Perspektiven Made in Germany: Wie Ko-Kreation zum Standortfaktor für das Innovationsland Deutschland werden kann

Blogreihe Ko-Kreation und Innovation
In unserer Blogreihe »Ko-Kreation und Innovation« gehen wir der Frage nach, warum es mehr Perspektivenvielfalt im Innovationsprozess braucht, was Ko-Kreation eigentlich ist und welche Mehrwerte sie Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen bietet. Wir sprechen über die Voraussetzungen, die für erfolgreiche Ko-Kreation erforderlich sind und darüber, wie man unterschiedliche Menschen erreicht und motiviert, um sich und ihre Perspektiven in Innovationsprozesse einzubringen. Unser Ziel dabei: Den Innovationsstandort Deutschland stärken!

EFI, die Expertenkommission Forschung und Innovation der Bundesregierung, untersucht einmal im Jahr die technologische und innovationsbezogene Leistungsfähigkeit Deutschlands. In diesem Jahr urteilte EFI: Deutschland zeige in der Entwicklung von digitalen Technologien erhebliche Schwächen, es bestehe die Gefahr, den Anschluss an China, die USA, Korea und Co. zu verlieren, man könne gar den Vorsprung gefährden, den Deutschland in Bereichen wie der Produktionstechnologie, der Bio- und der Lebenswissenschaften derzeit habe. Deutschland habe ein drastisches Digital- und in der Folge ein Innovationsproblem. Das ist keine Kleinigkeit, denn ohne „made in Germany“ machen wir uns abhängig von anderen Regimen – und wir alle spüren gerade, was das bedeutet. Mittel- und langfristig gefährden wir damit nicht weniger als unseren Wohlstand sowie die Transformation hin zu einer klimaneutralen Gesellschaft und Wirtschaft. Wie kommen wir also raus aus der Misere?

Made in Germany in der Krise: Der Weg aus der Misere

Die EFI formuliert eine ganze Reihe an Empfehlungen, von der Entwicklung einer neuen und umfassenden Forschungs- und Innovationsstrategie bis hin zur systematischen Definition von Schlüsseltechnologien und ihrer gezielten Förderung. Zudem legt die EFI der Politik den Ansatz der Neuen Missionsorientierung ans Herz, um große gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen. Die Politik soll sogenannte Missionen und zu erreichende Transformationsziele formulieren, die mit Hilfe von konkreten Forschungs- und Innovationsprojekten, politischen Maßnahmen und entsprechender Rahmensetzung erreicht werden sollen. Dazu braucht es eine agile Politik, die langfristig plant und sich kurzfristig an die Gegebenheiten anpassen kann, die Raum zum Experimentieren gibt und lernen will.

Innovationsproblem an der Wurzel packen: Auch mit Hilfe von Perspektivenvielfalt

Die EFI will mit ihren Empfehlungen also nicht nur Symptome kurieren, sondern geht an die Wurzel unseres Innovationsproblems. Ein Aspekt kommt dabei – zumindest im aktuellen Gutachten – zu kurz, der in meinen Augen größere Aufmerksamkeit verdient: Perspektivenvielfalt in Politik, Wirtschaft, Forschung und Entwicklung als Motor von Innovation. Mit Perspektivenvielfalt ist gemeint, dass unterschiedliche Meinungen, Wertvorstellungen, kulturelle Praktiken, Lebenserfahrungen und Lebensrealitäten in den Innovations- und Schaffensprozess eingebunden werden. Diese können im Geschlecht, im Alter, im kulturellen Hintergrund, in der körperlichen Verfassung, in der Sozialisation, dem sozial-politischen Milieu, im Wohnort und in vielen weiteren Merkmalen begründet liegen. Ziel ist es dabei, durch das Zusammenbringen unterschiedlicher Sichtweisen kreativere und bessere Lösungen zu entwickeln. In Unternehmen beschreibt man diese anzustrebende Perspektivenvielfalt häufig mit dem Begriff Diversität, bei politischen Planungsprozessen mit Beteiligung.

Perspektivenvielfalt: Was bringt sie wirklich?

Spätestens jetzt klingeln bei dem einen oder der anderen unter Ihnen die Alarmglocken. Scheitern öffentliche Projekte wie beispielsweise der Bau von neuen Windparks nicht oft genug am Widerstand, der sich in Beteiligungsprozessen formiert? Und sind heterogene Innovationsteams tatsächlich leistungsfähiger? Immerhin sind die FuE-Abteilungen in Unternehmen sowie der Wissenschaftsbetrieb seit jeher männlich dominiert – mit durchaus vorzeigbaren Erfolgen in den vergangenen Jahrzehnten. Bringt Perspektivenvielfalt tatsächlich einen Mehrwert?

Die theoretischen Erklärungsversuche sind in beide Richtungen plausibel. Die einen meinen, die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven wäre zeitintensiv und befördere Konflikt, sodass die Produktivität leide. Die andere Seite argumentiert, mit der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Blickwinkeln würden Lernprozesse angeregt und damit die Kreativität sowie Quantität und Qualität von Lösungsansätzen gefördert. Die empirische Forschung kommt mit Blick auf die Perspektivenvielfalt im Sinne der (geschlechterbezogenen) Diversität in Unternehmen zu keinem einheitlichen Schluss. Manche Studien finden positive, manche negative und die meisten Studien finden keine statistisch signifikanten Zusammenhänge. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Öffnung von Innovationsprozessen in Organisationen für externe Akteure und bei der Beteiligung von Bürger*innen in der Stadtentwicklung.

