Future City Lab: Ein Experimentierraum im Herzen Stuttgarts

Die Realität einer Stadtgesellschaft passt nicht in ein Labor. Deshalb wurde das Förderformat Reallabore entwickelt, ein Forschungsdesign, das wissenschaftliche Erkenntnisse »am lebenden Objekt«, also direkt am Alltag der Menschen und gemeinsam mit ihnen generiert.

Experimente im realen Labor »Stadt«

Ziel des Forschungsprojekts an der Universität Stuttgart war es zunächst einmal, einen Perspektivenwechsel über unser Mobilitätsverhalten zu ermöglichen, indem lokales Systemwissen in Kombination mit Erfahrungswissen generiert und in einem Netzwerk gebündelt wird. Dazu bietet das Reallabor für nachhaltige Mobilitätskultur eine Plattform zum Diskutieren und Experimentieren. Sechs sogenannte Realexperimente wurden in diesem Rahmen im November 2015 von einer Jury ausgewählt, die 2016 gemeinschaftlich von Wissenschaft und Zivilgesellschaft durchgeführt und beforscht werden sollten. Zwei inspirierende Beispiele möchte ich im Folgenden vorstellen.

Soziale Teilhabe per Rikscha

Was häufig unter dem Begriff Soziale Teilhabe im Alter zusammengefasst wird, schafft die Bürger-Rikscha in Vaihingen auf liebevolle Weise: Ehrenamtliche Radfahrer und Radfahrerinnen eines Vereins bieten kostenlose Zweck- und Spaßfahrten für die Damen und Herren eines Seniorenzentrums in Stuttgart-Vaihingen an, z. B. zum Arzt, zum Mittagstisch oder zum Bärenschlössle. Was das bringt? Die Menschen erlangen ein Stück ihrer Unabhängigkeit zurück, indem sie an Orte gelangen, die sie schon lange nicht mehr oder noch gar nie selbstständig besuchen konnten. So wächst ihr Vertrauen in die eigenen Mobilitätsfähigkeiten und die körperliche sowie geistige Fitness werden gefördert. Über Wegetagebücher und Interviews mit den Fahrenden und Mitfahrenden wurden im Rahmen des Forschungsprojekts die Mehrwerte eines solchen Mobilitätsangebots bemessen. Weiterhin wurden Hindernisse für die Nutzung einer Rikscha im Straßenverkehr erfasst und im Rahmen unserer Forschungstätigkeiten zum urbanen Mobilitätskomfort ausgewertet.

Die Bürger-Rikscha verdeutlicht, dass hinter den Kulissen der Automobilhauptstadt innovative Ergänzungen zum Individualverkehr mit dem Auto existieren. Wann immer ich das Beispiel Bürger-Rikscha erwähne, wirkt es inspirierend auf meine Gesprächspartner, denn das Angebot liefert einen echten Mehrwert: gesundheitsfördernde Mobilität ohne Altersbeschränkung! Für eine zivilgesellschaftliche, ehrenamtliche Initiative wie die Bürger-Rikscha gibt es bislang aber kaum ein Format, das das wertvolle Erfahrungswissen aktiv in die Stadtentwicklung einbringt. Zu der sinnvollen Gestaltung von Radwegen, den Herausforderungen in der gemeinschaftlichen Nutzung der Straße durch Rikscha und Auto oder dem Personenbeförderungsgesetz könnten die Beteiligten sicher viel aus ihrer Praxis beitragen. Eine Plattform wie das Reallabor kann hier helfen, indem es ein Sprachrohr für kleine oder unbekannte Projekte darstellt, einzelne Initiativen verknüpft und sie unterstützt sowie auf sie aufmerksam macht.

Parklets oder: Wem gehört der öffentliche Raum?

Wer im vergangenen Sommer aufmerksam Zeitung gelesen hat und aktiv auf Facebook unterwegs war, hat schon von ihnen gehört: Die Parklets für Stuttgart haben die Einen in Rage versetzt und den Anderen Hoffnung gegeben. Was war los? 18 Parkplätze wurden für drei Monate zu insgesamt elf urbanen Aufenthaltsorten umgestaltet, z. B. durch urbanes Grün, Sitzplätze und Spielmöglichkeiten oder aber als Treffpunkt für Nachbarschaftsveranstaltungen. Wir haben die Organisation der Verantwortung durch lokale Paten sowie die tatsächliche Nutzung der Parklets untersucht. Auch die angeregte Diskussion in den Medien war besonders spannend für uns. Es bildeten sich zwei klare Fronten heraus, die folgende Argumente vertraten – und diese mit viel Emotion zum Ausdruck brachten:

  • Bei ohnehin bestehendem Parkplatzmangel sollten selbst temporär keine Parkplätze einem anderen Zweck zugeführt werden.
  • Es ist an der Zeit, die Verteilung des öffentlichen Raums zugunsten nachhaltiger Mobilitätsformen und einer gesteigerten Aufenthaltsqualität in der Stadt zu überdenken.

Unterwegs in Richtung Zukunft

In einem abgeschlossenen Laborversuch wären die Ergebnisse sicher nicht so vielfältig ausgefallen. Konkrete Experimentierräume sind notwendig, um in realen Laboren die Zukunft zu erproben und damit einen Kulturwandel zu ermöglichen. Nicht allein die Not macht erfinderisch! Auch geeignete Rahmenbedingungen befördern Kreativität und Innovationskraft. Mein Fazit: Kontroverse Diskussionen müssen geführt, wissenschaftlich fundierte Fakten geschaffen sowie alle Akteure und Zielgruppen berücksichtigt werden, um die Stadt- und Mobilitätsgestaltung in einer nachhaltigen Form voranzutreiben und dabei alle mitzunehmen. Zu beachten gilt, dass wir niemals in einer vollendeten Zukunft ankommen werden, sondern uns stets weiterentwickeln. Dass wir uns dabei nicht als Versuchskaninchen, sondern als Pioniere des Wandels verstehen möchten, zeigt die kontroverse Diskussion zu den Parklets.

Wer mehr über die Ergebnisse des Forschungsprojekts erfahren möchte oder Diskussionsbedarf zu diesem Thema verspürt, ist bei der feierlichen Abschlussveranstaltung »Stuttgart in Bewegung – Berichte von unterwegs« vom 21. bis 23. September 2017 in Stuttgart herzlich willkommen. Weitere Informationen gibt es hier: www.r-n-m.net/berichte-von-unterwegs

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