Würden Sie auf Ihren Privat-Pkw verzichten, wenn es einen Service in Ihrer Region geben würde, der alle Mobilitätsformen auf eine Plattform bringt und Mobilität so einfach macht wie noch nie? Als neues Mobilitätskonzept hat Mobility-as-a-Service (MaaS) genau das zum Ziel: Nutzenden die Möglichkeit geben, verschiedene Arten von Mobilitätsdienstleistungen über eine einzige digitale Plattform zu planen, zu buchen und zu bezahlen. Das Geschäftsmodell ist theoretisch bereits ausgereift – doch ein entscheidender Faktor fand bislang nur wenig Beachtung: Die Sicht potenzieller Nutzenden auf MaaS, ihre Einstellungen und Motivation. Genau das haben wir mit unserer Studie untersucht.

Mobility-as-a-Service: Ein vielversprechendes Konzept?

Häufig werden MaaS-Geschäftsmodelle als Abonnementmodell angeboten, das Mobilitätsdienstleistungen in Paketen bündelt. Das Konzept zielt darauf ab, durch die Kombination von Mobilitätsdienstleistungen öffentlicher und privater Anbietenden eine Verlagerung vom persönlichen Besitz hin zur geteilten Nutzung von Transportmitteln zu erreichen.

Die Nutzung von MaaS ist so einfach wie das Scrollen durch Ihren Social Media Feed. In einer einzigen App können Nutzende mit wenigen Klicks Mobilitätsdienstleistungen mehrerer Anbietenden nach ihren Bedürfnissen kombinieren und auswählen. Der MaaS-Anbietende stellt dabei alle verfügbaren Verkehrsmittel und -dienste als Mobilitätsbündel zusammen. Diese Pakete stehen den Nutzenden über eine einzige digitale Plattform zur Verfügung, auf der sie zwischen einer bedarfsorientierten Abrechnung auf Grundlage ihrer tatsächlichen Nutzung (Pay-per-Use) und einem personalisierten, längerfristigen Abonnementmodell wählen können (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Konzept und Kernbestandteile von Mobility-as-a-Service.
(Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Kamargianni/Matyas [2017], S. 5)
Abbildung 1: Konzept und Kernbestandteile von Mobility-as-a-Service.
(Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Kamargianni/Matyas [2017], S. 5)

 

MaaS soll durch die bequeme Nutzung von alternativen Mobilitätsformen dazu beitragen, Nachhaltigkeitsziele zu erreichen und die Lebensqualität in den Städten zu erhöhen. Dies wäre möglich, wenn eine ausreichende Umstiegsbereitschaft vom Privat-Pkw hin zur MaaS-Nutzung bestehen würde. Bevor ein neues Mobilitätskonzept jedoch akzeptiert und tatsächlich genutzt wird, müssen MaaS-Anbietende die Anforderungen von potenziellen Nutzenden erkennen, um diese hinreichend erfüllen zu können.

Eine Frage der persönlichen Einstellung

Die Veränderung der Bedürfnisse und Anforderungen der Bevölkerung an neue Mobilitätsformen sind ein Haupthindernis bei der Etablierung eines neuen Konzepts. Die komplexen psychologischen Konstrukte und Prozesse dahinter lassen sich theoretisch relativ simpel abbilden, sind aber praktisch schwer zu erfassen – die Einstellungen der Bevölkerung.

Ob ein Produkt gekauft oder eine Dienstleistung genutzt wird, liegt u. a. an Bewertungen, Abwägungen und Wahrnehmungsprozessen des Nutzens, das das Produkt oder die Dienstleistung bei den Nutzenden auslöst. Weitere Werte und Normen, wie z. B. das ökologische Bewusstsein, soziale Einflüsse sowie bereits gesammelte Erfahrungen mit dem Produkt oder der Dienstleistung komplettieren den Entscheidungsprozess. Die Bildung von Einstellungen ist somit ein sehr individueller Prozess. Entsprechend herausfordernd ist es, diese langfristig gespeicherten Urteile, Bewertungen und Erfahrungen zu verändern bzw. modifizieren, um einen bestimmten Zweck (z. B. eine verstärkte Nutzung) zu forcieren.

Unsere Untersuchung: Wer nutzt MaaS und wer nicht?

Wir vom Fraunhofer IAO haben gemeinsam mit der Fakultät für Verkehrswissenschaften an der Technischen Universität in Prag und dem IAT der Universität Stuttgart MaaS als eine mögliche und wettbewerbsfähige Mobilitätslösung für die Zukunft unserer Städte untersucht. Der Fokus der Analyse lag dabei auf den Einstellungen sowie spezifischen Charakteristika potenzieller MaaS-Nutzenden und auf Faktoren des Mobilitätsverhaltens, die eine Nutzungsentscheidung ebenfalls beeinflussen können (z. B. Fahrtdistanz, Abonnementbesitz, Pendelverhalten).

In unserer Studie wurden typische MaaS-Nutzende und Nicht-Nutzende identifiziert, um spezifische Fragen zu Nutzungsprofilen und zugrundeliegenden Eigenschaften und Einstellungen dieser beantworten zu können. Auch unentschlossene Personen wurden untersucht. Potenzielle MaaS-Nutzende konnten dabei relativ klar identifiziert werden: Die Faktoren ökologisches Bewusstsein, Einstellung gegenüber der Sharing Economy und sozialer Einfluss weisen bei potenziellen MaaS-Nutzenden einen signifikanten, positiven Einfluss auf die Nutzung von MaaS auf.

Im Rahmen der untersuchten Mobilitätsverhalten konnten wir nachweisen, dass der Kontext einer Reise eine wichtige Rolle spielt. Pendelnde, die auf ihrem Weg zur Arbeit keinen zusätzlichen Einschränkungen ausgesetzt sind, sind eher bereit, MaaS zu nutzen. Die Länge der Fahrt erwies sich hingegen als nicht signifikanter Faktor für die Nutzungsentscheidung.

Die Nutzungsintention kommt aus dem »tiefsten Innern«

Mit unserer empirischen Untersuchung konnten wir Muster aufzeigen, wie MaaS-Nutzende und solche, die es noch werden könnten, charakterisiert werden können. Inwieweit psychologische Eigenschaften, wie z. B. die Einstellung, aber auch das individuelle Mobilitätsverhalten die Nutzung von MaaS beeinflussen und was dies für die Ausgestaltung des Geschäftsmodells bedeutet, finden Sie in unserer Studie »Understanding the potential of MaaS« (siehe Leselink 1).

Die Untersuchung zeigt, dass mittels spezifischen Charaktereigenschaften Zielgruppen für Ihren Mobilitätsdienst identifiziert und fokussiert werden können. Die Analyse von Persönlichkeitsmerkmalen ist ein Ansatz, um die Nutzungsentscheidung, basierend auf dem »tiefsten Innern« einer Person, erklären zu können und besitzt dadurch große Relevanz. Denn nur, wer seine Zielgruppen genau kennt, kann sein Produkt oder seine Dienstleistung entsprechend ausgestalten, erfolgreich vermarkten und adressieren.

Leselinks:

Nicolaj Motzer

Nicolaj ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Team Mobility Ecosystems am Fraunhofer IAO und IAT der Universität Stuttgart. Mit seiner Forschungsarbeit will er den Mobilitätswandel mitgestalten und digitalisierte Mobilitäts-Ökosysteme für alle nutzbar machen.

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