Zukunft strategisch gestalten – Blogreihe zum Metaverse
In dem Auftaktbeitrag der Metaverse-Themenwochen wurde das Potenzial in immersive Technologien als verbindende Arbeitsgrundlage für komplexe Entscheidungen beschrieben. Im Rahmen der Morgenstadt-Initiative haben wir eine kleine Umfrage unter sechs Fraunhofer-Instituten durchgeführt, um zu verstehen, wie das Urban Metaverse von denjenigen eingeschätzt wird, die in verschiedenen Bereichen an der Stadt von morgen forschen.

Die Antworten waren überraschend eindeutig und widersprüchlich zugleich. Zwischen Vision und Umsetzbarkeit spannt sich ein Feld, das zeigt, dass das Urban Metaverse kein Selbstläufer ist, sondern ein Werkzeug mit Stärken und Schwächen.

Wo liegen die Anknüpfungspunkte?

Aus den Antworten wurde schnell deutlich, dass das Urban Metaverse nicht als völlig neues Handlungsfeld verstanden wird. Die Forschenden der verschiedenen Fraunhofer-Institute sehen seine größten Anknüpfungspunkte stattdessen in bestehenden Aufgaben der Stadtentwicklung. Am häufigsten wurden die Bereiche Klimaschutz und Klimaanpassung, Mobilität und Logistik, Energie- und Gebäudefragen sowie urbane Daten und Verwaltungsmodernisierung genannt. Seltener genannt wurden die Bereiche Bevölkerungsschutz, Kreislaufwirtschaft und Wassermanagement.

Das Urban Metaverse erscheint somit weniger als parallele Realität, sondern vielmehr als mögliche Erweiterung bestehender Steuerungs- und Planungssysteme. Unter der Voraussetzung, dass valide urbane Daten vorliegen, kann es als zusätzliche Ebene vorhandene Prozesse unterstützen.

Konkrete Potenziale: Unterstützung statt Utopie

Bei den Potenzialen zeigt sich ein klarer Praxisfokus. So wurde beispielsweise die Idee einer Verwaltung als digitaler Raum genannt. Dienstleistungen für Bürgerinnen und Bürger wären dort leichter zugänglich, es ließen sich Szenarien durchspielen und Beteiligung könnte verständlicher gemacht werden. Auch alternative Entwicklungen der gebauten Umwelt könnten sichtbar werden. Diese wäre nicht nur für Fachleute, sondern auch für die Öffentlichkeit von Interesse.

Mehrere Stimmen sahen das Urban Metaverse als datenbasierten Referenzraum. Es könnte Entscheidungen unterstützen und transparenter machen. Teilweise wurde es als »Single Source of Truth« beschrieben, die komplexen Zusammenhänge bündelt. Ganz konkret ging es auch um die Visualisierung von Bestandsdaten und Simulationen zur besseren Planung. Im Bevölkerungsschutz wurden Potenziale in Echtzeitdaten, Szenarien und Warnsystemen gesehen.

Beim Thema Klimaschutz wurde betont, dass Maßnahmen durch digitale Modelle anschaulicher werden könnten. Digitale Zwillinge oder BIM-Modelle könnten dabei helfen, Entwicklungen vergleichbar zu machen und Abstimmungen zu erleichtern.

Was unbedingt zu beachten ist

Die Umfrage zeigt eindeutig: Der Einsatz solcher Lösungen ist an bestimmte Voraussetzungen gebunden. Dazu gehören vor allem ein langfristiger Mehrwert, eine gute Zugänglichkeit, verlässliche Daten, ein klarer Fokus und nicht zuletzt Fragen der IT-Sicherheit.

Immer wurde betont, dass es am Ende nicht um die Technologie selbst gehen darf, sondern um ihren tatsächlichen Nutzen. Entscheidend ist, ob konkrete Mehrwerte für die verschiedenen Nutzergruppen entstehen. Das Ziel sollte immer die Umsetzung in der realen Welt sein und nicht die Entwicklung eines weiteres digitalen Tools, das nach kurzer Zeit wieder in der Schublade verschwindet. Gleichzeitig wurde deutlich, dass, technologische Lösungen soziale Ungleichheiten nicht automatisch lösen. Im Zweifel können sie sogar neue schaffen. Fragen des Zugangs- oder der Nutzungsmöglichkeiten für unterschiedliche Gruppen müssen deshalb von Anfang an berücksichtigt werden.

