Disruptive Innovationen Teil 1: Versuche einer Begriffsklärung

Der Begriff »Disruption« hat es mit der Kürung zum Wirtschaftswort des Jahres 2015 durch die FAZ zu einiger Berühmtheit geschafft. Doch mit dem Ruhm kommen auch die Trittbrettfahrer, die vom Glanz des Schlagworts profitieren wollen. Obwohl Prof. Clayton M. Christensen aus meiner und der Sicht vieler anderer Wissenschaftler den Begriff geprägt und klar definiert hat, passiert es immer häufiger, dass momentan alles, was mit einem gewissen Neuheitsgrad – und einer besonderen Bedeutung – versehen werden soll, mit dem Begriff der Disruption betitelt wird.

Clash of Buzzwords – Erklärungsversuche der disruptiven Innovation

Nach Highlights wie dem Eklat zwischen Prof. Jill Lepore und Prof. Clayton M. Christensen, bei dem die Theorie der disruptiven Innovation in einem Artikel im New Yorker in Frage gestellt wurde, hat sich die Begriffsverwendung heute so weit entwickelt, dass der Urheber der Theorie in verschiedenster Form Stellung bezieht. Einmal wird der Begriff »Quantum Innnovation« vorgeschlagen, um die Diskussion um die Begrifflichkeit der disruptiven Innovation zu klären, ein anderes Mal wird der Begriff erneut mit Beispielen dargestellt. Hier der zum letzten Punkt zugehörige Kurzfilm:

Und natürlich teilen andere Autoren, u.a. auch die der FAZ, nicht Christenssens Meinung, dass Uber keine disruptive Innovation darstellt. Eines bleibt Prof. Christensen, der disruptive Innovation als Prozess beschreibt, aber trotz allem schuldig: im Gegensatz zu anderen Innnovationsarten gibt es keine kurze und prägnante Aussage, was eine disruptive Innovation nun tatsächlich ist. Hier springen zum Glück andere Autoren ein. So hat Erwin Danneels in einer frühen Diskussion des Ansatzes von Prof. Christenssen eine disruptive Technologie als eine solche definiert, die im Markt eingesetzte Technologien überflüssig macht und die Investition etablierter Player auf dem Markt (Incumbents) zerstört. Das ist eine schlüssige Zusammenfassung der von Christenssen beschriebenen Merkmale, mit dem Nachteil, dass eine disruptive Technologie, die erfolgreich von den großen, etablierten Playern erkannt und in neue Lösungen integriert wird, damit automatisch ihren Status als disruptive Technologie verliert.

Erkennungsmerkmale disruptiver Innovationen

Zu den wesentlichen Eigenschaften, die eine disruptive Innovation auszeichnen, gehören sicherlich Christenssens Low-Cost Characteristik »offered less of what customers in established markets wanted« oder die später ergänzte new-market Charakteristik »enabling the composition of functionalities in a new way« sowie die durch weitere Autoren ergänzte Erfüllung der wesentlichen Kundenanforderungen wie bspw. durch Adner als »Dimensions of Performance that are most important to mainstream customers«. Eine wichtige und wesentliche Ergänzung ist auch die von Govindarajan & Kopalle beschriebene Ergänzung der Leistungszusammensetzung als »a combination that is unattractive to mainstream customers at the time of product introduction«. Und dann gibt es noch ergänzende Begriffe wie die» Big Bang Disruption« oder die »Digital Disruption«, die jedoch zur für eine präzisere Definition des Begriffs der Disruption eher außer Acht gelassen werden sollten…

Disruptiv oder nicht – Unternehmen müssen ihre F&E innovationsfähig machen

Für Unternehmen ist es – wenn überhaupt überhaupt relevant – dann doch zweitrangig, ob eine Disruption einer bestimmten Definition genügt oder nicht. Das Taxigewerbe fühlt sich so oder so von Unternehmen wie Uber bedroht, die Erfindung des iPhones ist sicherlich nicht ganz unschuldig an der Entwicklung der Handysparte bei Nokia. Die Frage ist, wie über den Tellerrand hinaus geschaut werden kann, um wesentliche Neuerungen frühzeitig zu erkennen. Und natürlich, wie die Entstehung disruptiver, radikaler, kundenorientierter Neuerungen im eigenen Unternehmen gefördert werden kann – nicht zuletzt durch die eigene Forschung und Entwicklung.

Beispiele und Lösungsansätze stelle ich in meinem nächsten Blogbeitrag vor.

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Sven Schimpf

Sven Schimpf

Interdisziplinärer Forscher und Vordenker am Fraunhofer IAO. Bloggt rund um das Thema strategisches Technologie- und F&E Management. Warum? Weil spannende Ideen und technologische Möglichkeiten, die Mehrwert generieren, diskutiert und verbreitet werden müssen!

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