Praxistest: Was Blockchain heute leisten kann – und was nicht

Wissenschafts­jahr 2019: Künstlicher Intelligenz
Wissenschafts­jahr 2019: »Künstlicher Intelligenz« Die Arbeitswelten der Zukunft werden entscheidend von der Entwicklung Künstlicher Intelligenz geprägt sein. Das Wissenschaftsjahr 2019 wird sich mit den Chancen und Herausforderungen dieser Technologie auseinandersetzen.

Die Blockchain-Technologie gehört zu den großen Verheißungen der digitalen Transformation: Für die einen ist sie dezentraler Heilsbringer für Transaktions- und Verschlüsselungsprobleme, für die anderen die Zukunft des Zahlungsverkehrs und für die Dritten schlicht eine digitale Marketing-Blase. Für uns Fraunhofer-Forscher ist sie zunächst einmal eine Hypothese, die den praktischen Wirksamkeitsbeweis erst noch erbringen muss – und daran arbeiten wir.

Eine Blockchain ist eine verschlüsselte dezentrale Datenbank, die Transaktionen in so genannten »Blocks« dokumentiert und chronologisch erweitert. Aus den einzelnen Datenblöcken entsteht mit jedem neuen Block eine Kette, eine Blockchain, die dank Kryptografie Transaktionen, Rechte oder Beträge eindeutig festhält. Zu den teils realen teils noch vermuteten Vorteilen der Technologie gehören im Wesentlichen:

  • Datensicherheit durch kryptografische Verfahren und mehrfache dezentrale Datenspeicherung
  • Einfache Verifizierbarkeit von Rechten, Transaktionen und Identitäten
  • Neue Möglichkeiten des anonymisierten Datenmanagements, beispielsweise im Rahmen von Industrie 4.0
  • Sichere Interaktionsmöglichkeiten über Unternehmensgrenzen hinweg, mit abgesicherten Zugriffsmöglichkeiten

In der Praxis tauchen jedoch gravierende Hürden auf, die ernste Zweifel aufkommen lassen, ob Blockchain tatsächlich zum neuen Paradigma des Datenmanagements werden kann.

Nötig, hilfreich, aber auch praktikabel? Das Blockchain-Pilotprojekt mit dem UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees)

Für Menschen, die nichts mehr haben, außer das eigene Leben, ist der Nachweis ihrer Identität überlebenswichtig: Für geflüchtete Menschen bedeutet eine gesicherte Identität nicht nur die Dokumentation ihrer Herkunft, um als Geflüchteter anerkannt zu werden, sondern vor allem den Zugang zu den Möglichkeiten der Integration und des Wiederaufstiegs. Der Identitätsnachweis ist der Schlüssel zur Integration in den Arbeitsmarkt, zur Anerkennung von Ausbildung, ja selbst für den Abschluss eines Mobilfunkvertrags oder der Eröffnung eines Bankkontos. Nach Angaben der Weltbank besitzen jedoch mehr als 1 Milliarde Menschen weltweit keine Ausweispapiere mehr, teils, weil eine Ausstellung durch die Autoritäten im Heimatland unmöglich wurde, teils, weil Regierungen deren Ausstellung verweigern oder sogar Pässe einziehen, teils wegen der Fluchtumstände.

Vor diesem Hintergrund kooperieren das Team Identitätsmanagement des Fraunhofer IAO und das UNHCR bei der Untersuchung, wie neue Technologien wie Blockchain und Distributed Ledger die Arbeit des UNHCR unterstützen können. Nach der Ausarbeitung und Bewertung verschiedener Anwendungsfelder für diese Technologien, wurde das Identitätsmanagement für Flüchtlinge als Pilot-Use Case ausgewählt. Mittels einer Smartphone App sollen Flüchtlinge dann in der Lage sein, ihre Identität und wichtige Dokumente wie Schulabschlüsse zu managen und bei Bedarf nachzuweisen. Derzeit läuft hierzu die Auswahl von Technologieprovidern, welche ein Pilotprojekt in den voraussichtlichen Zielländern Jordanien, Kenia und Mauretanien umsetzen sollen. Start der Implementierung ist voraussichtlich der Sommer dieses Jahres.

Für uns als Wissenschaftler ist neben der praktischen Hilfeleistung für Menschen in Not natürlich der Wissensgewinn und die Übertragbarkeit der gewonnenen Erkenntnisse in andere Bereiche entscheidend.

Wissenstransfer: Identitätsmanagement für die unternehmerische Praxis

Bei dem Projekt zeichneten sich schnell praktische Hindernisse ab, die die grundsätzlichen Mehrwerte der Blockchain-Technologie zwar nicht in Frage stellen, aber dennoch so gravierend für den Erfolg erscheinen, dass der praktische Einsatz der Technologie hinterfragt werden muss. Blockchain setzt leistungsfähige Netze voraus, die große Datenmengen verarbeiten können – schon das ist in den meisten Weltregionen mit hohem Flüchtlingsaufkommen nicht gegeben. Selbst hierzulande existiert noch eine digitale Diaspora, die Blockchain in manchen Regionen nicht praktikabel erscheinen lässt. Die Technologie funktioniert, aber die Welt ist noch nicht bereit. Es ist durchaus möglich, dass sich am Ende unserer Untersuchung eine alternative technische Infrastruktur als passender für dieses Projekt erweist, beispielsweise eine Cloud-basierte smarte Lösung, die mit der real existierenden Netzstruktur in entlegenen Weltgegenden besser zurechtkommt.

Auch für praktische Blockchain-Anwendungen im Unternehmenskontext hierzulande gilt, dass die Rahmenumstände über den Sinn oder Unsinn einer Blockchain-Anwendung entscheiden. In vielen Fällen dürfte eine Blockchain noch überdimensioniert sein, weil andere technische Eckwerte ihre Anwendung erschweren oder ein alternatives technisches Szenario noch leistungs- und aufwandsgerechter erscheint.

Die Wirksamkeit einer Technologie wird immer von ihrem praktischen Reifegrad bestimmt. Wenn Sie mehr über aktuelle Blockchain Use Cases und sinnvolle Praxisanwendungen erfahren wollen, besuchen Sie unsere Veranstaltung »Blockchain: Was bleibt vom Hype für die Praxis?« am 14. Mai 2019 in Stuttgart.

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