»Ich weiß nicht, wie das Laden von E-Fahrzeugen funktioniert. Das ist alles viel zu technisch« oder »Mit einem E-Fahrzeug kann man nicht in den Urlaub fahren. Die Reichweite ist viel zu gering« – sind Ihnen diese Gedanken auch schon mal im Kopf herumgeschwirrt? Damit sind Sie nicht allein.

Das E-Fahrzeug ist längst noch kein Massenprodukt, aber ein starker Hoffnungsträger innerhalb der Mobilitätswende. Doch was hindert die Menschen daran, vom Verbrenner auf ein elektrisch betriebenes Fahrzeug umzusteigen? Laut einer Erhebung der FOM (Hochschule für Ökonomie und Management) liegen die Ablehnungsgründe vor allem in der mangelnden Reichweite und Hürden beim Ladevorgang an sich (siehe Leselinks).
Wie muss also solch ein Ladeprozess gestaltet sein, um vor allem unerfahrene Personen abzuholen und wo liegen die größten Herausforderungen? Genau dieser Frage sind wir in unserem Reallaborversuch in dem vom BMDV geförderten Forschungsprojekt »Wirkkette Laden« auf den Grund gegangen (siehe Leselinks). In den beiden deutschen Metropolen München und Hamburg haben wir insgesamt rund 30 Nichtnutzende bei ihrem ersten Ladevorgang eines Elektrofahrzeugs begleitet und uns die Do‘s and Don’ts zusammengestellt.

Einblicke in die Blackbox »erster Ladevorgang«

In München konnten wir für den Versuch die Testsite unseres Projektpartners IONITY nutzen. In Hamburg hingegen mischten wir uns mit den Probandinnen und Probanden in den Straßenverkehr und testeten drei verschiedene Ladesäulenmodelle im Realbetrieb. Neben der Ladeinfrastruktur wurden sowohl in München als auch in Hamburg drei unterschiedliche Authentifizierungsmethoden getestet: Die RFID-Karte, die Bezahlung über eine Anbieter-App und die Direktbezahlung über eine Web-App bzw. via SMS. Um sämtliche Reaktionen der Nichtnutzenden einzufangen, haben wir GoPros installiert, die aus der Weitwinkelperspektive das Handling des Steckers, das Einstecken sowie die generelle Körpersprache dokumentierten. Zusätzlich wurden die Probandinnen und Probanden mit einer Eye-Tracking-Brille ausgestattet, um den Blickfokus sowie die Verweildauer festzuhalten. Neben der technischen Dokumentation des Versuchs wurden die Nichtnutzenden parallel von unserem Forschungsteam befragt und an relevanten Beobachtungspunkten zusätzlich begleitet.

Abbildung 1: Mira Kern gemeinsam mit ihren Kollegen Felix Röckle (li.) und Niklas Kluge (re.) bei ihrem Reallaborversuch in Unterschleißheim, München. (Quelle: Fraunhofer IAO)
Abbildung 2: Ladesäulen in Hamburg. (Quelle: Fraunhofer IAO)
Abbildung 3: Ladesäulen in Unterschleißheim, München. (Quelle: Fraunhofer IAO)
Abbildung 4: Ladesäule in Hamburg. (Quelle: Fraunhofer IAO)

Wie die Erstladeversuche der Nichtnutzenden gezeigt haben, sind nicht alle Abläufe intuitiv und leicht verständlich. Die prägnantesten Do‘s and Don’ts finden Sie im Folgenden:

DO‘s

Klare Führung durch die einzelnen Schritte
Stecke ich erst den Stecker ein oder bezahle ich erst den Ladevorgang an der Säule? Was ist zu tun, wenn eine Fehlermeldung erscheint? Wann kann ich den Stecker wieder aus dem Fahrzeug entfernen? Mit diesen Fragen standen viele Nichtnutzenden bei ihren ersten Ladevorgängen vor der Ladesäule. Deshalb sollte jeder Prozessschritt verständlich erläutert werden. Dazu gehören auch Informationen, wann ein Prozessschritt erfolgreich beendet wurde oder was zu tun ist, wenn eine Fehlermeldung auftaucht. Je mehr Feedback und Bestätigung, desto besser!

Audiovisuelles Feedback gibt Sicherheit
Sobald die Ladesäule audiovisuelles Feedback von sich gab, waren sich die Nichtnutzenden sicher: Jetzt passiert etwas, jetzt wird das Fahrzeug geladen. Doch auch anderes audiovisuelles Feedback, wie beispielsweise Tastentöne, wurde stets positiv bewertet. Nachdem sich die Nichtnutzenden sicher waren, dass der Ladevorgang gestartet ist, konnten sie sich erleichtert mit den dargestellten Informationen vom Ladeprozess beschäftigen. Dabei fiel auf, dass technische Details wie die aktuell fließende Stromstärke weniger wichtig waren, viel eher interessierten sich die Nichtnutzenden für Details wie den aktuellen »Live«-Preis für den Ladevorgang sowie die voraussichtliche Dauer, bis der gewünschte Ladestand erreicht ist.

