Jobwunder lernende Organisation? Gestaltungsmöglichkeiten in der Arbeitswelt 4.0

Auch in der digitalisierten Zukunft benötigen Unternehmen eine ausreichende Anzahl an Arbeitskräften mit passender Qualifikation. Da Personalentwicklung langwierig ist, müssen Unternehmen die Weichen für die eigene Zukunft in der digitalen Transformation heute stellen. Trotz aller Volatilität zukünftiger Beschäftigungsszenarien sind die Gestaltungsräume hierfür größer, als es die Debatten um Arbeitsplatzverluste oder -gewinne vermuten lassen.

Neue Gestaltungsräume durch Innovativität

Vollbeschäftigung, Arbeitskräftemangel oder Arbeitslosigkeit – die Gesamtbilanz der Beschäftigungswirkung durch die digitale Transformation ist kein automatischer Ablauf, sondern ein Gestaltungsraum: Neue, innovative Geschäftsmodelle werden mehr und hoch qualifizierte Beschäftigung fördern. Produkte und Dienstleistungen mit nutzenstiftenden Innovationen nah am Kunden werden neue Nischen und Märkte sowie Chancen für datenbasierte, individualisierte, nachhaltige und menschengerechte Leistungen eröffnen. Die Vorreiter, die ein innovatives Geschäftsmodell als erste auf den Markt bringen, schaffen neue Nachfrage und neue Arbeitsplätze. Für einen Innovationswettbewerb ist die Wirtschaft in Baden-Württemberg gut aufgestellt. Werden aber die Chancen verschlafen, überraschen uns andere Unternehmen mit innovativen Geschäftsmodellen, schrumpft der Absatz und Arbeitsplätze gehen verloren. Denn ein Teil der bisherigen Geschäftsmodelle wird wegbrechen.

Der größte Hebel für eine positive Beschäftigungsentwicklung an der Schwelle zur Industrie4.0 sind deshalb innovative Geschäftsmodelle mit Produkten und Dienstleistungen, die es so bisher nicht gab. Die Unternehmen brauchen den Willen zur kundenorientierten Sprunginnovation. Die derzeit noch gut laufenden Geschäfte vieler Unternehmen hierzulande könnte als eine Art »Transformationsdividende« genutzt werden, um die eigene digitale Neuaufstellung zu finanzieren und so den Übergang in die digitale Moderne zu meistern.

Qualifizierung als Strategie gegen den Fachkräftemangel

Im Zuge der drastischen Umwälzung unserer Arbeitswelt steht für fast die Hälfte der Beschäftigten eine umfassende Anpassung der Fachkompetenz bevor. Auch die Beschäftigten in den weniger betroffenen Berufen brauchen neue Qualifikationen, insbesondere IT-Kenntnisse, weil die digitalen Technologien auch ihre neuen Arbeitsmittel sein werden. Da vor allem einfache Tätigkeiten automatisiert werden, stellen die zukünftigen Tätigkeiten nicht nur andere, sondern auch insgesamt höhere Qualifikationsanforderungen.

Ein Mangel an Fachkräften ist dadurch absehbar, nicht nur was IT-Experten betrifft. Ihm steht ein Überschuss an Niedrigqualifizierten gegenüber, die weitergebildet werden könnten, um dieses Ungleichgewicht zu beheben.

Weiterbildung im Tagesgeschäft liegt im Interesse von Unternehmen und Beschäftigten

Die vierte industrielle Revolution muss vor allem mit der vorhandenen Belegschaft umgesetzt werden, da andere Arbeitskräfte im demografischen Wandel nicht verfügbar sind. Mehr und bessere Qualifizierung für alle Beschäftigten, unabhängig von Alter oder Unternehmensebene, ist daher die sicherste Vorsorge. Entsprechend sollte jedes Unternehmen seine Beschäftigten im eigenen Interesse weiterentwickeln, damit sie sich auf die neuen Herausforderungen einstellen können. Dazu braucht es vor allem eine Qualifizierung im Tagesgeschäft.

Für die neu entstehenden Aufgaben können genau die Menschen qualifiziert werden, die durch die strukturelle Veränderung frei gesetzt werden.

Weiterbildung liegt aber auch im Eigeninteresse jedes einzelnen Beschäftigten, denn Qualifikation ist der entscheidende individuelle Wettbewerbsfaktor auf dem Arbeitsmarkt. Aktive und frühzeitige Qualifizierung und lebenslanges Lernen erschließt die Chance auf persönliche Weiterentwicklung, interessante Aufgaben und gute Bezahlung. Für Arbeitnehmer wie für Unternehmen gilt: Wer abwartet, bis er von den Umständen zum Handeln gezwungen wird, fällt zurück.

Die agile, lernende Organisation als Chancengeber

Viele Unternehmen haben derzeit noch keine Ideen für wirklich innovative Geschäftsmodelle, die über eine Digitalisierung der bisherigen Leistungen hinausgehen. Das ist nicht verwunderlich, sind doch die zukünftigen Technologien und Märkte erst in groben Umrissen erkennbar.

Deshalb sollten Unternehmen den Schwerpunkt zunächst auf den Umbau hin zum agilen, lernenden Unternehmen legen und sich so die Möglichkeit schaffen, flexibel auf kurzfristige Trends und Notwendigkeiten der Beschäftigungssituation reagieren zu können. So werden Mitarbeiter und Neueinsteiger bedarfsgerecht qualifiziert und auftauchende Chancen können schnell genutzt werden.

Einblicke, wie beteiligungsorientiertes Lernen in der Praxis funktioniert, bieten sich übrigens bei der Abschlusskonferenz »Zukunftsprojekt Arbeitswelt 4.0« am 7. Oktober im Haus der Wirtschaft in Stuttgart. Ich lade Sie herzlich dazu ein, zu diesem sowie zu den weiteren Themen meiner Blogreihe rund um die Arbeitswelt 4.0 (Agile Unternehmen, digitale Transformation, Mensch-Maschine-Verhältnis…) tiefer einzusteigen und in den Dialog zu kommen – ich freue mich auf den Austausch mit Ihnen!

So geht es weiter

In der Blogreihe »Arbeitswelt 4.0« zeigen wir auf, was sich verändert, welche Handlungsmöglichkeiten für Unternehmen resultieren und worauf sie im Veränderungsprozess achten sollten. Dargestellt werden Ergebnisse aus dem Projekt »DIALOG ARBEITSWELT 4.0 IN BADEN-WÜRTTEMBERG«. In diesem Projekt haben wir erforscht, wie kleine und mittelständische Unternehmen im Ländle ihre führende Position in den kommenden Jahren verteidigen können. Das Projekt wurde vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg gefördert und gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Soziologie der Universität Hohenheim bearbeitet.

Mein abschließender Beitrag in der Blogreihe »Arbeitswelt 4.0« wird in wenigen Tagen erscheinen.

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