Seit 2013 besteht für alle Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, unabhängig von der Anzahl ihrer Mitarbeitenden, die Pflicht, eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen vorzunehmen (ArbSchG §5 Abs. 3 Nr. 6). Bislang wird dieser Pflicht jedoch zu wenig nachgekommen, oftmals wird sie von Unternehmen als Last empfunden oder gar ignoriert. Dass sie allerdings auch eine enorme Chance für die Erhöhung der Resilienz von Unternehmen darstellt, will ich in diesem Beitrag zeigen.

Seit Jahren steigt die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund von Burnout-Erkrankungen in Deutschland. Zählte die AOK 2012 noch durchschnittlich 92,2 Arbeitsunfähigkeitstage je 1000 Mitglieder aufgrund einer Burnout-Diagnose, waren es 2022 bereits 159,8. Das Arbeitsunfähigkeitsvolumen durch Burnout ist somit in den letzten zehn Jahren um mehr als 50 Prozent gestiegen.

Auch die Wahrnehmung des Themas durch die Mitarbeitenden hat sich verändert. Laut der Studie »Arbeiten 2023« der Betriebskrankenkasse Pronova haben mehr als 60 Prozent der Deutschen Angst vor Burnout (2018 waren es noch 50 Prozent). Jeder Fünfte stuft die Gefahr, ein Burnout zu erleiden, sogar als »hoch« ein. Die Krankenkasse sieht daher ArbeitgeberInnen in der Pflicht, mehr für die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeitenden zu tun.

Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen kann hier ein erster Schritt sein, um die Situation im eigenen Unternehmen zu verbessern.

Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen (GBPB) in der Praxis

Mit dem gesetzlichen Instrumentarium können psychische Belastungen in Unternehmen erkannt, adressiert und schlussendlich reduziert werden. Zudem kann die Durchführung der GBPB und deren offene Kommunikation Sicherheit innerhalb der Belegschaft schaffen. Mitarbeitenden wird signalisiert, dass die Unternehmensführung das Thema ernst nimmt und Maßnahmen ergreift, um die Belastungen für alle Beschäftigten möglichst gering zu halten. Ein Thema, das auch im Kontext einer alternden Belegschaft zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Merkmalsbereiche, die über eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen analysiert werden müssen, lauten:

  • Arbeitsinhalt und Arbeitsaufgabe, z.B. Handlungsspielraum, Vollständigkeit der Aufgabe
  • Arbeitsorganisation, z.B. Arbeitszeit, Arbeitsintensität
  • Soziale Beziehungen, z.B. zu Vorgesetzten und Kollegium
  • Arbeitsumgebung, z.B. Lärm, physische Faktoren, Arbeitsmittel
  • Neue Arbeitsformen, z.B. räumliche Mobilität, zeitliche Flexibilisierung

Allerdings zeigt der DEKRA Arbeitssicherheitsreport 2023, dass 56 Prozent der Unternehmen keine psychische Gefährdungsbeurteilung durchführen, weitere 17 Prozent sind sich unsicher, ob es eine solche Beurteilung in ihrem Unternehmen gibt. Der Report »Gesundheit im Betrieb« der DGUV zeigt zudem, dass zwar 31 Prozent der befragten Unternehmen im Jahr 2020 psychische Belastungen für alle Arbeitsplätze ermittelten, 33 Prozent aber keine Maßnahmen zur Verbesserung der Situation ableiteten. Bei 27 Prozent der Unternehmen erfolgte ferner keine Dokumentation der Gefährdungsbeurteilung.

Die Gründe hierfür sind vielfältig. Obwohl diverse Instrumente zur Durchführung einer GBPB vorliegen, sind Unternehmen oft unsicher, welches Instrument das richtige ist, welche Maßnahmen angemessen sind und wie deren Wirkung gemessen werden kann. Darüber hinaus sind sich Unternehmen oft nicht bewusst, welche positive Wirkung eine gut durchgeführte GBPB haben kann, wenn entsprechende Maßnahmen abgeleitet werden.

Positive Effekte der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen

Fest steht: Die Gefährdungsbeurteilung ist Voraussetzung dafür, dass geeignete Maßnahmen zur Reduzierung psychischer Belastungen abgeleitet und umgesetzt werden können. Sie trägt somit auch zu mehr Wirtschaftlichkeit von Arbeitsschutzmaßnahmen bei. Die positiven Effekte für Unternehmen gehen jedoch weit darüber hinaus, z.B.:

  • Steigerung von Motivation und Produktivität
  • Verringerung von Fehlzeiten und Fluktuation
  • Erhöhung der Mitarbeiterbindung und Arbeitgeberattraktivität
  • Verbesserung des Arbeitsklimas

Die GBPB kann zudem Startpunkt für eine ganzheitliche Resilienzförderung in Unternehmen sein. Resilienz meint die Meta-Kompetenz, effektiv mit kritischen Situationen umgehen und gestärkt daraus hervorgehen zu können. Um Resilienz zu entwickeln, benötigen Unternehmen Fähigkeiten zur Vorbereitung auf, zum Umgang mit und zur Anpassung an kritische Situationen. Unterstützt wird die Ausbildung dieser Fähigkeiten durch spezifische Resilienzressourcen auf Ebene des Individuums, des Teams und der Organisation, z.B.:

  • Individuum: Optimismus, Achtsamkeit
  • Team: geteilte Werte, positives Teamklima
  • Organisation: flexible Strukturen, offene Unternehmenskultur

Fokussiert sich ein Unternehmen nicht allein darauf, vorhandene Belastungen zu reduzieren (d.h. reaktiv zu handeln), sondern auch ein gesundheitsförderliches Umfeld zu schaffen (d.h. proaktiv zu handeln), kann das die Resilienz der Mitarbeitenden und damit auch die Resilienz des gesamten Unternehmens steigern. Auf Basis der GBPB können fundiert und gezielt Resilienzressourcen auf allen Ebenen innerhalb des Unternehmens aufgebaut und somit resilientes Verhalten etabliert werden, was den Umgang mit kritischen Situationen verbessert und zum langfristigen Bestehen des Unternehmens beiträgt. Der Unternehmenskultur kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu. Gelingt es, eine offene, konstruktive und wertschätzende (Lern-)Kultur im Unternehmen zu etablieren, wirkt sich dies förderlich auf die Resilienz der gesamten Organisation aus.

Es bleibt festzuhalten, dass die GBPB enormes Potenzial birgt: Sie hilft nicht nur psychische Belastungen zu reduzieren, sondern liefert auch Ansatzpunkte für eine ganzheitliche Resilienzförderung in Unternehmen.

Sie möchten Ihr Unternehmen stärken und eine GBPB als Startpunkt der Entwicklung einer resilienten Unternehmenskultur durchführen? Wir unterstützen Sie wissenschaftlich fundiert bei der Planung und Durchführung, der Ableitung von Maßnahmen sowie der Dokumentation. Sprechen Sie uns gerne an!

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Stephanie Duchek

Stephanie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Center for Responsible Research and Innovation CeRRI des Fraunhofer IAO. Sie forscht zu den Themen Innovation, Transformation und Resilienz. Ein besonderes Anliegen ist ihr die ganzheitliche Förderung von Resilienz in Organisationen.

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