Virtuelle Mobilität in Zeiten von Corona: Welche Reisen können Sie sich sparen – und welche nicht?

First-Science-KIT: IAO-Blogreihe zum Corona Krisenmanagement
First-Science-KIT: Blogreihe zum Corona Krisenmanagement
Die Coronakrise fordert von uns allen ganz neue Herangehensweisen und Lösungen im beruflichen Miteinander. Das Fraunhofer IAO hat deshalb eine Blogreihe gestartet, mit der wir schnell anwendbare Praxistipps weitergeben, gut funktionierende Beispiele vorstellen und Lösungswege während und aus der Krise aufzeigen wollen.

Aufgrund der Corona Pandemie und der Maßnahmen zur Virus-Eindämmung haben viele Unternehmen und Arbeitgeber Home-Office-Lösungen für ihre Mitarbeitenden etabliert und Büro-Anwesenheiten auf ein absolutes Minimum reduziert. Gerade größere Unternehmen mit internationalen Strukturen haben bereits zuvor ein Reiseverbot erlassen. Doch welche Reisen lassen sich wirklich virtualisieren, wie nutzt man dafür digitale Angebote und wie lassen sich Probleme und Schwierigkeiten durch den Ausfall persönlicher Kontakte vermeiden?

Virtuelle Mobilität: aktuelle Chancen und Grenzen in der Coronakrise

Das Team Mobility Innovation am Fraunhofer IAO forscht schon seit Jahren zum Thema virtuelle Mobilität sowie dem Ersatz bzw. dem Reduzieren des ständigen von A-nach-B-Fahrens. Dank Kontaktverboten, Ausgangssperren und Social Distancing wird unser Thema schlagartig hochaktuell.

Die einfachen Formen der virtuellen Mobilität wie Videotelefonie oder Onlinemeetings mit mehreren Personen ersetzen heute schon problemlos das persönliche Meeting und die damit verbundene Reise zum Kunden. So kann sich der moderne »Homo Digitalis« beispielsweise in eine Besprechung mit zehn Teilnehmenden von drei unterschiedlichen Kontinenten einwählen und zwei Stunden später kann er bereits in einem anderen Onlinemeeting mit zehn ganz anderen Kollegen aus einer ganz anderen Region der Welt zusammen sitzen. Mit diesen einfachen Virtualisierungsmitteln lässt sich Information austauschen, Teamarbeit organisieren und vieles mehr. Reisen, die dem Austausch von Informationen und kommunikativer gemeinsamer Arbeit dienen, sind also weitgehend ersetzbar, auch wenn der persönliche Kontakt andere Verbindlichkeiten und mit Sicherheit mehr Vertrauen erzeugt.

Doch mit diesen einfachen Mitteln der Virtualisierung werden uns auch die Grenzen unserer aktuellen virtuellen Mobilität bewusst: Videokonferenzen warten keine Turbinen in Südamerika, beheben keine Maschinenschäden in Asien oder analysieren Versicherungsschäden in Australien. Für den globalisierten Mittelstand könnten diese Limitierungen zu einem ernsten Problem werden, wenn die Krise anhält und die Mobilität von Fachleuten bestehen bleibt. Zumindest mit den herkömmlichen Mitteln der virtuellen Zusammenarbeit können also gerade die für die deutsche Industrie wichtigen Reisen für weltweite industrielle Problemlösungen nicht ersetzt werden – eine mögliche Achillesferse in der aktuellen Krise.

