Lebensmittelverwendung statt -verschwendung: Plädoyer für eine neue Partnerschaft zwischen Kommunen und Endverbraucher*innen

Klimacheck – Blogreihe zum betrieblichen Klimaschutz

Klimacheck – Blogreihe zum betrieblichen Klimaschutz
Klimaschutz ist ein spannendes sowie komplexes Thema zugleich und stellt Unternehmen und insbesondere KMU vor Herausforderungen, Fragezeichen und nicht zuletzt zukunftsweisende Chancen. Die interdisziplinäre Arbeitsgruppe »Klima-Impact« des Fraunhofer IAO hat die Blogreihe »Klimacheck« gestartet, um Orientierung zum Thema betrieblicher Klimaschutz zu geben und Unternehmen anhand von Handlungsempfehlungen und Praxisbeispielen zu ermutigen, ihren Beitrag für eine klimabewusste Zukunft zu leisten.

In Deutschland werden jedes Jahr ca. 18 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen – knapp 7 Millionen Tonnen durch private Haushalte. Mehr als 50 Prozent dieser Abfälle wären jedoch vermeidbar – wenn Kommunen und Bürger*innen für eine bessere Verwertung vor Ort systematisch kooperieren würden.

In Anbetracht der massiven Auswirkungen der Lebensmittelverschwendung auf das Weltklima und den Welthunger müssen Politik und Wirtschaft aktiv werden und den Rahmen gestalten, der Bürger*innen pragmatische Schritte zur besseren Lebensmittelverwendung ermöglicht. Als gutes Beispiel geht hier Frankreich voran. 2016 wurden Supermärkte mit einer Ladenfläche von mehr als 400 Quadratmetern verpflichtet, unverkaufte Lebensmittel an Tafeln oder andere gemeinnützige Organisationen zu spenden. Von 2015 bis 2017 stieg die Menge der Lebensmittel, welche die französischen Tafeln von den Supermärkten erhielten, um fast 19 Prozent. Auch die Bundesregierung möchte sich dem Problem annehmen und hat im Februar 2019 eine »Nationale Strategie zur Verringerung von Lebensmittelabfällen« beschlossen, mit dem Ziel Lebensmittelabfälle bis 2030 zu halbieren. Aber auch auf lokaler Ebene kann viel getan werden. Das beste Beispiel sind die Tafeln, welche jährlich ca. 265.000 Tonnen Lebensmittel retten und an Bedürftige verteilen. Auch Initiativen wie Foodsharing-Gruppen, »Fair Teiler«-Kühlschränke und digitale Plattformen zum Retten und Teilen von Lebensmitteln setzen ein Zeichen gegen Verschwendung.

Dieses Zeichen könnte allerdings durch eine offensivere Thematisierung des Problems und gemeinsame Kraftanstrengung zu dessen Lösung noch bedeutsamer werden.

Verwerten statt Entsorgen: Kommunale Partnerschaften

Kommunen tragen die Hauptverantwortung für das Abfallmanagement und die kommunale Abfallberatung. Sie sind damit entscheidende Akteure im Erzeugen von Aufmerksamkeit für das Problem und in der Stärkung von existierenden Maßnahmen und Initiativen zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung. Diese müssen auch in der Wahrnehmung von Bürger*innen, ortsansässigen Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen noch stärker hervorgehoben werden. Durch Kooperation von lokalen Nahrungsmittelproduzenten, dem Lebensmitteleinzelhandel sowie dem Ernährungshandwerk mit ehrenamtlichen Initiativen, innovativen Start-ups und Forschungsinstituten können Maßnahmen zur effektiveren Planung, Produktion, Transport und Weiterverarbeitung mit dem Ziel der hundertprozentigen Verwendung von Lebensmitteln erarbeitet werden. Zudem kann die Ernährungsbildung in kommunalen Schulen und Kindergärten wertvolle Aufklärungsarbeit leisten und Wertschätzung für Lebensmittel vermitteln. Durch das Etablieren eines stadtübergreifenden Mehrweg-Konzepts können Reste von Restaurants, Gaststätten und Bistros einfacher mit nach Hause genommen, anstatt weggeworfen zu werden. Die Kommunen können also als Impulsgeber agieren, indem sie ein Problembewusstsein schaffen, bestehende Initiativen stärken und das Entwickeln neuer, innovativer Ideen fördern.

