Jeder sieht dasselbe… und versteht doch etwas völlig anderes.
Das Bauamt denkt in Genehmigungsverfahren und Sperrzeiten. Die Stadtwerke rechnen Anschlusskosten durch. Die Wohnungsbaugesellschaft fragt sich, wie sie das den Mieterinnen und Mietern erklärt. Die Industrievertreterin will wissen, ob die Abwärme wirklich eingespeist werden kann. Und die Bürgervertretung? Die möchte verstehen, warum ausgerechnet durch die Kleingartenanlage gebaggert werden soll.
Zwei Stunden später: Viele Fragen notiert, einige Missverständnisse aufgeklärt, neue Missverständnisse entstanden. Der Termin fürs nächste Meeting steht.
Das kennen Sie. Das kennen wir alle. Ob bei der Einführung einer neuen Software im Unternehmen, der Abstimmung zwischen Vertrieb und Entwicklung über ein Produktfeature, beim Glasfaserausbau oder bei der Quartiersentwicklung – komplexe Projekte sehen fast immer so aus. Und auf den ersten Blick scheint das auch in Ordnung. So läuft es eben.
Aber muss das so bleiben?
Komplexität und Handlungsdruck wachsen – und damit der Preis für Missverständnisse und Ineffizienzen
Die Projekte unserer Zeit werden nicht einfacher. Ob Klimaanpassung oder Energiewende, ob Lieferketten über mehrere Standorte und Kontinente hinweg oder die Zusammenarbeit verteilter Teams – die Themen sind von Natur aus vernetzt, widersprüchlich, vielschichtig. Sie betreffen fast nie nur eine Fachabteilung, nie nur eine Branche, nie nur eine Perspektive. Und genau hier liegt das Problem: Wir betrachten diese komplexen Fragen oft segmentiert. Nicht aus Ignoranz, sondern weil uns die Komplexität der realen Welt zwingt, in Zuständigkeiten, Fachsprachen und bspw. getrennten Datensilos zu denken.
Das Ergebnis ist eine Art Übersetzungsproblem: Die Informationen sind da. Das Wissen ist verteilt vorhanden. Was fehlt, ist eine gemeinsame Grundlage, auf der all das zusammenkommt, sichtbar, nachvollziehbar und verhandelbar. Was wir deshalb brauchen, sind Technologien, die Brücken schlagen: Zwischen Fachbereichen, zwischen Daten und Entscheidungen, zwischen isoliertem Expertenwissen und gemeinsamem Verständnis, zwischen Idee und Realität.
Und damit sind wir bei einem Begriff, der seit Jahren polarisiert.
Das Metaverse: Ein umstrittenes Wort. Was verbirgt sich dahinter?
Sagen wir es offen: Der Begriff »Metaverse« hat gelitten. Spätestens seit Mark Zuckerberg damit seine Zukunftsvision verknüpft hat, ist der Begriff für viele erledigt. Man denkt an wackelige Avatare, leere virtuelle Meetingräume, an Second Life.
Gut so!
Denn jetzt, wo der Hype abgeflaut ist, können wir über das sprechen, was tatsächlich dahinter steckt und welche Möglichkeiten dieses doch so wichtige Konzept für uns alle möglicherweise eröffnet.
Denn hinter Metaverse, auch Industrial Metaverse, Urban Metaverse oder auch Citiverse (Citizen Metaverse) steckt kein einzelnes Produkt oder die Vision eines einzelnen Konzerns, sondern etwas viel Fundamentaleres: Die Konvergenz der digitalen Schlüsseltechnologien unserer Zeit.
Digitale Zwillinge versprechen der Industrie enorme Effizienzgewinne und Städten neue Möglichkeiten für Planung und Betrieb. Gleichzeitig werden vernetzte Dateninfrastrukturen und Cloud-Lösungen zur Grundvoraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit. Künstliche Intelligenz hat in den letzten zwei Jahren einen Schub ausgelöst, der all diese Entwicklungen beschleunigt und neu verknüpft. Und Extended Reality macht es möglich, komplexe Daten nicht nur zu visualisieren, sondern gemeinsam zu analysieren, zu diskutieren, zu verändern.
