Innenstadtlogistik der Zukunft: Wie bekomme ich mein Paket im Jahr 2035?

Das neuste Bestsellerbuch, teure Designermöbel oder die Pizza vom Lieblingsitaliener – all das wird heute wie selbstverständlich per App über das Internet bestellt. Ob jung oder alt, der gemütliche Einkauf vom Sofa aus ist kaum mehr wegzudenken. Seit Jahren steigt deshalb die Anzahl der Paketsendungen immer weiter an. Das ist zwar sehr bequem, doch die negativen Auswirkungen des zunehmenden Lieferverkehrs sehen wir täglich auf den Straßen unserer Städte: Stau, Lärm und Luftverschmutzung.
In Zukunft müssen unsere Pakete möglichst nachhaltig zugestellt werden, egal ob per Lastenrad oder per Flugdrohne. Wie das bis 2035 erreicht werden kann und welche Maßnahmen wir heute schon ergreifen müssen, um dieses Ziel zu erreichen, erforschen wir zusammen mit dem Institut für Enterprise Systems der Universität Mannheim im Projekt »Digital_Logistics@LHS« (siehe Leselinks).

Vom Bauschaum bis zum Zahnstocher – alles kann gebündelt werden

Wer morgens aufmerksam durch die Straßen geht und einmal genau darauf achtet, welche unterschiedlichen Verkehre unterwegs sind, wird erstaunt sein. Handwerker sind auf dem Weg zur Baustelle, Kolonnen von Paket-Fahrzeugen bahnen sich ihren Weg in das Stadtzentrum und dazwischen fährt ein Fahrzeug, das Mittagessen ins Seniorenheim liefert.

All diese Verkehre fallen unter den Begriff der »Wirtschaftsverkehre« – und genau hier sehen wir große Verbesserungspotenziale durch die gemeinsame Auslieferung unterschiedlicher Warenarten. In den Medien hört man häufig den Begriff des »White-Labelings« – das bedeutet, dass ein dritter Logistiker Sendungen unterschiedlicher Paketlieferanten zusammen zustellt. Dies hat den Vorteil, dass nur noch ein Paketbote anstatt mehrerer klingeln muss. Der organisatorische Aufwand eines solchen Systems ist allerdings sehr hoch, da zunächst alle Pakete von unterschiedlichen Logistikern an einen Ort gebracht und neu sortiert werden müssen. Ob dieser Mehraufwand durch die entstehenden Vorteile aufgewogen wird, ist fraglich, da die meisten Zustellfahrzeuge ohnehin voll ausgelastet und bis zur Decke mit Paketen voll unterwegs sind. Stattdessen muss der Wirtschaftsverkehr gesamtheitlich betrachtet werden. So könnte beispielsweise ein klimaneutrales Lastenfahrrad, welches Pakete zustellt, auch eine Baustelle mit Baustoffen wie beispielsweise Schrauben oder Badezimmerfliesen beliefern. Auf diese Weise würden Fahrzeuge besser ausgelastet und insgesamt der Verkehr reduziert werden. Genau hier setzt das Projekt »Digital_Logistics@LHS« (siehe Abbildung1) an. Ziel ist die Entwicklung einer intelligenten digitalen Frachtbörse, um Lieferketten entsprechend der Bedürfnisse der Bürger und der Logistikunternehmen neu und klimafreundlich zu organisieren.

Abbildung 1: Zielbild Datenplattform. (© Ellery Studio)
Abbildung 1: Zielbild Datenplattform. (© Ellery Studio)


Pakete auch in Zukunft bis zur Haustür? Übergabepunkte stellen eine Lösung dar

Doch auch auf Empfängerseite könnten Sendungen an so genannten »Übergabepunkten«, wo Lieferverkehre auf private Verkehre treffen, gebündelt werden (siehe Abbildung 2). Ein bereits erfolgreiches Beispiel hierfür sind Paketstationen auf Supermarktparkplätzen. Die wöchentliche Fahrt zum Supermarkt, die sowieso stattgefunden hätte, kann hier mit der Paketabholung kombiniert werden, wodurch die Fahrt des Paketboten zum Empfänger eingespart wird. Weitere Übergabepunkte beispielsweise am Arbeitsplatz oder im Fitnessstudio, bis hin zu mobilen Paketstationen sind ebenso denkbar.

