5 Thesen zum erfolgreichen Wandel unserer Mobilitätskultur

Allen Schreckensmeldungen und Horrorszenarien zum Klimawandel zum Trotz ist das Mobilitätsverhalten der Deutschen in den letzten Jahren annähernd gleichgeblieben. Mit dem SUV zum ökologisch nachhaltigen Bauernhof einkaufen zu fahren ist ein typisches Beispiel dafür, dass der Wille zu nachhaltigem Verhalten zwar da ist, das tiefgreifende Verständnis aber offenbar noch nicht. Diesel-Fahrverbote hin oder her – unser Verkehrsverhalten bleibt zu hoch und wirkt sich zu sehr auf unsere Umwelt aus. Was sind die Gründe dafür und wie können wir dieses Paradox auflösen, um den so dringend notwendigen Wandel herbeizuführen?

Wenig Diskussionsbedarf besteht darüber, dass wir alle versuchen, uns nachhaltiger zu verhalten und wir ein höheres Bewusstsein gegenüber der Umwelt und gegenüber den gesellschaftlichen Auswirkungen besitzen. Wie stark wir daraus jedoch aus Worten Taten folgen lassen, hängt von verschiedenen Parametern ab – sowohl von Nutzerseite als auch von der Angebotsseite.

1) Wir müssen das Henne-Ei-Problem zwischen Anbietern oder Nachfragern lösen

Mit dem Mobilitätssystem ist es in etwa so wie mit dem »Henne-Ei-Problem«. Aus Anbietersicht orientiert man sich an den Bedürfnissen der Nutzer, die individuell und flexibel mobil sein möchten. Aus Nutzersicht muss man sich jedoch zur Ausübung seiner Mobilität nach den bestehenden Angeboten und Mobilitätsdiensten richten. Wer soll also den ersten Schritt für einen Wandel tun? Ein erfolgsversprechendes Mittel sind hier Pilotprojekte, bei denen Anbieter und Nutzer gemeinsam Lösungen und Erfolgsbeispiele entwickeln, die auch für den Massenmarkt genutzt werden können.

5 Thesen zum erfolgreichen Wandel unserer Mobilitätskultur
Unser Mobilitätsverhalten ist in den letzten Jahren annähernd gleichgeblieben. Nach dem Bericht Mobilität in Deutschland »MiD 2017« sank der MIV-Anteil an den gemachten Personenkilometern nur von 57% im Jahr 2002 nur auf 55% gegenüber 2017. Gleichzeitig steigt das Verkehrsaufkommen.
Abbildung: Modal Split Deutschland 2017 (Quelle: BMVI 2018)

 

2) Wir müssen einen attraktiven neuen Mobilitäts-Lifestyle entwickeln

Im Durchschnitt bewegen wir uns 37,2 km pro Tag und das vorrangig mit dem eigenen PKW. Insgesamt nimmt der Verkehr auf den deutschen Straßen wieder zu und gleicht dabei die Vorteile und Verbesserungen im Transportsektor gegenüber dem Klima- und Umweltschutz wieder auf. So hat der PKW-Verkehr zwischen 1995 und 2017 um knapp 18% zugenommen. Gleichzeitig bleibt der eigene PKW zu 95% des Tages ungenutzt und weist somit eine hohe Ineffizienz innerhalb des Transportsystems auf. Der Wechsel vom unwirtschaftlichen PKW zu nachhaltigeren und effizienteren Alternativen ist rational und ökonomisch geboten. Er kann aber nur realisiert werden, wenn dem Lifestyle-Objekt PKW eine ebenso attraktive Alternative entgegengesetzt wird. Wir müssen gerne wechseln wollen, nicht nur der Umwelt zuliebe verzichten.

3) Teilen ist das neue Haben: Sharing-Modelle als Treiber nachhaltiger Mobilität

Nachdem die Wahl des Transportmittels keiner hohen Dynamik unterliegt, liegt es auch an nachhaltigen Alternativen innerhalb der jeweiligen Transportmodi. Elektromobilität oder Car Sharing wäre hier nachhaltigere Alternativen. Aus Nutzersicht spielt Car Sharing jedoch nur für überwiegend junge, männliche und Personen im urbanen Raum eine Rolle. Alternative Antriebe spielen übergeordnet eine zentrale Rolle für den Wandel des Verkehrssystems. Elektro- und Hybridfahrzeuge haben hier eine steigende Nachfrage und zugrundliegende Akzeptanz vorzuweisen (+54,4% bzw. +44,2% im Vergleich zum Vorjahr).

Aus meiner Sicht führt kein Weg an differenzierten Sharing-Modellen vorbei. Ob Robocab, Flugtaxi oder elektromobile Flotte: je mehr Angebote nachhaltiger Transportmodi desto besser – es muss letztendlich auch für jeden Typ was dabei sein, damit auch jeder umsteigt. Außer Frage dabei steht hier die Nachhaltigkeitsprüfung, der sich jedes Angebot im Vorfeld unterziehen sollte! Denn es sollte klar hinterfragt werden, ob 100 voll autonome PKW nachhaltiger sind als 100 konventionell betriebene Fahrzeuge, wenn ich als Fahrer weiterhin allein in diesem sitze.

