Pioniere für ländliche Gemeinden – wie aus Leerstand Innovationsräume entstehen können

Innovative, kreative und digitale Lösungen entstehen nur in einer hippen Großstadt? Weit gefehlt! Vor allem im ländlichen Raum schlummern wertvolle Innovationskräfte, die dringend geweckt und entfesselt werden müssen! Die oftmals von Leerstand geprägte Siedlungsstruktur im ländlichen Raum bietet vielerlei Möglichkeiten, Innovationsorte zu gründen, um so gegen Abwanderung und demografischen Wandel zu wirken. Doch wie kann es gelingen, leerstehende Gebäude wiederzubeleben, um innovative und kreative Köpfe zu vereinen und eine Innovationskultur aufzubauen?

Summer of Pioneers in Tengen

Im Projekt »Summer of Pioneers« wohnen und arbeiten ca. 20 Personen aus der Kreativ- und Digitalbranche seit Juni im zuvor leerstehenden Schloss Blumenfeld in der Gemeinde Tengen zusammen und beleben die 500 Jahre alten Gemäuer wieder. Die Pioniere können so Co-Working und Co-Living auf dem Land testen, im Gegenzug setzen sie innovative Projektideen für die Region um. Neben der Wiedereröffnung des Schlosscafés wurden verschiedene Veranstaltungen wie Kunstausstellungen, Führungen, Konzerte und Kinoabende realisiert. Zusammen mit dem IAO wurde ein Projekt zur Konzeptionierung eines smarten Buchungsportals umgesetzt.
Man fragt sich, wie diese vielen kreativen Ideen so schnell umgesetzt werden konnten? Einen großen Anteil daran hat meiner Meinung nach die ko-kreative Zusammenarbeit verschiedener Beteiligter.

Ko-Kreation als Schlüssel zu Innovationen

Unter Ko-Kreation verstehen wir die Zusammenarbeit verschiedener Akteure und die Integration unterschiedlicher Perspektiven mit dem Ziel der Entwicklung eines neuen Produkts oder Services. Die Einbindung unterschiedlicher Akteure am Entstehungsprozess steigert dabei sowohl die Kreativität als auch die Nutzerorientierung und letztendlich die Akzeptanz eines Produkts.

Typischerweise durchläuft man in einem ko-kreativen Prozess verschiedene Phasen. Sobald ein Handlungsfeld entdeckt ist, geht es darum, die Nutzerbedarfe, Wünsche und Pain Points im Detail zu erfassen. Darauf aufbauend werden gemeinsam Ideen zur Lösung des Problems gesammelt und die besten in Prototypen umgesetzt. Dies können sowohl Konzepte, Mockups oder Minimal Viable Products (MVP) sein, oder auch ein erster funktionierender Prototyp. Wichtig ist hierbei lediglich, dass die Idee gut visualisiert wird und Nutzertests damit durchgeführt werden können. Je nach Feedback der Nutzer*innen, wird die Idee als auch der Prototyp in verschiedenen Iterationen weiter angepasst, um letztendlich eine gewinnbringende Lösung für ein Problem zu schaffen.

Konzeptidee: Smartes Buchungsportal, das die vielen Möglichkeiten der Schlossnutzung in Tengen vereint

Während des »Summer of Pioneers« konnten wir mithilfe dieses Vorgehens in Zusammenarbeit mit den Pionieren und der Stadtverwaltung ein Konzept für ein smartes Buchungsportal erarbeiten, über das die unterschiedlichen Angebote im Schloss und der Umgebung reserviert werden können. Schon zu Beginn wurde klar, dass das Schloss eine Begegnungsstätte und ein Ort der Möglichkeiten ist. Neben Co-Working & Co-Living-Interessierten könnten auch Kreativschaffende, Tourist*innen, Bürger*innen und Unternehmen die Räumlichkeiten des Schlosses nutzen. Das intelligente Buchungsportal soll gezielt auf die Bedürfnisse der jeweiligen Zielgruppe eingehen und passende Vorschläge für den Aufenthalt vor Ort ableiten. Interessierte können sich so einen Platz im Co-Working Space, im Atelier oder Makerspace sichern, Workshops oder Coachings durchführen oder einfach nur auf dem Schloss leben und zur Gemeinschaft beitragen. Das Schloss verbindet so langfristig unterschiedliche Nutzergruppen, schafft Raum für Kreativität, eröffnet neue Perspektiven, stärkt die Innovationskraft und trägt zu mehr Dialog und Offenheit in der Gesellschaft bei.

Das Beispiel veranschaulicht, wie die Steigerung der Attraktivität des ländlichen Raums und die Belebung von Leerstand durch innovative und kreative Köpfe gelingen kann. Die entstehende Innovationskultur bringt so nicht nur frischen Wind in alte Gemäuer, sondern fördert auch kreative Ideen für die gesamte Gemeinde. Ich bin schon sehr auf weitere Ideen aus dem Schloss Blumenfeld gespannt und hoffe, dass auch andere Gemeinden dazu inspiriert werden, derartige Innovations- und Begegnungsstätten zu gründen – wir helfen dabei, interessierte Kommunen können gern auf uns zukommen!

Abbildung 1: Schloss Blumenfeld in Tengen
Abbildung 1: Schloss Blumenfeld in Tengen (Quelle: verändert nach Baummapper, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons

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Nina Hieber

Nina Hieber

Nina Hieber ist wissenschaftliche Mitarbeiter am Fraunhofer IAO. Sie ist Psychologin und befasst sich hauptsächlich mit Innovations- und Transformationsprozessen. Ein besonderer Fokus ihrer Arbeit liegt auf der ko-kreativen Dienstleistungsentwicklung und der Akzeptanzuntersuchung.

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