Perspektivenvielfalt und wirtschaftlicher Erfolg: Zusammenhänge sind schwer zu messen

Woran liegt das? Zum einen ist es nicht so einfach, ein umfangreiches Konstrukt wie Perspektivenvielfalt wissenschaftlich zu erfassen. Zum anderen können Innovations- und Beteiligungsprozesse sowie Unternehmen als Ganzes kaum unter Laborbedingungen untersucht werden. Es verändern sich kontinuierlich mehrere Faktoren, die teils miteinander in Wechselwirkung stehen. Auch die äußeren Rahmenbedingungen sind nicht konstant. Damit wird es schwer, die Bedeutung eines einzelnen Faktors wie beispielsweise der Perspektivenvielfalt für die Innovationsfähigkeit oder für den wirtschaftlichen Erfolg zu ermitteln. Darüber hinaus ist eine Korrelation nicht gleichzusetzen mit einer Kausalität. Finden Studien einen korrelativen Zusammenhang zwischen Perspektivenvielfalt und Innovationsfähigkeit oder wirtschaftlichem Erfolg, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass die Perspektivenvielfalt der Grund für den Erfolg ist.

Neben Perspektivenvielfalt braucht es auch eine konstruktive Auseinandersetzung damit

Warum plädiere ich dennoch für mehr Perspektivenvielfalt? Erstens sollte es in einer demokratischen Gesellschaft, in der alle Menschen per Verfassung gleich sind, der Standard sein, auch die Perspektiven abseits der (gefühlten) Mehrheitsgesellschaft einzubinden. Zweitens bedeutet das Nicht-Finden eines statistisch signifikanten Zusammenhangs in einzelnen Studien nicht, dass es diesen Zusammenhang nicht gibt, sondern womöglich nur, dass dieser schwer zu messen ist. An dieser Stelle ist also weiterführende Forschung gefordert. Und drittens kann Perspektivenvielfalt natürlich nur die zwingend notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung sein. Damit aus einer Möglichkeit, durch die Sicht eines anderen zu lernen, auch tatsächlicher Lernerfolg entsteht, braucht es neben dem bloßen Vorhandensein unterschiedlichen Perspektiven einen entsprechenden Rahmen, geeignete Werkzeuge, Methoden und Prozesse, um eine offene, aufrichtige, wertschätzende und konstruktive Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Perspektiven zu ermöglichen. Nur wenn ernsthafter Austausch in einer vertrauensvollen Atmosphäre stattfindet, können Perspektivwechsel und Lernen stattfinden, können gemeinsam kreativere und bessere Lösungen gefunden werden. In diesem Sinne möchte ich mein Plädoyer noch ergänzen: Um die Innovationskraft des Standorts Deutschland zu verbessern, braucht es mehr Perspektivenvielfalt sowie Raum, Rahmen und Methoden, die die konstruktive Auseinandersetzung mit anderen Sichtweisen fördern.

Die Welt mit Hilfe von Ko-Kreation mit anderen Augen sehen

Damit wir die Welt mit anderen Augen sehen, lernen und bestehende Probleme kreativer und besser lösen können, setzen wir in unserem Projekt Smart Campus Initiative auf Ko-Kreation in der Dienstleistungsentwicklung. Wir setzen in sämtlichen Phasen des Prozesses – von der Co-Exploration über die Co-Innovation bis hin zur Co-Conzeptualization – auf die Einbindung unterschiedlicher Akteure, geben dem Austausch von Perspektiven Raum und Rahmen, fördern die konstruktive Auseinandersetzung mit und Verhandlung von Positionen und fördern damit systematisch Verständigung und Lernen, um kreativere, bessere und mehr Lösungen für eine konkrete Fragestellung zu entwickeln.

Doch wie funktioniert Ko-Kreation überhaupt? Wie schafft man Raum und Rahmen für die konstruktive Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Blickwinkeln? Welchen Mehrwert bietet Ko-Kreation für private und auch öffentliche Unternehmen, klein und groß? Welche Voraussetzungen braucht es? Und wie erreicht und motiviert man andere Personen, sich in ko-kreativen Formaten einzubringen? Diesen und weiteren Fragen gehen wir in unserer Blog-Reihe zur ko-kreativen Innovation nach. Wenn Sie also neugierig geworden sind, schauen Sie in drei Wochen wieder hier vorbei.

Lassen Sie uns gemeinsam den Innovationsstandort Deutschland stärken!

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Veronika Prochazka

Veronika Prochazka

Teamleiterin am Fraunhofer IAO. Seit Mitte 2019 wirkt sie am Aufbau des neu gegründeten Forschungs- und Innovationszentrums KODIS in Heilbronn mit und leitet das Team Public Service Innovation. Sie begeistert sich für Fragen der kommunalen Daseinsvorsorge und für die Möglichkeiten, die die Digitalisierung dafür bietet. In ihrer Freizeit fährt sie gern mit dem Rad von See zu See.

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