4) Digitalisierung als Nachhaltigkeitstreiber und Wandel-Beschleuniger nutzen

Die Digitalisierung eröffnet sozusagen als »kleines Extra« nochmal ganz neue Möglichkeiten, Mobilitätsbedarfe zu decken: ob Webkonferenz, Home Office oder die Möglichkeit, dank Virtual Reality, entfernte Orte quasi real zu besuchen und zu erleben. Doch gerade hier zeigen sich konträre Entwicklungen. Online Shopping ist das populärste Beispiel. So hat die Untersuchung der MiD ergeben, dass insbesondere Personen, die häufig Produkte online erwerben, genauso oft analog in den Städten kaufen als Personen, die selten online einkaufen. Dennoch: Unser Leben und Arbeiten digitalisiert sich, unser Verkehr wird es auch tun – und in digitalen Möglichkeiten beispielsweise beim autonomen Fahren steckt immenses Veränderungspotenzial hin zu einem neuen »Mobilitäts-Lifestyle«.

5) Mobilitätswandel geht nicht ohne Kulturwandel

Kulturelle Eigenschaften setzen auch hier Rahmenbedingungen: So nimmt der Öffentliche Nahverkehr in Europa eine ganz andere Rolle und Akzeptanz ein, als beispielsweise in den Vereinigten Staaten: Die amerikanische Taxigesellschaft und private Ride-Hailing Unternehmen wie Uber, Lyft und Co. haben einen ganz anderen Stellenwert inne, wie es in Deutschland zu erwarten wäre. Viele Experten sind überzeugt, dass sich auch im Automobilland Deutschland nur ein Teil der Bevölkerung vorerst dazu bringen lässt, auf das private Fahrvergnügen zu verzichten.

5 Thesen zum erfolgreichen Wandel unserer Mobilitätskultur
links: Critical Mass Event zur Visibilisierung des Fahrradverkehrs in der Stadt (Quelle: Süddeutsche Zeitung AFP 2017)
rechts: »Fridays for Future«-Proteste in München (Quelle: Süddeutsche Zeitung, Schellnegger 2019)

 

Wir bringen seit je her eine gewisse Skepsis gegenüber neuen Entwicklungen und Innovationen mit, egal ob es der Umstieg vom Pferd auf den PKW war oder aber ob wir zukünftig in ein selbstfahrendes Auto steigen werden. Das Projekt »Zeitreise: Mobilität 2049« macht genau diese zukünftige Mobilität erlebbar und kann uns helfen, Ängste abzubauen. Hier haben wir die Chance, den Wandel, der letztendlich kommen wird, gemeinsam mitzugestalten. Aktuelle Debatten und Veranstaltungen, wie etwa die »Critical Mass«-Veranstaltungen zur Förderung und Sichtbarmachung des Radverkehrs oder auch die weltweiten »Fridays for Future«-Proteste von Schülerinnen und Schülern zeigen, dass wir den Wandel bereits beginnen. Das Problembewusstsein scheint größer geworden zu sein und die Sensibilisierung gegenüber klimapolitischen Themen rücken weiter in den Vordergrund. Zu diesem öffentlichen Problembewusstsein gesellt sich immer mehr ein Lösungsbewusstsein seitens Industrie, Politik, Start-ups und Zivilgesellschaft. Wir stehen am Anfang einer nachhaltigen Veränderung – und die Voraussetzungen dafür sind günstig!

Im Projekt »2049: Zeitreise Mobilität« entwerfen wir im Rahmen des Deutschlandjahrs USA und in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Rundfunk Zukunftsbilder für die Mobilität in beiden Ländern. Hierzu sammeln wir sowohl Expertenstimmen als auch Nutzermeinungen. Ergebnisse aus der resultierende Studien werden in einer Dokumentation von arte aufgegriffen.

Wenn auch Sie Interesse daran haben, Ihre Vision einer zukünftigen Mobilität mit uns zu teilen, können Sie dies über den folgenden Link tun: https://www.befragung.iao.fraunhofer.de/3/limesurvey/index.php/943642?lang=de

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Elisabeth Nagl

Elisabeth Nagl

Elisabeth Nagl hat das Institut 2019 verlassen.

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1 Kommentar

  1. Vielen Dank für die interessanten Überlegungen, Empfehlungen und Hinweise. Das ist eine sehr gute „Roadmap“ für einen Mobilitätswandel. Gerade beim Thema bzw. Punkt der Digitalisierung bieten sich vielfältige Chancen, um Mobilität zu reduzieren, notwendiger Pendlerwege und -zeiten abzubauen. Wir brauchen hier noch viel mehr den Antrieb Arbeit dahin zu bringen, wo die Menschen leben und/oder ihnen ein problemloses Arbeiten zu ermögölichen, dort wo sie leben. Bei Wissensarbeitern sind das u.a. Home-Office Tage. Hinzu sollten aber auch Angebote kommen, die beispielsweise auch ein Coworking auf dem Land ermöglichen.

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