Erweiterte Virtualität: Dienstleistung per Datenbrille

Durch das Aufkommen von VR-Brillen (»Virtual Reality«) und dazugehörigen Anwendungen wie digital gerenderten Meetingräumen, grafisch visualisierten Baustellen oder digitalen Darstellungstools für die Produktentwicklung sind heute noch deutlich weitreichendere Erlebnisse einer virtuellen Mobilität möglich. So wäre es zum Beispiel denkbar, eine komplizierte technische Anlagenwartung in China per Remote Engineering durchzuführen. Der Monteur vor Ort in China bekommt in seiner AR-Brille (»Augmented Reality«) Daten, Informationen und eine digitale Arbeitsanweisung in seine Datenbrille eingespielt. Über eine parallel laufende Telefon- oder Videoverbindung zum Fachmann und den Entwicklern der Anlage in Deutschland könnte der chinesische Monteur Tipps und Erklärungen in Echtzeit bekommen und das Problem könnte gemeinsam, vernetzt und digital basiert gelöst werden. Die Technologie für diese Art der virtuellen Leistung ist weitgehend vorhanden und könnte für die global agierenden deutschen Mittelständler zum virtuellen Rettungsanker werden, sollte die Krise länger anhalten. Viele dieser scheinbar unersetzlichen Präsenztermine lassen sich also mittelfristig per Datenbrille durchführen, wenn Unternehmen diesen Schritt der erweiterten Virtualität mitgehen.

Blick über den Tellerrand: Virtuelle öffentliche Orte

Diesen Gedanken können wir beliebig weiterspinnen, da mit virtuellen Museumsrundgängen, Fotorenderings von berühmten Orten, oder online betretbaren Fußballstadien in Zukunft die virtuelle Mobilität vielleicht sogar die Freizeit und unser Privatleben betreffen könnte. So könnte man sich zum Beispiel den Schiefen Turm von Pisa, den Eiffelturm, oder die chinesische Mauer zuhause vom Sofa aus ansehen und gleichzeitig mit seinen Freunden »betreten«. Eine Einsparung des von A-nach-B-Kommens aufgrund einer Imitation der Experience zuhause bzw. an jedem beliebigen Ort der Welt.

In einer aktuellen Nutzerumfrage aus dem Herbst 2019, die wir zum Thema virtuelle Mobilität in Deutschland, USA und Südkorea durchgeführt haben, sind immerhin 40 Prozent der Befragten der Meinung, dass virtuelle Mobilität in zehn Jahren weit verbreitet in allen Märkten sein könnte (siehe dazu Grafik). Vor allem in den Generationen Y und Z gab es hierzu große Zustimmung.

Ergebnisse der Nutzerumfrage des Fraunhofer IAO aus dem Herbst 2019.
Ergebnisse der Nutzerumfrage des Fraunhofer IAO aus dem Herbst 2019.

 

Durch die neu aufkommenden und zum Teil bereits weit verbreiteten technischen Möglichkeiten von VR, AR und digitaler Vernetzung, ist hier vieles denkbar, was uns gerade in Zeiten sozialer Isolation und des räumlich distanzierten Miteinanders neue Lebensfreuden und sogar neue Geschäftsmodelle für Not leidende Branchen wie dem Tourismus bescheren könnte!

Wenn Sie an dieser Thematik interessiert sind, Denkanstöße haben oder gerne mehr über unsere Forschung im Bereich Mobility Innovation wissen wollen, dann freuen wir uns sehr über Ihre Kontaktaufnahme und Kommentare hier im Blog!

Leselinks:

Florian Albert

Florian Albert

Die frühe Phase von Innovationsprozessen und offenen Innovationsökosystemen im Bereich des digitalen Fahrzeugs und der Mobilität von morgen sind die Forschungsschwerpunkte von Florian Albert. Als Leiter des Fraunhofer Innovationsnetzwerks »FutureCar« betreut er diese vorwettbewerbliche Austauschplattform für Automobilhersteller, Zulieferer und Mobilitätsdienstleister. Im Rahmen des FutureCar Netzwerks wird der Transformationsprozess der weltweiten Automobilwirtschaft, bedingt durch die Elektrifizierung, Automatisierung und Vernetzung der Fahrzeuge, auf einer gemeinschaftlichen Basis untersucht, erforscht und verstanden. Als Teil des Teams »Mobility Innovation« beschäftigt er sich somit tag täglich mit neuen Trends, innovativen Technologien und cleveren Lösungen für unsere zukünftige Fortbewegung

Autorenprofil - Website - Twitter - Xing

Kommentar hinzufügen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.