Industrie 4.0: Wie Personalabteilung und Betriebsrat zu Transformationsbeschleunigern werden können

Personalabteilungen (PA) und Betriebsräte (BR) gelten den Einen als Hüter und Bewahrer guter Arbeitsbedingungen und menschlicher Belange im Betrieb, den anderen als Bremser und Verhinderer bei notwendigen Veränderungen im Zuge der digitalen Transformation. Doch wie könnten sowohl PA als auch der BR als betriebliche Interessenvertretung zu Förderern und Beschleunigern des »digitalen Wandels mit menschlichem Antlitz« werden?

Vorprogrammierte Strukturkonflikte – und wie sie vermieden werden können

Viele Unternehmen setzen im Rahmen der Implementierung von Industrie 4.0 vor allem auf Technologie. Die Manager und Entscheider dieses technologischen Wandels sind meist Experten und Führungskräfte mit Technologiekompetenz. Der einseitige Schwerpunkt auf der Technologie kann jedoch das innere Gefüge eines Unternehmens aus der Balance bringen, weil die personelle und organisatorische Komponente vernachlässigt wird. Konflikte sind in solchen Betrieben vorprogrammiert, obwohl sie vermeidbar wären. BR und PA fungieren dann wie »innere Seismographen« einer Organisation. Bei ihnen laufen die personellen und organisatorischen Alarmsignale zusammen. Es ist deshalb verständlich, dass v.a. die BR die Rolle des Korrektivs einnehmen müssen, weil sie häufig erst einbezogen werden, wenn bereits Konflikte entstanden sind. Sie arbeiten dann lediglich als defensiver Wahrer der Schutzrechte der Arbeitnehmer und können keine gestaltende Rolle einnehmen. In der Folge werden v.a. die BR notwendiger Weise eher als Erschwerer von Veränderungen erfahren. Ihnen bleibt nur diese Rolle übrig. Befürchtungen des BR hinsichtlich schlechterer Arbeitsbedingungen, Ängste der Beschäftigten vor möglichen negativen Folgen für ihre Arbeitsbedingungen können zur Motivationsbremse werden und fehlende Personalentwicklungskonzepte zu Engpässen führen. Doch derart zentrale und wichtige Funktionen, wie Personal und Betriebsrat, könnten eine völlig andere Rolle spielen, wenn sie nicht das letztes Glied der Informationskette zu Veränderungen wären, wenn eine entsprechende Industrie 4.0-Qualifizierung vorläge und sie auch frühzeitig einbezogen und in Entscheidungen integriert würden.

Rollenwechsel: Vom Blockierer zum Mitgestalter

Eine Ursache für die scheinbare Bremswirkung von Betriebsräten ist die Schwierigkeit, umfassend die Folgen von technologischen Innovationen und Industrie 4.0-Anwendungen für die Beschäftigten abschätzen zu können. Personalbereiche haben häufig nicht das technologische Wissen und die Rolle im Betrieb inne, selbst Alternativen ggf. gemeinsam mit Technologieexperten zu entwickeln oder positive Szenarien voraus denken zu können. Bei den Projekten steht oft die technische Umsetzung im Vordergrund. Settings zur systematischen und kontinuierlichen Einbindung von PA und BR sind nicht vorhanden. Damit fehlen diesen Akteuren Grundvoraussetzungen für die Teilhabe an konkreten Transformationsschritten und I 4.0-Use Cases. So fällt es ihnen schwer, die Auswirkungen für Beschäftigte, Arbeitsbedingungen und Qualifikationsanforderungen abzuschätzen und Beschäftigte bei diesen Veränderungen zu unterstützen.

Sowohl für BR wie für PA ist deshalb ein vertieftes und frühzeitiges Verständnis von Industrie 4.0, Automatisierungs- und Digitalisierungsprojekten notwendig. Nur wer selbst beurteilen kann, welche Herausforderungen und Möglichkeiten neue Technologien mit sich bringen, ist in der Lage, selbst aktiv positive Perspektiven für die Belegschaft zu entwickeln und die »menschliche Seite« der Transformation zu gestalten.

Die Einbindung von PA und BR auf der Basis einer umfassenden Rollenreflektion und Qualifizierung verbessert die Akzeptanz betrieblicher Industrie 4.0-Projekte, öffnet die Augen ggf. für zukünftig bessere Arbeitsbedingungen durch I 4.0 und erhöht das Commitment der Beschäftigten.

Anleitung zur Transformationsgestaltung:

Die Integration von BR und PA ist nicht nur mit Blick auf die Arbeitnehmer geboten, sondern schlicht eine betriebliche Notwendigkeit. Unternehmen die nur forsch in Technologie investieren, werden früher oder später von der sozialen und organisatorischen Realität eingeholt werden. Die Geschwindigkeit und Vernetzung der Maschinen überfordert Mensch und Organisation, weil ihnen keine Chance gelassen wird, mit zu wachsen und sich an neue Herausforderungen anzupassen.

