und Open-Source-Software wurde genauso ausprobiert wie kommerzielle oder gegen Daten nutzbare Programme. Der Preis war unter diesen Umständen gar nicht so entscheidend, sondern ob die Software für alle die, die dabei sein sollten, nutzbar war. Ob sie auch mit Kindern im Hintergrund schnell genug zu verstehen war. Ob die wichtigen Funktionen leicht zu finden waren. Inzwischen werden auch Datenschutzfragen und ethische Fragen gestellt – die waren aber in den ersten Tagen zweitrangig.

Digitalisierung ist eine Chance auf Teilhabe

Diese zwei Beobachtungen ergeben aus meiner Sicht ein sich gegenseitig ergänzendes Gesamtbild: Die Digitalisierung ist in unserer Gesellschaft nicht besonders gleichmäßig und nicht optimal verteilt. In der Coronakrise wird gerade in den Bereichen, die bislang wenig digitalisiert gearbeitet haben, das Potenzial der Online-Kommunikation und -Zusammenarbeit entdeckt. Die Tools und technischen Möglichkeiten, die den Austausch und das Kontakthalten in Gruppen möglich machen, sollen von allen genutzt werden können, die das wollen!

Das heißt, Zugang haben zur benötigten Hard- und Software und wissen wie es geht. Das heißt auch, dass gute, leicht erlernbare Programme, kurz eine gute Usability und User Experience kein Luxus sind, sondern Chancen zur Teilhabe, zum verteilten Zusammenarbeiten und zum Aufrechterhalten und Neuerfinden der eigenen Tätigkeit.

Ich hoffe, dass Sie, seien Sie langjährige oder welche der vielen neu erreichten Nutzerinnen und Nutzer von Tools zur Online-Zusammenarbeit, hohe Ansprüche stellen an diese. Denn es sind Ihre kostbare Zeit und Ihre Nerven, die dabei drauf gehen, wenn es nicht funktioniert. Und dass Sie, die Sie Software und Tools anbieten, tun was möglich ist, damit diese gut funktionieren und im Alltag leicht zu bedienen sind. Wir haben im Team einen ganzen Werkzeugkasten an UUX-Engineering Methoden, mit denen wir daran arbeiten, dass es rund läuft.

Denn Technik ist von Menschen und für Menschen gemacht. Wenn sie nicht passt, muss sie geändert werden. Und sie soll nicht nur für diejenigen, die sowieso im Tech-Bereich arbeiten als selbstverständliches, verfügbares Werkzeug zur Verfügung stehen. Denn auch in allen anderen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft fallen gut ausgebildeter Nachwuchs und Fachkräfte nicht vom Himmel – und Digitalkompetenz wird in Zukunft in allen Branchen wichtig sein.

Und überall wird sich auf lange Sicht die Software durchsetzen, die gut zu nutzen ist. Das ist eine Abstimmung mit den Füßen, die die Hersteller der Software nur dadurch gewinnen können, indem sie ihre Produkte gut machen. Wir helfen dabei gerne, denn das können wir gut. Doch oft fehlt auch in diesem Bereich das Geld und die Bereitschaft in Zugänglichkeit zu investieren, und die, die entscheiden, stellen Funktion über User Experience. Das mag zählen, wenn mit Lasten- und Pflichtenheften entschieden wird – nicht aber, wenn aus dem Bauch heraus entschieden wird oder wenn’s schnell gehen muss und eine Wahlmöglichkeit da ist.

Ich bin gespannt, wann und wie wir daran in unserem UX-Labor weiterarbeiten können – denn normalerweise laden wir die Nutzerinnen und Nutzer dorthin ein, um uns ein umfassendes Bild von der Nutzungssituation zu machen. In der Zwischenzeit werden wir online neue Wege der User Research und des Testens entwickeln, und am Ende mit dem Besten aus beiden Welten weiterarbeiten.

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