Innovationen bewegen – Der nachhaltige Fahrzeuginnenraum der Zukunft ist eine Frage der Generationen

Die junge Generation wirbelt auf, setzt sich aktiv für Nachhaltigkeit und Klimaschutz ein und hat ein anderes Verständnis von Wertigkeit und Luxus als ältere Generationen. Diese Altersgruppe steht für einen neuen Wandel in der Gesellschaft. Ein Wandel, der dringend notwendig ist und der auch bald in der Automobilindustrie noch spürbarer sein wird. Denn auch diese Generation wird sich in Zukunft mobil durch die Welt bewegen wollen, allerdings mit neuen Forderungen und anderen Erwartungen an die Mobilität – auch an den Fahrzeuginnenraum: Anstelle von Ledersitzen rücken nachhaltige Materialien im Sinne einer Kreislaufwirtschaft in den Fokus. Aber gefällt das auch den älteren Generationen? Wir haben die unterschiedlichen Altersgruppen zu ihrer Wahrnehmung von unterschiedlichen Materialien gefragt. Wie die Entwickler*innen und Designer*innen der Automobilindustrie auf die Ergebnisse reagieren können und was es dabei Wichtiges zu beachten gibt, beschreibe ich hier.

Wahrnehmung der Materialien variiert über Generationen

Einer der wichtigsten Aspekte dabei ist der Einsatz von nachhaltigen Materialien im Fahrzeug. Dabei muss das Erscheinungsbild nicht immer gleich »Öko« sein. Wie verschiedene nachhaltige Materialien, die für eine hochwertige Optik bearbeitet wurden, wirken und vor allem wirken sollen, haben wir im Rahmen einer repräsentativen Online-Befragung in den drei automobilstarken Ländern China, Deutschland und den USA genauer untersucht. Befragt wurden unterschiedliche Generationen über die Wirkung von Materialgruppen, wie Holz, Leder, Kunststoff, Textil, Stein, Metall und Verbundmaterialien in Hinblick der Nachhaltigkeit und Hochwertigkeit. Die Ergebnisse haben wir auf einer Materialwand auf der IAA Mobility in München zusammengefasst und ausgestellt (siehe Abbildung 1). Darauf zu sehen sind drei Material- und Farbkonzepte mit nachhaltigen und hochwertigen Materialien, die sich auf drei unterschiedliche Generationen beziehen. Das Ergebnis ist relativ eindeutig: Jede Generation nimmt die Materialien anders wahr – und stellt damit besondere Herausforderungen an die Designer*innen und Entwickler*innen der Fahrzeugkabinen der Zukunft.

Abbildung 1: Materialwand auf der IAA Mobility in München. (Quelle: Fraunhofer IAO)
Abbildung 1: Materialwand auf der IAA Mobility in München. (Quelle: Fraunhofer IAO)

Generation Alpha (2010 – 2025) & Z (1997 – 2010): Aus Alt mach Neu

Die junge Generation hat ein völlig neues Verständnis von Luxus und Wertigkeit. Immaterielle Dinge werden wertvoller empfunden als materielle Güter und so stehen die Gesundheit und das Wohlbefinden stark im Fokus. Durch ihr umweltfreundliches Bewusstsein wirkt diese Generation proaktiv bei der Bewältigung der Klimakrise mit. Das geht mit einem Verlangen nach neuen, nachhaltigen Materialien einher. Das Farb- und Materialkonzept namens »Transform« (Abbildung 2) bedeutet, alte Materialien und Müll in neue Produkte zu verwandeln, um somit neue Luxusgüter zu schaffen, die massen- und alltagstauglich im Sinne der Nachhaltigkeit sind. Style trifft hier auf ressourcenschonendes Design, das zum Umweltschutz beiträgt. Das neue Verständnis der Wertigkeit spiegelt sich in der Materialität und Farbigkeit wider. Offensichtliches Upcycling wird wertig interpretiert. Die Materialgruppe der Kunststoffe erlangen optisch durch neue Zusammensetzungen eine neue wertige Form. So wird beispielsweise aus altem Kaffeesatz oder aus Ozeanplastik ein neues Verbundmaterial. Die Farbwelt des Konzepts ist eher zurückhaltend. Beruhigende Pastelltöne wie Flieder, Mintgrün und Buttergelb erzeugen eine weiche und einfache Ästhetik.

Das bedeutet für die Designer*innen, bestehende Ressourcen und Materialien zu nutzen und wiederzuverwenden. Die Aufgabe besteht darin aus diesen Materialein wieder neue ansprechende Oberflächen und austauschbare Kombinationen zu gestalten.