Am Fraunhofer IAO arbeitet ein Team bestehend aus Dr. Ulrich G. Schnabel und Jessica Klapper sowie Vertretern des IMU-Instituts an einem Workshop- und Coachingkonzept, mit denen die Kompetenzen von Personalabteilung und Betriebsräten unter Einbezug der Industrie 4.0 Experten im digitalen Wandel auf der Grundlage der aktuellen betrieblichen Digitalisierungsstrategie vertieft werden sollen.

Dadurch sollen die »Sprachfähigkeit« und Partizipation von PA und BR erhöht und entsprechende Transformationsprozesse beschleunigt werden. Insbesondere werden folgende Zielsetzungen verfolgt:

  • Wir bringen Sie auf den neusten Stand zu Industrie 4.0 und vermitteln einen handlungsleitenden Einstieg.
  • Sie lernen typische Industrie 4.0-Themenfelder sowie ausgewählte dazu passende 4.0-Use-Cases kennen.
  • Sie erlernen unsere Methode zur Bewertung und Verbesserung von neuen 4.0-Anwendungsfällen für Ihre Produktion.
  • Auf der Grundlage der betrieblichen Industrie 4.0-Strategie helfen wir bei der Selbstverortung des Umsetzungsstands und ermöglichen so, die Veränderungsschritte der nächsten 5 bis 10 Jahre abzuschätzen.
  • Wir moderieren methodengestützte Fachgespräche und Diskussionen mit Vertretern von BR/PA über die Wirkungen auf Arbeitsbedingungen, Beschäftigung, Personalentwicklung und Qualifi-kation.
  • Wir helfen bei der Entwicklung von Gestaltungsideen zur Integration von guten Arbeitsbedingungen sowie Organisations- oder Personalentwicklungskonzepten für Ihr Unternehmen.
  • Sie können im Anschluss in Ihrem Betrieb weitere 4.0-Potenziale ermitteln und 4.0-Anwendungsfälle gestalten.

Zur Projektabwicklung werden vier bis fünf Experteninterviews und Gruppendiskussionen sowie voraussichtlich drei bis vier Workshops mit einem Projektteam aus Personalabteilung und Betriebsrat sowie betrieblichen Industrie 4.0 Experten durchgeführt.

Das Fraunhofer IAO sucht Pionierbetriebe

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Im Rahmen der vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg geförderten sechs Pilotprojekte, sollen die wissenschaftlich fundierten Konzepte mit einem praxiserfahrenen Industrie 4.0 Moderator sowie Coach und Mediator durchgeführt werden.

1 Kommentar

  1. Das Vorhaben verfolgt den richtigen Ansatz. Betriebsräte und Personalverantwortliche müssen über die notwendigen Kompetenzen verfügen, die Folgen technologischer Innovationen auf die Personalpolitik abschätzen zu können. Hierzu kann das Workshop- und Coachingkonzept einen wichtigen Beitrag leisten. Doch wichtiger als die Wissensvermittlung des aktuellen Stands zu Industrie 4.0 oder das Kennenlernen wichtiger I4.0-Themenfelder erscheinen mir die angesprochenen Kompetenzen der Selbstverortung. Hierzu zählt für mich auch, alle beteiligten Akteure an den Tisch zu holen. Denn die I4.0-Experten sind häufig bereits im Unternehmen und müssen nicht als externe Experten eingeladen werden. Entwickler und Produktionsverantwortliche können ziemlich genau und für das eigene Unternehmen passend beschreiben, welche Tätigkeiten und Kompetenzen in Zukunft notwendig sein werden. Aus dem gemeinsamen Dialog kann dann eine passende Fachkräftestrategie für das Unternehmen entstehen.

    Das Thema Qualifikation wird in der Projektbeschreibung nur am Rande erwähnt und ist vermutlich kein Schwerpunkt des Vorhabens. Diesbezüglich fördert das Wirtschaftsministerium B.-W. aber das Projekt „Prospektive Weiterbildung für Industrie 4.0“ bei der AgenturQ. Im Rahmen des Projekts werden sieben Weiterbildungsmodule für die innerbetriebliche Weiterbildung erstellt, mit deren Hilfe Beschäftigte vorausschauend für die zukünftigen Herausforderungen qualifiziert werden können. Die sieben Weiterbildungsmodule werden im Rahmen unserer Fachtagung am 18. Juli 2019 (https://www.agenturq.de/service/fachtagung_am_18_juli_2019/) vorgestellt. Im Sinne der Projekteffizienz macht es aus meiner Sicht Sinn, diese Weiterbildungsmodule auch im oben beschriebenen Vorhaben zukünftig mit zu berücksichtigen.

    Eine letzter Kommentar: In der Diskussion um die Auswirkung von Industrie 4.0 auf die innerbetriebliche Personalpolitik sind Betriebsräte nicht zwangsläufig das Korrektiv. Sie stoßen auch Prozesse an und sind somit aktive (statt passive) Wahrer der Schutzrechte der Beschäftigten

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