Blockchain & Smart Contracts: Führt der Hype von einer sinnvollen Technologie zu unsinnigen Anwendungen?

Wer auch immer Satoshi Nakamoto sein mag, er oder sie hat uns wohl eine der größten Innovationen im Finanzsektor der letzten Jahrzehnte beschert. Jeden Tag entstehen neue Ideen zu lukrativen Einsatzbereichen, vom Wallet beim autonomen Fahren bis hin zur Blockchainisierung ganzer Städte. Doch sollte in vielen Fällen die Frage nach dem Sinn der Anwendung erlaubt sein. Denn nicht alles was glänzt, ist Gold oder Bitcoin.

Bitcoin, Blockchain & Smart Contracts: Geld mit Gedächtnis

Die Blockchain ist vor allem als Grundlage und Transaktionsverzeichnis der Kryptowährung Bitcoin bekannt geworden. Aber auch als reines Verzeichnis – ohne die Kopplung an solch eine »Währung« – bieten sich zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten: beispielsweise für Bankentransfers oder Grundbucheinträge. Ein Smart Contract ist im Prinzip »gewöhnlicher« Code, welcher innerhalb der Blockchain unter Bedingungen Transaktionen ausführt und somit den »Vertrag« zwischen den Beteiligten bildet. Aufgrund der Sicherheit der Blockchain und damit auch der Smart Contracts, der schnellen Ausführungszeit und des generellen Fehlens eines menschlichen bzw. institutionellen, teuren, langsamen und »betrügerischen« Intermediärs werden Blockchain und Smart Contracts bereits als ultimative Waffe zur Revolutionierung des Finanzwesens gefeiert.

Smart Contracts: einfach, sicher und praktisch anwendbar?

Smart Contracts gelten technisch zu Recht als ziemlich sicher. Potenzielle Anwendungsmöglichkeiten finden sich überall dort, wo die digitale Transaktion zwischen »Vertragspartnern« Sinn macht: Vom Handel mit Energie in der Nachbarschaft, über die Verwaltung medizinischer Daten bis hin zur völligen Digitalisierung des Zahlungsverkehrs oder der Automatisierung von Investment-Prozessen. Aber wird sich auch ein Laie darauf einlassen? Nimmt die Komplexität zum Verstehen nicht eigentlich zu? Und woher erkennt der Smart Contract den aktuellen Zustand der Vertragserfüllung? Ohne vernünftige Implementierung von Smart Oracles, welche anhand von Sekundärinformationen den aktuellen Erfüllungsstand prüfen, dürfte dies wohl kaum möglich sein. Auch werden Smart Contracts Betrug nicht beseitigen, sondern einfach nur zu einer Verschiebung aus der digitalen in die analoge Welt führen. Die menschliche Schnittstelle vor der Blockchain bleibt bestehen und täuschbar. Hier wird die Stärke der Blockchain zur Falle: Ein Transaktionssystem, in dem sich Transaktionen auf keinen Fall zurücknehmen lassen und in dem es auch keine Kontrollinstanz gibt, lässt viel Raum für kriminellen Erfindungsreichtum – trotz oder gerade wegen der technologischen Sicherheit des Systems.

Das Tor zu einer freien, vernetzten Welt?

Die Zukunft gehört nicht »der Blockchain«, sondern einem Universum aus Abertausenden Blockchain-basierten Anwendungen mit unterschiedlichen Rechten und Ausprägungen. Doch zahlreiche Fragen zu Standards, Schnittstellen und generellen Integrationsmöglichkeiten sind noch ungeklärt. Wird die Blockchain dann vielleicht einfach nur ein zusätzliches System und brauche ich dann zukünftig neben Bargeld, EC-Karte und Kreditkarte auch noch einen Wallet? Auch bei großen Blockchains stellt sich generell die Frage der »Freiheit«: Oft kann oder muss jeder eine komplette Kopie der Chain herunterladen. Früher oder später werden aber nur Konzerne genügend Rechenkapazitäten zur Verfügung stellen können, um diese zu verwalten. Denn sie wächst ständig. Unternehmen könnten also die Macht und den Einfluss, den sie durch die dezentrale Blockchain-Technologie verlieren werden, durch ihre finanziellen und technischen Kapazitäten zum Management der Blockchains wieder zurückgewinnen. Auch wird die Blockchain zum Angriffsziel werden. »Konten« von bösen Buben können nicht gesperrt werden. Also wird man versuchen, das ganze System lahmzulegen. Und überlegen Sie, weshalb das Thema in bestimmten Gegenden nach vorne getrieben wird. Die Einträge sind zwar anonym, aber fast alles ist bis zu einem gewissen Grad deanonymisierbar. Und ist ein nationales Transaktionsbuch nicht das größte Geschenk überhaupt für jemanden mit Überwachungsabsichten?

Das Potenzial ist da, aber nicht überall

Ich bin selbst ein großer Fan von Blockchain & Co. Aber wie bei allen tollen, neuen Technologien ist man oft blind vor Liebe. Es wird sicherlich viele Einsatzmöglichkeiten geben, aber mit dem Hype nimmt auch die Wahrscheinlichkeit für systematischen Unsinn zu. Fragen nach der Praktikabilität oder dem Kosten-Nutzen-Verhältnis im Vergleich zu einfacheren Anwendungen werden umso weniger gestellt, je heißer die mediale Hype-Maschine läuft. Blockchain ist häufig zu einem bloßen Verkaufsargument für Technologie geworden, statt zu einer sicheren technischen Infrastruktur für komplexe Geschäftsmodelle. Sinnvolle Anwendungen werden wir aber nur identifizieren, wenn wir jetzt einen Perspektivwechsel vollziehen: Statt aus der gehypten Technologie heraus zu argumentieren, sollten wird uns aus Perspektive der Nutzer fragen, wo denn der tatsächliche Vorteil und Nutzen liegt. Gerade bei der Nutzung der Potenziale für die Stadtentwicklung sowie die Gestaltung von Mobilitätsanwendungen stehen wir hier noch am Anfang.

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Tobias Männel

Tobias Männel

Tobias Männel hat das Institut 2017 verlassen.

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