Auch das Thema Daten zieht sich durch viele Antworten. Selbst das beste digitale Abbild der Stadt bleibt ohne eine solide, gut aufbereitete Datengrundlagewenig belastbar. Gleichzeitig wurde angemerkt, Modelle nicht zu überladen. Anstatt möglichst viele Informationen darzustellen, sollte sichtbar gemacht werden, welche Informationen für eine konkrete Entscheidung wirklich relevant sind.

Schließlich spielen auch Sicherheitsaspekte eine wichtige Rolle. Damit sind nicht nur klassische IT-Sicherheit, sondern auch robuste Systemstrukturen, analoge Rückfallebenen sowie die Möglichkeit gemeint, sich bewusst gegen eine Nutzung zu entscheiden, ohne dadurch Nachteile zu erfahren.

Die größten Grenzen: weniger Technik, mehr Rahmenbedingungen

Spannend ist: Laut Umfrage liegen die größten Hürden nicht in fehlenden Visionen oder technischen Ideen, sondern in ganz praktischen Fragen. Immer wieder genannt wurden die Themen Standardisierung und Interoperabilität. Unterschiedliche Datenformate, fehlende Schnittstellen und mangelnde gemeinsame Grundlagen erschweren es derzeit, Systeme tatsächlich zusammenzuführen.

Hinzu kommt die Frage nach dem tatsächlichen Nutzen. Mehrere Rückmeldungen spiegeln eine gewisse Skepsis wider: Welchen konkreten Mehrwert bietet das Urban Metaverse gegenüber bestehenden Werkzeugen, gerade im Alltag von Verwaltung und Stadtplanung? Hier spielt auch das Thema Akzeptanz eine Rolle denn, Datenschutzbedenken, unklare Anwendungsszenarien oder eine fehlende gesellschaftliche Legitimation können den Einsatz ausbremsen.

Außerdem sind Zeit, Energie, Fachwissen und finanzielle Mittel notwendig, um solche Systeme aufzubauen und zu betreiben. Gerade im kommunalen Kontext stellt sich dabei schnell die Frage nach Wirtschaftlichkeit und langfristiger Tragfähigkeit.

Hinzu kommen strukturelle Themen wie fragmentierte Datenlandschaften, Governance-Fragen und digitaler Teilhabe. Nicht alle Bürgerinnen und Bürger können gleichermaßen an solchen Formaten teilnehmen. Auch organisatorisch ist vielerorts noch unklar, wie Verantwortung und Datennutzung geregelt werden sollen.

Wann wird das Urban Metaverse relevant?

Die Einschätzungen zur zeitlichen Relevanz fielen unterschiedlich aus. Einige sehen bereits heute erste praktische Anwendungsfälle, während andere erwarten eine stärkere Bedeutung in den kommenden drei bis fünf Jahren erwarten. Wieder andere ordnen das Thema eher langfristig ein oder äußern grundsätzliche Zweifel daran, ob es überhaupt eine zentrale Rolle spielen wird.

Was bleibt also?

Das Urban Metaverse wird nicht als Selbstzweck verstanden. Sein möglicher Beitrag liegt in der Unterstützung von Entscheidungsprozessen, der Erleichterung von Verständigung und der Vorbereitung der realen Umsetzung. Gleichzeitig hängt sein Erfolg weniger von technologischer Reife ab als von Datenqualität, institutionellen Strukturen, Governance-Fragen und sozialer Einbettung.

Das Urban Metaverse ist somit weder Vision noch virtuelle Seifenblase. Es ist ein Instrument, dessen Wirkung davon abhängt, wie verantwortungsvoll es gestaltet und eingesetzt wird.

Zukunft strategisch gestalten - Blogreihe zum Metaverse
Metaverse, Extended Reality, virtuelle Welten – was steckt eigentlich dahinter? Und wie verändern diese digitalen Räume unsere Arbeitswelt? Die Blogreihe beleutet, wie Unternehmen immersive Technologien gezielt einsetzen – von kollaborativer Produktentwicklung bis zur datenbasierten Entscheidungsunterstützung.

Leselinks:

Sarah Kaltenegger

Sarah Kaltenegger forscht im Forschungsbereich »Stadtsystemgestaltung« und entwickelt Ansätze, um urbane Systeme widerstandsfähiger zu machen. Zur Steigerung der urbanen Resilienz verbindet sie technologische Innovation mit sozialer Verantwortung.

Autorenprofil - LinkedIn



Kategorien: Digitale Transformation, Stadtsysteme, Virtuelle Welten
Tags: ,