Abbildung 2: Material- und Farbkonzept »Transform«. (Quelle: Fraunhofer IAO)
Abbildung 2: Material- und Farbkonzept »Transform«. (Quelle: Fraunhofer IAO)

Generation X (1966 – 1980) & Y (1981 – 1995): Less but better

Diese Generation ist offen für den Wandel hin zu nachhaltigen Ideen. Dies äußert sich in zurückhaltenden und gewissenhaften Konsum von hochwertigen und zeitlosen Produkten und Besitztümern. »Less but better« lautet die Devise mit einer verantwortungsvollen Ausdrucksform und der Verwendung von Materialien in ihrer reinsten Form. Das Konzept namens »Pure« (Abbildung 3) beschreibt diesen simplen nachhaltigen Gedanken in Form des Materials Textil. Stoffe aus 100 Prozent reinen und kreislaufförmigen Zusammensetzungen (Monomaterialien) wie Bio-Baumwolle, Hanf, Brennnessel oder Bananatex spiegeln den naturbelassenen, echten und zurückhaltenden Charakter wider. Die Farben beschränken sich demnach auf die natürlichen, schönen Brauntöne der menschlichen Haut, sowie Töne in Beige, Karamell, Bronze und Tabak. Selbst bei der Oberflächenbearbeitung in Form von Stickereien mit organischen Mustern und Texturen wird auf die Sortenreinheit der Materialien von Garn und Stoff geachtet, um das Cradle to Cradle Prinzip zu erfüllen. Die Verantwortung der Designer*innen bei der Gestaltung liegt darin, reine Materialien bzw. Materialkombinationen zu verwenden, die am Ende der Nutzung wieder recycelt, also dem Kreislauf wieder zugeführt werden können.

Abbildung 3: Material- und Farbkonzept »Pure«. (Quelle: Fraunhofer IAO)
Abbildung 3: Material- und Farbkonzept »Pure«. (Quelle: Fraunhofer IAO)

Generation Babyboomer (1956 – 1965): Qualität und Personalisierung

Die Generation der Babyboomer ist erfahrungsgemäß traditionsverbunden und legt besonderen Wert auf hohe Qualität. Das Thema der Personalisierung spielt eine große Rolle, denn das Bedürfnis, sich von der Masse abzuheben, wird hierdurch möglich. Im Konzept namens »Individual« (Abbildung 4) werden traditionelle, altbekannte Materialien im Fahrzeuginnenraum wie Holz und Leder neu interpretiert. Im Wandel der Zeit bedeutet das, dass diese unter nachhaltiger Berücksichtigung umgesetzt und bearbeitet werden. Der nachhaltige Fokus liegt hierbei auf einheimischen Hölzern ohne chemische Oberflächenbehandlung, alternativen Lederarten wie beispielsweise Olivenblattgegerbtes Premiumleder und recycelten Metallen. Die Materialkombination ist austauschbar und individuell gestaltet, sodass sie sich ersetzen und am Ende vollständig sortenrein recyceln lässt. Kräftige, warme Farben wie Olive, Terrakotta und Bordeaux prägen dieses Konzept und haben dank ihrer Tiefe und der Materialoberflächen eine Premium-Qualität. Muster mit klaren Linien und geometrischen Formen unterstreichen zusätzlich die Individualität.
Es kommt also darauf an, den Einsatz der geliebten Materialien im Fahrzeuginnenraum wie Leder und Holz hinsichtlich der Nachhaltigkeit zu hinterfragen und demnach durch nachhaltige Alternativen zu ersetzen.

Abbildung 4: Material- und Farbkonzept »Individual«. (Quelle: Fraunhofer IAO)
Abbildung 4: Material- und Farbkonzept »Individual«. (Quelle: Fraunhofer IAO)

Zeit zu reagieren! Hochwertiges Design mit nachhaltigen Materialien kombinieren

Die drei Farb- und Materialkonzepte der unterschiedlichen Generationen verdeutlichen, dass Nachhaltigkeit und Luxus etwas ganz anderes bedeuten können, je nachdem welche Zielgruppe man anspricht. Entsprechend werden auch andere Anforderungen an die Materialien im Innenraum gestellt. Es gilt also, nachhaltige Materialien mit einem zielgruppenspezifischen und hochwertigen Design zu kombinieren. Der Einsatz von austauschbaren, recyclingfähigen Elementen im Innenraum und Materialien aus nachwachsenden oder recycelten Rohstoffen, die der Wertschöpfungskette wieder zugefügt werden können, leistet nicht nur einen Beitrag für den Ressourcen- und Klimaschutz, sondern erfüllt die Bedürfnisse der zukünftigen Zielgruppen der Automobilindustrie. Wer die kommenden Konsumentengenerationen für sich gewinnen will, muss auch den Fahrzeuginnenraum im Sinne einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft denken. Wenn Nachhaltigkeit zum Motiv der Kaufentscheidung wird, kann es auch für Unternehmen kein »weiter so« geben. Gleichzeitig bieten neue, nachhaltige Designkonzepte den Fahrzeugherstellern die Chance, auch über den Antrieb hinaus vom Teil des Problems zum Teil der Lösung zu werden.

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