Entgrenzte Wissenschaftskommunikation im Jahresbericht: Vom »Peer« zum »wir«

Wissen entsteht heute nicht mehr in den Silos der Labore und Forschungszentren, sondern im Dialog mit Unternehmen und Anwender*innen von Business-Ökosystemen. Diese Entgrenzung und kooperative Inspiration der Wissenschaft mit Partner*innen, Auftraggebern und Bürger*innen sollte auch zum Paradigma des neuen Jahresberichts 2020/21 des Fraunhofer IAO werden, was meine Kolleg*innen und mich vor Herausforderungen gestellt hat. Der Jahresbericht fungiert als eine Art interaktive Leistungsschau unseres Instituts und soll einen Überblick über unsere Themen und Projekte geben. Unsere Lösung war es, die Grenze zwischen Innen und Außen auch im Jahresbericht zu verschieben, weil unsere Wissenschaftskommunikation widerspiegeln soll, wie unsere Forscher*innen heute arbeiten: raus aus dem Elfenbeinturm, der Welt der »Peers«, und rein in die Netzwerke und die Welt des »wir«, also näher an die Menschen, Endanwender*innen und Partner*innen. Das haben wir über verschiedene Wege versucht, die ich im Folgenden vorstellen möchte.

Mitarbeitenden-Power nutzen und rein in die Welt der Netzwerke

Die besten Geschichten erzählen die Menschen selbst. Deshalb haben wir in der neuen Ausgabe auch viele zu Wort kommen lassen. Zwei unserer Wissenschaftlerinnen, Claudia Ricci und Valerie Wienken, sprechen in einem Interview gemeinsam mit Ole Wintermann von der Bertelsmann Stiftung über die Methoden und Ziele ihrer Studie »Erfolgskriterien betrieblicher Digitalisierung«. In den so genannten Homestorys erzählen drei Männer und drei Frauen aus dem Institut von ihren Erfahrungen und Herausforderungen in ihrem ganz persönlichen »New Normal«: Carolina Sachs beschreibt, wie sie ihr neues Familienleben zwischen Kinderdisco und Akquisegespräch managen muss (siehe Abbildung 1), während Damian Kutzias Performance-Optimierung beim Einkaufen betreibt. Das Einbinden der Mitarbeiter*innen hat nicht nur den Vorteil, dass wir die Leserschaft auch auf einer emotionalen Ebene ansprechen, sondern die Netzwerke der Kolleg*innen nutzen können, die ihre Beiträge zumeist auf ihren eigenen Social-Media-Kanälen teilen. Somit kommunizieren wir als Institut nicht nur von A nach B, sondern über die weit verzweigten Netzwerke jedes oder jeder Einzelnen. Mithilfe der Netzwerkeffekte gelangen wir näher an die jeweiligen Fachkontakte der Wissenschaftler*innen – und damit näher an unsere vielen verschiedenen und sehr spezifischen Zielgruppen. Außerdem treten wir auf diese Weise als vernetzte Community auf, lösen die Grenzen zu den verschiedenen Zielgruppen auf und arbeiten als Organisation fast arbeitsteilig mit unseren Forschungsteams.

Abbildung 1: Homestory von Carolina Sachs im Jahresbericht. (Quelle: Fraunhofer IAO)
Abbildung 1: Homestory von Carolina Sachs im Jahresbericht. (Quelle: Fraunhofer IAO)

 