DON’Ts

Trial-and-Error bei der Steckerwahl
Zwar konnten die meisten Probandinnen und Probanden einen CCS- von einem Typ2-Stecker ohne Probleme voneinander unterscheiden, doch die deutliche Beschriftung des Steckers fehlte den meisten. Es muss konsequent darauf geachtet werden, dass die Stecker in allen Systemen einheitlich nummeriert und beschriftet sind. Das gilt vor allem auch für sämtliche Anbieter von Lade-Apps! Hier kam es beispielsweise vor, dass in der App und an der Säule unterschiedliche Beschriftungsweisen verwendet wurden – das lässt auch erfahrene Elektromobilistinnen und Elektromobilisten stirnrunzelnd zurück. Besonders hilfreich haben die Nichtnutzenden hingegen visuelle Unterstützungsreize wie beispielsweise farbliche Hervorhebung oder Blinken des richtigen Steckers empfunden. Aber Vorsicht: Sobald mehrere Farben ins Spiel kommen, empfiehlt sich ein kurzer Hinweis, wie die Farben zu interpretieren sind – zum Beispiel: »Bitte nehmen Sie den grün-blinkenden Stecker«.

Eingeschränkte Auswahl bei der Authentifizierungsmethode
Als klarer Gewinner der Authentifizierungsmethoden aus dem Reallaborversuch geht die RFID-Karte hervor. Dabei spielten vor allem die Ähnlichkeit zur kontaktlosen Bezahlung mit einer herkömmlichen Bankkarte als auch die Unabhängigkeit von einer bestehenden Internetverbindung entscheidende Bewertungsfaktoren. Hersteller von Ladesäulen müssen jedoch darauf achten, dass das Kontaktfeld gut sichtbar positioniert ist und beispielsweise durch Lichtsignale unterstützt wird. Die Authentifizierung über die Lade-App wurde vor allem von den jüngeren und technisch affinen Teilnehmenden präferiert. Ein entscheidender Faktor bildete hier das gleiche Vorgehen in der App trotz wechselnder Ladeinfrastruktur. Das wurde von den Probandinnen und Probanden als klarer Vorteil gesehen, da die Abläufe immer gleichbleiben und entsprechend keine Anpassung an die neuen Begebenheiten stattfinden muss. Um die individuellen Präferenzen verschiedener Zielgruppen abzudecken, sollten entsprechend mehrere Authentifizierungsmethoden angeboten werden.

Fazit: »Das war jetzt einfacher als gedacht!«

Trotz des Trial-and-Error-Charakters der ersten Ladevorgänge bewerteten die Probandinnen und Probanden den Vorgang durchweg als viel leichter, als sie es sich anfangs vorgestellt hatten. Nach dem ersten Ladevorgang konnte zudem ein klarer Lerneffekt erkannt werden. Davon waren die Probandinnen und Probanden oft auch selbst überrascht. Die bestehenden Vorurteile gegenüber den technischen Anforderungen konnten weitestgehend ausgeräumt werden und manche Teilnehmenden können sich jetzt sogar eher vorstellen, sich als nächstes Auto ein Elektrofahrzeug zuzulegen.

Als positive Bilanz kann also festgehalten werden: Ausprobieren und sich mit der Technik vertraut machen steigert die Akzeptanz und Nutzungsabsicht deutlich. Doch es muss noch einiges verbessert werden, um die Wirkkette Laden wirklich fehlerfrei und intuitiv zu gestalten. Der Reallaborversuch hat die Relevanz des Projekts daher mehr als bestätigt.

Eindrücke und Key Insights sind in unserem Projekt-Clip festgehalten (siehe Leselinks) – schauen Sie gerne rein und machen Sie sich ein Bild von unserem Forschungsprojekt! In weiteren Blogeiträgen werden meine Kollegen ihre Erkenntnisse aus dem Projekt weitergeben.

Leselinks:

Mira Kern

Mira Kern ist Teil des Forschungsbereichs Mobilitäts- und Innovationssysteme und innerhalb des Teams Mobility Ecosystems tätig. Ihre Passion gilt Daten- und Nutzungsanalysen im Kontext urbaner Mobilität und individuellem Entscheidungsverhalten. Ihr Lebensmotto in Beruf und Alltag lautet: Team work makes the dream work!

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Kategorien: Future Mobility, Mensch-Technik-Interaktion, Nachhaltigkeit
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