New Work – von der Utopie zur Alltagstauglichkeit

Wissenschafts­jahr 2018: Arbeitswelten der Zukunft
Wissenschafts­jahr 2018: »Arbeitswelten der Zukunft« ist das Thema des Wissenschaftsjahres 2018. Dabei geht es um Fragen, wie sich Arbeit in Zukunft verändert und welche Rolle Forschung und Wissenschaft bei der Bewältigung dieser Veränderungen spielen.

New Work – mit diesem Begriff verbinden sich unterschiedlichste Assoziationen. Das war für uns Anlass, am Rande des Zukunftsforums 2018 des Fraunhofer IAO Anfang Februar in einer interaktiven Session mit rund 30 Teilnehmenden eine spannende Diskussion zu führen. Was verstehen interessierte Personen, die sich selbst mit der Gestaltung von Arbeit befassen, unter diesem Konzept?

Arbeit, die wir »wirklich, wirklich wollen«

Es sei daran erinnert, dass in den Ursprüngen der frühen 80er Jahre die New Work ein sozialphilosophisches Konzept war. Frithjof Bergmann ging von einer Dreiteilung der Lohnarbeit aus: die (verkürzte) Erwerbsarbeit, die Arbeit für die Selbstversorgung und die Arbeit, die der Beschäftigte »wirklich, wirklich will«. Diese wirklich gewollte Arbeit stand in diesem Konzept vor allem für die zentralen Werte Selbstständigkeit, Freiheit und Teilhabe an der Gemeinschaft. Inspiriert war dieses Konzept übrigens von der Arbeit mit Mitarbeitenden eines Automobilkonzerns, die aufgrund zunehmender Automatisierung von der Arbeitslosigkeit bedroht waren.

New Work – vier Gestaltungsrichtungen mit unterschiedlicher Veränderungstiefe

Sichtet man aktuelle Publikationen, Konferenzen und die Aussagen unserer Forumsteilnehmer, lässt sich feststellen: New Work ist heute nicht mehr in der Abgrenzung von der eigentlichen (Erwerbs-)Arbeit ein Thema, sondern steht synonym für die Versuche, innerhalb dieser Erwerbsarbeit eine Reihe von Veränderungen zu implementieren. Wir haben für uns vier Ansatzpunkte dieser Veränderungen identifiziert:

  1. 1. Die weitgehende Flexibilisierung von Arbeitsort und Arbeitszeit, um das Arbeits- und Privatleben besser vereinbaren zu können.
  2. 2. Die räumlich-organisatorische Neujustierung und Gestaltung von Arbeitsumgebungen – also offene Räume, die ein Mehr an Kommunikation und Begegnung sowie die Verwirklichung von Wohlfühlatmosphäre ermöglichen.
  3. 3. Gestiegene Ansprüche der Mitarbeitenden an Partizipation und einer darauf basierenden Zunahme an Selbstorganisation, die auch die Weiterentwicklung von Führungsverständnis und die Neudefinition der Legitimation von Führung umfassen.
  4. 4. Last, but not least: Angesichts der digitalen Transformation und ihrer möglicherweise umwälzenden Wirkung auf Jobprofile und Jobchancen werden Fragen der Sinnstiftung durch Arbeit und deren Bedeutung als wesentlicher Faktor der gesellschaftlichen Teilhabe prominent diskutiert.

New Work – ein Konzept für die digitale Bohème?

Und wie funktionieren die wahrnehmbaren Umsetzungsformen? Wir sehen viele neugestaltete Bürokonzepte und Arbeitsumgebungen. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht stolz über die Verwirklichung einer Start-up-Zone von Großkonzernen in einem angesagten Berliner Loft berichtet wird – mit agilen Arbeitsformen, Kanban-Boards, Tischkicker und anderen sichtbaren Signalen und Symbolen des »Neuen«. Schwieriger wird es, neue Führungskonzepte und Formen der Selbstorganisation zu finden, die über eine längere Zeit funktionieren. Die Flexibilisierung der Arbeitsformen, insbesondere in den Dimensionen von Arbeitsort und -zeit, findet dagegen deutlich großflächiger statt – und bestimmt bekanntermaßen auch tarifliche Auseinandersetzungen wie die der Metall- und Elektrobranche. Aber offensichtlich ist auch: Überall da, wo nachhaltige Kulturveränderungen notwendig sind, wird es schon schwieriger, überzeugende New Work-Ansätze zu finden. Und so ist es auch kein Zufall, dass viele Ansätze der New Work gerade in den Bereichen Führung und Selbstorganisation in kleinen, noch relativ jungen Unternehmen gelebt werden – wo wenig gewachsene Strukturen vorhanden sind. Oder in ausgegliederten Bereichen großer Unternehmen, die sich räumlich wie organisatorisch explizit absetzen.

Vorsicht vor der rosaroten Brille

Wir müssen aufpassen, dass die Diskussion nicht zu eng von und für Vertreter der digitalen Bohème geführt wird, die sich in ihrer Arbeitswirklichkeit massiv von einem Großteil der Beschäftigten unseres Landes unterscheidet. Und wir müssen auch darauf achten, bestimmte Konzepte wie z. B. Start-up nicht zu einseitig zu diskutieren und zu bewerten. Denn echtes Start-up steht für Aufbruch, Begeisterung, Beteiligung und (Selbst-)Verwirklichung – aber eben auch für viele Überstunden, wenig Arbeitsplatzsicherheit und knallharte Abhängigkeiten von einem volatilen Marktgeschehen.

Und was wollten unsere Teilnehmer?

 Wunschbild New Work 2025
Wunschbild: New Work 2025 – Was wünschen Sie sich?

 

Auf der Diskussionsrunde des Zukunftsforums stimmten die Teilnehmenden entlang einiger Kernaussagen für das eigene Wunschbild der New Work 2025. Spannend an den Ergebnissen: Flexible und individuelle Ausgestaltung von Arbeitszeit-, ort- und -inhalten und umfassende Partizipation sind TOP-Wünsche. Deutlich weniger Anklang fand das Konzept, die eigene Führungskraft jährlich neu zu wählen. Auch sehr interessant: Die zunehmende Individualisierungsmöglichkeit in der Ausgestaltung der Arbeitsbedingungen sowie die eigene Marktmacht auf dem Arbeitsmarkt führen offenbar dazu, dass der Wert kollektiver Aushandlungsprozesse nicht mehr so ohne weiteres gesehen wird. Das zeigt, dass nicht nur Mitarbeitende, Führungskräfte und Unternehmensleitungen vor starken Veränderungsimpulsen stehen, sondern auch das Selbstverständnis und die Arbeitsdefinition betrieblicher Interessensvertretungen.

New Work Experience
Reality Check: »New Work-Landkarte« beim XING-Event »New Work Experience«
In einem vom Bundeministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) geförderten Projektvorhaben, spüren wir derzeit die unterschiedlichsten Ansätze von New Work in unserem Land auf und bereiten diese auf. Die Ergebnisse werden auf unseren Webseiten und denen des BMAS publiziert. Wir werden in den folgenden Wochen detaillierter zu einzelnen Realisierungsansätzen des New Work berichten und freuen uns auf Ihre Kommentare!

Arbeit anders denken: Diskussionsrunde zum Auftakt des Wissenschaftsjahres 2018

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Josephine Hofmann

Josephine Hofmann

Leitet das Competence Center Business Performance Management und forscht zum Thema Führungskonzepte und flexible Arbeitsformen. Bloggt am liebsten im Zug und nach inspirierenden Veranstaltungen und Begegnungen.

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