Lebensmittelverschwendung ist keine Privatangelegenheit, jedoch zählt jeder Einzelne von uns

Auch, wenn Kommunen viel Einfluss auf ihre Bürger*innen haben, die Motivation, Maßnahmen umzusetzen, muss letztendlich von den Einzelnen kommen. Die Menschen müssen für das Thema Lebensmittelverschwendung sensibilisiert und zu kleinen Verhaltensänderungen angeregt werden. Die Motivation dazu schafft man am besten durch das Berücksichtigen ihrer Bedürfnisse. Diese müssen zuvor analysiert und gezielt adressiert werden. Für innovative Ideen gilt: Wenn sie Bedürfnisse befriedigen, lösen sie positive Emotionen aus und motivieren für eine kontinuierliche Verhaltensänderung. Ist beispielsweise ein entscheidendes Bedürfnis der Bürger*innen zum Thema Lebensmittelverschwendung, den eigenen Einfluss sichtbar zu machen, kann man dieses Bedürfnis ganz bewusst adressieren, indem man z.B. durch Live-Ticker aufzeigt, wie viel Kilogramm Lebensmittel der eigene Haushalt pro Jahr rettet.
Die identifizierten Bedürfnisse der Bürger*innen geben auch Auskunft darüber, wie Kommunen ihre Bürger*innen optimal medial ansprechen sollten (digital, Funk oder Print) sowie auf die Verfügbarkeit des Angebots (jederzeit abrufbar oder eher niederschwellig) und viele weitere Faktoren.

Von der Forschung in die Gemeinde: Wie Kommunen mit ihren Bürger*innen Verschwendung vermeiden können

Das Fraunhofer IAO ist langjähriger Partner vieler Kommunen und arbeitet mit ihnen an der Schnittstelle zwischen Forschung und Anwendung zusammen. Wir analysieren gemeinsam mit unseren Partner*innen in interdisziplinären Teams konkrete lokale Problemstellungen und arbeiten an zielgerichteten Lösungen. Diesen interdisziplinären Ansatz verfolgten auch Sarah Minet, Sabrina Gado, Isabel Thiel und Daria Hornickel – Praktikantinnen des IAO aus dem Team User Experience. Sie untersuchten, wie Kommunen ein breites Interesse für das Thema Lebensmittelverschwendung wecken und in kleinen Schritten zu einem achtsamen und nachhaltigen Umgang mit Lebensmitteln motivieren können. Angelehnt an den UXellence®-Ansatz wurde versucht, Angebote gegen Lebensmittelverschwendung zu entwickeln, welche einfach nutzbar sind, die Bedürfnisse der Bürger*innen berücksichtigen und Spaß bei der Nutzung auslösen.

Das Ergebnis wurde ein Wandkalender für bessere Lebensmittelverwendung im Alltag. Ein Kalender ist ein bekanntes und im Alltag der Zielgruppe häufig genutztes Medium und schließt alle gesellschaftlichen Gruppen ein – nicht nur digital-affine Personen – und kann von den Kommunen mit vorhandenen Ressourcen unkompliziert umgesetzt werden. Gleichzeitig kann er in monatlichen Häppchen für das Thema sensibilisieren, auf Initiativen und Lösungsansätze aufmerksam machen und kleine Tipps und Tricks für weniger Lebensmittelmüll vorschlagen.

Abbildung 1: Kalenderseite Februar: Informationen zum Ressourcenverbrauch von Lebensmitteln.
Abbildung 1: Kalenderseite Februar: Informationen zum Ressourcenverbrauch von Lebensmitteln. (© Fraunhofer IAO)

 

Entstanden ist eine kleine Reise durch den Alltag – von der Diskussion der Problematik, über den eigenen Einkauf, das Zubereiten, Lagern und Verwerten der Lebensmittel. Jeder Abschnitt ist dabei gefüllt mit Ideen und Anregungen, die sich leicht in die gewohnte Routine übertragen lassen, am Ende aber einen beachtlichen Unterschied ausmachen.

Abbildung 2: Kalenderseite August: Informationen zur Lagerung von Lebensmitteln.
Abbildung 2: Kalenderseite August: Informationen zur Lagerung von Lebensmitteln. (© Fraunhofer IAO)

 

Jede Veränderung beginnt mit dem ersten Schritt – auch in Kommunen

Der Kalender unserer Praktikantinnen ist ein Beispiel, wie man mit gängigen Methoden aus unserem Repertoire innerhalb kurzer Zeit nutzerzentrierte Ideen entwickeln und umsetzen kann. Natürlich stellt er nur einen kleinen Schritt auf dem Weg hin zu mehr Lebensmittelwertschätzung dar. Weitere Serviceleistungen oder Produkte sind besonders im regionalen, lokalen und kommunalen Bereich wünschenswert. Kreative Köpfe für innovative Ideen finden sich auf jeden Fall!

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Nektaria Tagalidou

Nektaria Tagalidou

Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Mensch-Technik-Interaktion. In ihrer Arbeit befasst sich die Psychologin mit Themen rund um die Gestaltung von positiver User Experience und menschzentrierter KI. Dabei ist eines immer im Vordergrund: Der Mensch und seine Bedürfnisse!

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