Die Landwirtschaft als Klimapraktikerin – wie Bauern zum Teil der Lösung werden

In der Debatte über die Landwirtschaft der Zukunft haben sich die Fronten verhärtet. Viele Bauern und Bäuerinnen fühlen sich missverstanden und zu Unrecht für eine Reihe von Umweltproblemen verantwortlich gemacht. Ihnen fehlt Wertschätzung für ihre lebenserhaltende Arbeit. Um von ihr aber auch leben zu können, müssen sie schon jetzt so produktiv sein, dass Tier, Boden, Pflanze und nicht zuletzt der Mensch und die Umwelt enorm belastet werden. Kommen schärfere Vorgaben dazu, etwa bei Düngeverordnung und Insektenschutz, wie im Agrar- und Klimaschutzpaket der Bundesregierung jetzt vorgesehen, gerät das Geschäftsmodell in Schieflage: Erträge sinken, Kosten steigen. Auf der anderen Seite artikulieren Gesellschaft und Politik ein legitimes Bedürfnis nach dem Erhalt einer gesunden Natur und dem dauerhaften Schutz des Klimas. Wie lassen sich in solch einer Situation emotional aufgeladene Antagonismen auflösen oder neu vermitteln? Hier braucht es neue Impulse.

Das Forum »Moderne Landwirtschaft« hat uns die Frage gestellt, wie sich durch technologische oder soziale Innovationen die Landwirtschaft der Zukunft klimaverantwortlich gestaltet werden kann. In einem so komplexen Feld wie der Landwirtschaft ist es wichtig, dass unterschiedliche Stakeholder gemeinsam an Lösungen arbeiten. Wie geht das? Wir schaffen zunächst eine gemeinsame Verständigungsebene, eine Grundlage für den Meinungsaustausch, und entwickeln Formate für einen chancenorientierten Dialog.

Zukunftsthesen als Grundlage für den Dialog über klimaverantwortliche Landwirtschaft

Gesucht werden also neue Lösungen für eine Landwirtschaft, die das Klima schützt, Nahrungsmittel in hoher Qualität herstellt – und denen, die hier arbeiten, in Zukunft ein gutes Einkommen ermöglicht.

In einem vorangeschalteten Recherche-Prozess haben wir Daten und Statistiken ausgewertet, die politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen analysiert und Entwicklungsprognosen erstellt:

  • Wie werden gesellschaftliche Trends Konsum und Handel beeinflussen?
  • Wie entwickeln sich die wirtschaftlichen Bedingungen vor Ort in einer globalisierten Ökonomie?
  • Welche Folgen sind für die Landwirtschaft von Klimawandel, Artensterben und weiteren ökologischen Krisen zu erwarten?
  • Welche Technologien werden für die Praxis relevant?

Auf Basis dieser Fragen und der Analyse von Trends sind Thesen zur Zukunft der Landwirtschaft entstanden. Sie dienen als Grundlage für die folgenden Dialogformate der am Prozess Beteiligten.

Gemeinsam ackern für den klimaschutz-optimierten Bauernhof der Zukunft

Die Kunst, die Zukunft als Möglichkeitsraum neuer Optionen zu erfahren, ist der Schlüssel erfolgreicher Ideation-Prozesse. Bekanntlich gibt es Zukunft, von heute aus betrachtet, nur in der Mehrzahl: Zukünfte. Futures! Wie aber lässt sich die prinzipielle Unvorhersagbarkeit in einen kraftvollen Impuls für Innovation verwandeln? Im Kern geht es darum, aus Zukunftsthesen künftige Konsequenzen abzuleiten und aus unterschiedlichen Perspektiven zu bewerten.

Zwanzig Beteiligte aus den Bereichen Landwirtschaft, Umwelt und Naturschutz, Verbänden, Handel, Politik und Wirtschaft, Start-up und Technologie arbeiten am 22. August 2019 im Berliner »Center for Responsible Research and Innovation« am Fraunhofer IAO gemeinsam zur Landwirtschaft von morgen. Hier kommen ausdrücklich auch gegensätzliche Positionen zusammen, wie bspw. konventionelle und biologische Landwirtschaft oder Akteure aus Handel und Vertreter unterschiedlicher Bauernverbände. In einem ko-kreativen und design-basierten Verfahren entwickeln sie neue Praktiken, Organisationsformen und Geschäftsmodelle, die sie schließlich einander vorstellen. Die vorgeschlagenen Lösungen reichen dabei von technologischen oder ökonomischen zu sozialen oder elementar anbautechnischen Vorschlägen.

Die von den Teilnehmenden erarbeiteten Szenarien für landwirtschaftliche Produktionsbetriebe werden vom CeRRI-Team des geclustert und auf grundlegende Anforderungen an eine Landwirtschaft im Jahr 2030 hin analysiert. In einem textlichen und gestalterischen Transformationsprozess werden sie zu drei idealtypischen Modell-Höfen verdichtet.

