Ein Reallabor für Ihre Stadt: 5 Tipps zur erfolgreichen Umsetzung

Im vergangenen Jahr konnte man auf dem Zukunftsstadttreffen in Münster im Dezember auf fast jedem Plakat den Begriff »Reallabor« lesen. Anscheinend ist es gerade Mode, in Forschungsprojekten die moderneren Entwicklungseinrichtungen zu nutzen. Doch was sind Reallabore eigentlich? In Reallaboren gestalten Praktiker*innen aus Kommunen, Sozial- und Umweltverbänden und/oder Unternehmen gemeinsam und begleitet durch Partner aus der Wissenschaft einen transformativen Prozess, um ein konkretes Problem zu lösen. So möchte das Reallabor Mannheim im Forschungsprojekt SMARTilience zum Beispiel einen Hitzeaktionsplan entwickeln, um den Folgen des Klimawandels entgegenzuwirken. Die kommunalen Vertreter*innen, Wissenschaftler*innen und Bürger*innen möchten ihre Erfahrungen mit den Klimafolgen austauschen und gemeinsam den Wandel hin zu einer lebenswerten und resilienten Stadt gestalten. Folglich bilden die Reallabore einen unterstützenden Lernort für jeden individuellen Teilnehmenden.

Reallabore unterstützen Transformationsprozesse und die Generierung von Wissen

In Reallaboren werden transdisziplinäre Projekte (insbesondere Realexperimente) umgesetzt, um mehr über soziale Prozesse und Dynamiken zu lernen. Diese Projekte werden im Sinne einer experimentellen und reflexiven Arbeitsweise kontinuierlich reflektiert und ihr Projektverlauf wird dementsprechend angepasst. Ein Beispiel hierfür ist die temporäre Einrichtung von Parklets im Stuttgarter Westen im Rahmen des Reallabors für Nachhaltige Mobilitätskultur.

Der Forschungsprozess in einem Reallabor lässt sich in vier Phasen gliedern. In der Findungsphase definieren die Akteure gemeinsam die Ziele des Reallabors und planen dieses grob. Im Reallabor Mannheim wurde beispielsweise gemeinsam das Problem »Hitze« identifiziert und dann die Entwicklung eines Hitzeaktionsplans und die Bedarfsermittlung der Bewohner*innen von zwei Quartieren in Mannheim als Ziele definiert. In der Durchführungsplanung werden die Ideen zu den Realexperimenten entwickelt, die dann in der Durchführung ausprobiert werden. Die Auswertungsphase evaluiert die Realexperimente und das gesamte Reallabor.

5 Tipps bei der Konzeption und Durchführung

Aus dem Anfang 2020 gestarteten Projekt rund um die beiden SMARTilience Reallabore Halle und Mannheim können wir folgende Learnings weitergeben:

  1. 1. Verständnis schaffen: Schaffung eines gemeinsamen Verständnisses für Reallabor sowie Realexperiment und Ziele, da es eine breite wissenschaftliche Diskussion darüber gibt. Hierfür kann eine Learning Session helfen, die in das Thema einführt. Im Projekt SMARTilience haben wir gemerkt, dass wir als Wissenschaftler*innen andere Auffassungen haben als die beteiligten städtischen Mitarbeitenden. Deshalb haben wir die oben genannten Begriffe anhand von anderen Beispielen erläutert und uns dann auf klare Ziele verständigt, die natürlich aber auch im Laufe des Reallabors gemeinsam angepasst werden können.
  2. 2. Zeitplan verdoppeln: Unbedingt das Doppelte an erwarteter zeitlicher Kapazität für die Konzeption, Durchführung sowie Begleitforschung einkalkulieren. Dies gilt sowohl für Wissenschaftspartner*innen als auch für Kommunen, da die Abstimmungsprozesse deutlich komplexer sind als in anderen Projekten. Bereits die Erläuterung der Relevanz und des Vorgehens der Begleitforschung sowie die gemeinsame Entwicklung passgenauer Methoden hat beispielsweise für die Veranstaltung Ideenspaziergang im Reallabor Halle drei Videokonferenzen erfordert. Doch nur durch ein gemeinsames Verständnis und kontinuierliches Reflektieren können dann auch die Daten gewonnen werden, die wir für unsere Forschung benötigen.
  3. 3. Den Überblick behalten: Überblick über die städtische Verwaltung sowie Akteurskonstellationen verschaffen, da diese einen enormen Einfluss auf das Reallabor ausüben. Dies funktioniert beispielsweise durch eine Akteursanalyse. Schon die frühzeitige Einbindung von unterschiedlichen betroffenen Stadtverwaltungsmitarbeitenden ist für den Erfolg eines Reallabors essenziell. In Mannheim wurden für die Projektbegleitungsgruppe beispielsweise neben der verantwortlichen Abteilung Klimaschutz die Abteilungen Gesundheit, Geoinformation, Stadtplanung, Kindertagesstätten, Soziales und Katastrophenschutz zur Mitwirkung gewonnen.
  4. 4. Frühzeitige Einbindung der Stadtgesellschaft: Das führt zu einer höheren Akzeptanz sowie kreativeren Ideen. Jedoch muss von Anfang an deutlich kommuniziert werden, wobei Bürger*innen mitsprechen dürfen und was mit den Diskussionsergebnissen im nächsten Schritt im Reallabor passiert. In Halle finden hierfür unterschiedliche Ideenspaziergänge und -werkstätten statt, damit Impulse für die Realexperimente entwickelt werden können. Da Geoinformation ein schwer greifbares Thema ist, soll gemeinsam mit den Bürger*innen überlegt werden, inwiefern zum Beispiel eine Thermalkarte ihnen helfen würde, im Sommer einen anderen Weg zur Arbeit zu gehen.
  5. 5. Ständige Reflexion und Anpassung der Reallaborziele: Die Planung und Form der Durchführung können sowohl von den initiierenden Akteuren als auch von weiteren Rahmenbedingungen wie etwa kurzfristig erforderlichen Einschränkungen in Folge von COVID-19 abhängen. Durch solche Rahmenbedingungen kann es jedoch aber auch zu interessanten Hybridformen zwischen analogen und digitalen Formaten kommen. Die Stadt Mannheim bietet zum einen ein Onlinebeteiligungsportal zur Ideenfindung gegen Hitze an und wird zum anderen auch in den beiden ausgewählten Quartieren vor Ort präsent sein und Befragungen durchführen. Dies kann auch dazu führen, dass unterschiedliche Gruppen angesprochen und beteiligt werden.

Wenn man also diese fünf Punkte bei der Konzeptionierung eines Reallabors berücksichtigt, können spannende Experimente entstehen und zufriedenstellende Ergebnisse erreicht werden. So lohnt es sich, als Kommune, die Fördergelder im Blick zu behalten und zu konkreten Problemen wie den Klimafolgen ein Reallabor durchzuführen. Wir Wissenschaftler können bei der Konzeption der Reallabore unterstützen, die Formate gemeinsam mit den städtischen Partnern durchführen und die Realexperimente evaluieren. Einfach mal ausprobieren!

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Natalie Pfau-Weller

Natalie Pfau-Weller

Promovierte Politologin und Projektleiterin am Fraunhofer IAO. Sie kümmert sich um die Morgenstadt-Initiative und begeistert sich für die Themen Stadt und Governance. In ihrer Freizeit engagiert sie sich im Gemeinderat ihrer Heimatstadt und besucht gerne das Theater, das Ballett und Museen.

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