Die Wirklichkeit ist das größte Forschungslabor

Was hilft alles Berichten darüber, wie eine Lösung theoretisch funktioniert oder welche Auswirkung diese theoretisch hervorbringen könnte, wenn man doch eigentlich wissen möchte, ob sie so auch in der Praxis angewendet werden kann. Dafür hilft es, die Sicht er Kund*innen und Anwender*innen einzubringen, denen unsere Wissenschaft im täglichen Leben und Arbeiten hilft. So haben wir es bei den Projektberichten gemacht und Kundenstimmen in die Texte eingebunden. Wenn ein Mitarbeiter der BGV Badische Versicherungen sagt »Gerade die tiefen Einblicke, die wir im Netzwerk mittels Process Mining in unsere täglichen Arbeitsabläufe genommen haben, waren für mich sehr wertvoll«, kommt viel authentischer rüber, was die Arbeit unserer Wissenschafler*innen tatsächlich bewirkt. Die Wirklichkeit ist für ein Institut der angewandten Forschung das größte und wichtigste Labor. Und erfolgreiche Wissenschaft muss sich genau dort bewegen: in der Welt der Anwender*innen. Das gilt auch für die Wissenschaftskommunikation. Deshalb haben wir ihre Sicht in den Jahresbericht mit aufgenommen, um die Grenze zwischen dem »uns« und dem »da draußen« zu durchbrechen.

Hybrides Konzept: Wie sich Print und online optimal ergänzen können

Wir haben beim Jahresbericht 2020/21 erstmals auf ein hybrides Konzept gesetzt, das der Strategie »Web first« folgt. Alle Inhalte sind web-optimiert und in ausführlicher Form auf unserer Homepage zu finden. Unsere klassische Print-Ausgabe fungiert hierbei als »Appetizer«, der neugierig auf mehr machen soll und daher die Inhalte nur knapp darstellt. Dies hat den Vorteil, dass die Web-Inhalte mit anderen bestehenden Webseiten wie Leistungsangeboten, Projektseiten etc. verlinkt oder auch mit Social Media verknüpft und cross-medial aufbereitet werden können.

Die Printausgabe ist im Magazinstil aufbereitet, enthält Infografiken zum Aufklappen oder auch Postkarten zum Heraustrennen und Versenden. Auf jeder Seite findet sich ein QR-Code, über den man zur entsprechenden Webseite mit mehr Infos kommt, und mit dem wir die Verbindung zwischen beiden Formaten schaffen (siehe Abbildung 2). So können wir die Vorteile beider Formate optimal ausnutzen.

Abbildung 2: Hybrides Konzept des Jahresbericht 2020/21. (Quelle: Fraunhofer IAO)
Abbildung 2: Hybrides Konzept des Jahresbericht 2020/21. (Quelle: Fraunhofer IAO)

 

Experimentieren lohnt sich – auch in der Wissenschaftskommunikation

Eine Infografik sagt manchmal mehr als tausend Seiten. Wir haben deshalb unsere Zahlen, Daten und Fakten aus dem Jahr 2020 mit einem besonderen Design in Szene gesetzt. Diese kommt meiner Meinung nach super zur Geltung, wenn man die Printausgabe in der Hand hält. Leider haben wir dann aber bei der Erstellung der Website bemerkt, dass die breitformatig angelegte Infografik im Web nicht so gut funktioniert. Für das nächste Mal weiß ich: Die Inhalte von vorneherein für beide Formate mitdenken! Insgesamt hat sich das Experimentieren wirklich gelohnt, wie unsere Klickzahlen auf Social Media und die Zugriffszahlen auf die Jahresbericht-Website beweisen.

Es schadet nie, über Grenzen zu gehen, Silos aufzubrechen und Neues zu wagen. Im vergangenen Jahr ging es viel um das Verschieben von Grenzen – egal ob es um physische Distanz ging (von 0,5 Meter Höflichkeitsabstand zu 1,5 Meter Mindestabstand) oder um das Thema Homeoffice und verschwimmende Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit. Wenn nicht jetzt, wann dann über den Tellerrand schauen und Neues wagen? Alle Zukunftsvisionen und -strategien, die die Forscher*innen unserer Institute entwickeln, betreffen den Mensch, also auch uns selbst. Unsere Aufgabe in der Wissenschaftskommunikation ist es daher, die Wissenschaft der »Peers« näher an die Menschen zu bringen – also näher zum »Wir« – denn Menschen sind wir natürlich selbst auch. So kann eine entgrenzte Wissenschaftskommunikation gelingen.

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