Im Ergebnis liegen schließlich drei konkrete Zukunfts-Szenarien vor:

  • Der Kreislauf-Hof, der landwirtschaftliche Nährstoff- und Produktionskreisläufe schließt.
  • Der Teilhabe-Hof, der das Prinzip der solidarischen Landwirtschaft neu interpretiert und Konsumenten mit landwirtschaftlichen Betrieben zusammenbringt.
  • Der Smarte Daten-Hof, der seine Produktionsabläufe durch Sensorik, Automatisierung und Datenauswertung klimaverantwortlich optimiert
© Fraunhofer IAO
© Fraunhofer IAO
© Fraunhofer IAO

Was ist an diesen Bildern nun Zukunft? Und was davon kann Wirklichkeit werden? Als ein technologisches, ein soziales und ein Prozess-orientiertes Zukunftsbild decken sie unterschiedliche Bereiche ab, in denen in den kommenden Jahren entscheidende Entwicklungen zu erwarten sind. Sie schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern treiben die unterschiedlichen Entwicklungspfade, die derzeit zu beobachten sind, weiter. Unterschieden wird innerhalb der einzelnen Lösungen zwischen Praktiken, die Klimagase reduzieren (etwa durch kürzere Transportwege), vermeiden (durch Nutzung neuer Technologien) oder im Boden binden (durch innovative Anbaupraktiken). Zeitlicher Horizont der Zukunftsbilder ist das Jahr 2030.

Die beste Lösung ist eine Kombination unterschiedlicher Komponenten

Wie sich zeigt, gibt es viele vielversprechende Ansätze für klimaverantwortliche Landwirtschaft – und das auf verschiedenen Ebenen:

  • Technologische Ebene: Durch die Entwicklung smarter, digital gestützter Bewirtschaftungssysteme können Ressourcen maximal effizient und sparsam ausgenutzt werden.
  • Ebene konkreter bäuerlichen Anbaupraktiken: Mit der Wiederentdeckung oder Weiterentwicklung bewährter landwirtschaftlicher oder agro-chemischer Praktiken wie Mischkulturen, Agroforst-Systemen, Terra Preta oder Phosphor-Rückgewinnung können wertvolle Nährstoffe recycelt und sogar Klimagase, v.a. CO2 im Boden gebunden werden.
  • Organisationale, wirtschaftliche Ebene: Neue Handelskonzepte wie Regionalisierung, oder verbindliche Richtlinien, von Handel und Erzeuger gemeinsam ausgehandelt werden, sorgen für nachhaltige Erzeugung, kürzere Transportwege und passgenaue Vertriebswege. Neue Kooperationen und sozial innovative Praktiken schaffen eine neue Nähe zwischen Erzeugern und Verbrauchern.

Die vielversprechendsten Möglichkeiten liegen allerdings in der Kombination unterschiedlicher Lösungen. Konkrete Anbaupraktiken müssen mit neuen technologischen Chancen zusammengedacht werden: Mischkulturen lassen sich beispielsweise hervorragend durch smarte Algorithmen-gesteuerte Kleinroboter anlegen, pflegen und ernten. Neue Kooperationen zwischen Ackerbau- und Tierhaltungsbetrieben leisten die Nutzbarmachung von Nährstoffen, die derzeit ungenutzt verlorengehen. Innovative Handelskonzepte können schließlich zu einer neuen Wertschätzung bäuerlicher Arbeit führen. Die multiperspektivische Vorgehensweise hat dabei das Potenzial, die starre Gegenüberstellung von biologischen und konventionellen Anbaumethoden aufzulösen.

Zukunft als gestaltbar erleben – denn Klimaschutz geht alle an

Wesentlicher Garant erfolgreicher Ideation-Prozesse sind Wertschätzung, eine kreative Atmosphäre und stimmige Darstellungsformen, in denen Ergebnisse augenfällig und verstehbar werden. Es sind die Faktoren, die darüber bestimmen, dass unterschiedliche Perspektiven derjenigen, die mit im Raum sind, aufgenommen werden können – letztlich darüber, dass die Zukunft als gestaltbar erlebt wird. Das zeigt sich, wenn die Zukunftsbilder am 17. Oktober beim »Berliner Abend« des »Forums Moderne Landwirtschaft« und auf der »Grünen Woche« der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Über die Einzelergebnisse hinaus ist das geschilderte Vorgehen als ein Modell dafür zu verstehen, wie in Zukunft über Sektoren hinweg gemeinsam und chancenorientiert nach Lösungen gesucht werden kann.

Denn diese Erkenntnis ist ganz gewiss: Der Mehrwert der »Zukunftsbilder klimaverantwortliche Landwirtschaft« liegt darin, über disziplinäre und gesellschaftliche Grenzen hinweg eine Debatte in Gang zu setzen über die Frage: »Welche Landwirtschaft der Zukunft wünschen wir uns?« Es geht um nichts weniger als eine Zukunftsfrage für die Menschen. Nicht nur in Deutschland und Europa. Sondern weltweit. Sie kann nur von uns als ganzer Gesellschaft beantwortet werden.

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Henrik Adler

Henrik Adler

Henrik Adler hat das Institut 2020 verlassen.

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