Abbildung 2: Ergebnis aus einer Kleingruppe Bürgerworkshop zur Gestaltung von innerstädtischen Übergabepunkten. (© Fraunhofer IAO)
Abbildung 2: Ergebnis aus einer Kleingruppe Bürgerworkshop zur Gestaltung von innerstädtischen Übergabepunkten. (© Fraunhofer IAO)


»Wenn ich die Leute gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt: schnellere Pferde.« Dieses Zitat von Henry Ford ist genauso alt wie abgedroschen. Es beschreibt das Problem einer jeden Innovation, die sich in einem komplexen Umfeld durchsetzen muss, allerdings recht gut. Damit sich eine neue Technologie erfolgreich etablieren kann, muss deren Mehrwert allen Nutzern klar sein. Nach Pferden als nachhaltigem Transportmittel zur Paketzustellung fragt heute natürlich niemand mehr. Doch was wollen die Leute, wenn sie keine schnelleren Pferde möchten? Um das herauszufinden, haben wir gemeinsam mit interessierten Bürgern drei öffentliche Workshops durchgeführt, in denen wir neben dem aktuellen Bestellverhalten und den Erfahrungen beim Paketversand auch die Wünsche und Vorstellungen für die Innenstadtlogistik der Zukunft diskutiert haben.

Anforderungen der Empfänger an die Übergabepunkte: nach dem Café zum Paket

Die Ergebnisse der Workshops waren so vielseitig wie überraschend. Einerseits können sich viele Empfänger vorstellen, länger auf Pakete zu warten, wenn diese dafür emissionsfrei zugestellt werden, andererseits sollten Angebote wie die Zustellung am selben Tag trotzdem noch möglich sein. Im Zentrum der Workshops standen allerdings die Anforderungen an die Übergabepunkte aus Sicht unterschiedlicher Empfängergruppen, da beispielsweise bewegungseingeschränkte Menschen andere Anforderungen an die verkehrliche Anbindung und Zugänglichkeit von Übergabepunkten haben. Ein wichtiger Aspekt ist, dass sich die Abholung der Pakete ohne zusätzliche Wege in den Alltag der Empfänger integrieren lässt. Ein Beispiel hierfür ist die Verknüpfung der Paketabholung mit sozialen Aktivitäten wie Cafébesuchen oder Freizeitaktivitäten. Hierdurch können Übergabepunkte auch als Orte der Begegnung und des Austauschs dienen und schlussendlich helfen, verödete Innenstädte wiederzubeleben.

Doch wie lässt sich ein solch hochkomplexes Logistiksystem, das gleichzeitig über unterschiedliche Wirtschaftsverkehre hinweg Waren bündeln soll, umsetzen? Die größte Herausforderung ist neben den unterschiedlichen Anforderungen der einzelnen Empfängergruppen ein effizienter Daten- und Informationsaustausch mit den Logistikdienstleistern. Zentrales Element einer nachhaltigen Innenstadtlogistik ist demnach eine intelligente Datenplattform, die es ermöglicht, schnell und effizient Bündelungspotenziale unterschiedlicher Warenströme zu erkennen und über ein intelligentes Netzwerk aus Übergabepunkten zu steuern. Genau daran arbeiten wir jetzt im Projekt »Digital_Logistics@LHS« im Rahmen des Zukunftswettbewerbs nachhaltige Mobilität #mobilwandel2035, der durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) gefördert wird (siehe Leselinks).

Durch die frühe Einbindung aller beteiligten Akteure wie Bürger, Logistiker und Kommunen legen wir einen wichtigen Grundstein für die Akzeptanz und erfolgreiche Entwicklung einer solchen Logistikplattform. Im nächsten Schritt analysieren wir, welche Herausforderungen Logistikunternehmen beim Aufbau und Betrieb eines Distributionssystems basierend auf Übergabepunkten haben.

Leselinks:

Lars Mauch

Lars Mauch

Lars Mauch ist studierter Verkehrsingenieur und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Team »Energy Innovation«. Er erforscht, wie zukünftig Transporte nachhaltig gestaltet werden werden können. Seine Schwerpunkte liegen dabei auf der Elektrifizierung von Schwerlastverkehren sowie innerstädtischen Zustellverkehren mit elektrischen Lastenrädern.

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