Das Entscheidende: Diese Technologien entfalten ihr Potenzial erst richtig, wenn sie zusammenwirken. Einzeln sind sie Werkzeuge. Zusammen werden sie zu dem, was wir dringend brauchen: Einer gemeinsamen Arbeitsgrundlage für Menschen aus unterschiedlichen Fachbereichen, Hintergründen, mit unterschiedlichen Kompetenzen, Erfahrungswissen, Anforderungen und Vorstellungen – dem »Metaverse«.
Zurück zum Wärmeplanungs-Meeting: Statt flacher Karten auf dem Beamer steht das Quartier nun als immersives 3D-Modell im Raum. Die Stadtwerke können Wärmeflüsse und Ausbaustufen einblenden. Das Bauamt sieht sofort, wo Leitungstrassen mit geplanten Straßensanierungen kollidieren oder sich sinnvoll verbinden lassen. Und die Bürgervertretung kann durch die Kleingartenanlage »laufen« und versteht, dass die Trasse am Rand verläuft, nicht mittendurch.
Niemand muss die Fachsprache der anderen perfekt beherrschen. Alle sehen dasselbe, und können von dort aus gemeinsam weiterdenken.
Drei Perspektiven, ein gemeinsamer Kern
In den Metaverse Themenwochen am Fraunhofer IAO zeigen wir diese verbindende Rolle, aus unterschiedlichen Blickwinkeln, aber mit einem gemeinsamen Kern: Technologie als Brücke, nicht als Selbstzweck.
Stadt: Vom Plan zur begehbaren Option. Im Urban Metaverse geht es darum, virtuelle und physische Stadträume zusammenzubringen. Über digitale Zwillinge, Augmented Reality und neue Beteiligungsformate. Eine geplante Umgestaltung wird nicht auf Papier gezeigt, sondern im Raum erfahrbar.
Industrie: Vom Experiment zum Wettbewerbsfaktor. Digitale Räume verändern Wertschöpfung, von der Produktentwicklung über Qualifizierung bis zur Prozessgestaltung. Hier entwickeln wir praxistaugliche XR-Lösungen mit Fokus auf Prozessintegration, digitale Durchgängigkeit und Nutzerakzeptanz.
Mensch: Technologie, die zum Menschen passt. Die beste Lösung scheitert, wenn sie an der menschlichen Wahrnehmung, Belastbarkeit oder Akzeptanz vorbeigeht. Hier verbinden wir neurowissenschaftliche Methoden mit immersiven Technologien, um zu verstehen, wie Menschen in digitalen Umgebungen lernen, entscheiden und zusammenarbeiten, und um Systeme zu gestalten, die sich am Menschen orientieren statt umgekehrt.
Diese Perspektiven greifen ineinander: Die Stadt braucht industrielle Lösungen, die Industrie urbane Testfelder, und beides braucht Menschen, die es verstehen und mittragen.
Begleiten Sie uns: Die Metaverse Themenwochen am Fraunhofer IAO
In den kommenden Wochen zeigen wir, was heute schon trägt und wollen gemeinsam mit Ihnen herausfinden, wo die Reise hingeht. Bringen Sie Ihren Kontext ein, stellen Sie kritische Fragen, denken Sie mit.
Denn eines ist sicher: Die Brücken, die wir brauchen, bauen sich nicht von allein
Metaverse, Extended Reality, virtuelle Welten – was steckt eigentlich dahinter? Und wie verändern diese digitalen Räume unsere Arbeitswelt? Die Blogreihe beleutet, wie Unternehmen immersive Technologien gezielt einsetzen – von kollaborativer Produktentwicklung bis zur datenbasierten Entscheidungsunterstützung.
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Kategorien: Arbeitswelten (New Work, Connected Work), Digitale Transformation, Künstliche Intelligenz, Stadtsysteme, Virtuelle Welten
Tags: Bürgerbeteiligung, Digitale Zwillinge, Extended Reality, Metaverse, Themenwochen Metaverse

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