Was berufliche Bildung mit der Energiewende zu tun hat

Die Entwicklungen der vergangenen Monate haben die unbedingte Bedeutung einer nachhaltigen Energiewende nochmals dramatisch verdeutlicht. Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene wird hektisch nach alternativen Energielieferanten gesucht. Vonseiten der Bürgerinnen und Bürger explodieren z. B. Nachfragen nach Wärmepumpen, Kundinnen und Kunden werden um Jahre vertröstet. Wir spüren schmerzhaft unsere fatale Abhängigkeit von extern eingekauften Energieströmen und die Politik agiert vielfältig. Wir müssen feststellen, dass viele Veränderungen infrastrukturelle Voraussetzungen haben, die nicht über Nacht implementiert bzw. nachgeholt werden können. Nicht zuletzt brauchen wir Menschen, die z. B. nachfragende Haushalte beraten, Infrastrukturen wie Wallboxen verlegen und anspruchsvolle Energiemanagementkonzepte implementieren können. Personen also, die zu einem nicht unerheblichen Teil aus dem elektrotechnischen Gewerbe bzw. Handwerk kommen.

Das InnoVET- Projekt BexElektro
Das InnoVET-Projekt BexElektro wurde im Dezember 2020 mit weiteren 9 Partnern gestartet. In diesem Projekt werden wir uns mit den beschriebenen Fragen aus der Perspektive eines Verbundprojektes im Bereich der Elektromobilität/regenerativer Energie/Smart Home beschäftigen und beispielhafte Lösungen erarbeiten und evaluieren. Wir werden an dieser Stelle in den folgenden Monaten über Ansätze und Erfahrungen im Umgang mit den im Folgenden skizzierten Herausforderungen in regelmäßiger Folge berichten.

Und damit sind wir mittendrin in Themen des Fachkräftemangels und Strategien zu deren Bekämpfung. Berufliche Bildungskonzepte spielen dabei eine zentrale Rolle. Im Bereich der beruflichen Bildung hat die Pandemie ebenfalls breite Spuren hinterlassen, die bereits in einem ersten Blogbeitrag zum Projekt im Herbst letzten Jahres aufgegriffen wurden. Die Verschärfungen durch die Ukraine-Krise und jene durch Corona verstärken die Erkenntnis, dass die durch Dekarbonisierung und Digitalisierung getriebenen Transformationsprozesse nur dank gutausgebildeter Fachkräfte erfolgreich zu bewältigen sein werden. Dieser Blogbeitrag liefert Ihnen ein kurzes Update zur Ausgangssituation mit dem Fokus auf dem Handwerk bzw. kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), gefolgt von einer Benennung der wesentlichen Aspekte beruflicher Entwicklungskonzepte, an denen wir konkret arbeiten und die mit dieser Blogreihe nachfolgend vertieft werden sollen.

Der Fachkräftemangel hat sich verstärkt

Vom Fachkräftemangel sind vor allem Bau und Ausbau, SHK-, Heizung- und Elektro-Installation und das Kfz-Handwerk betroffen. 2019 wurden rund 140.000 unbesetzte Stellen für Fachkräfte gemeldet, 2020 waren es ca. 120.000. In den energierelevanten Bereichen Energietechnik, Elektrotechnik und Klimatechnik wurden laut der Bundesagentur für Arbeit im Jahr 2020 zeitweise ca. 21.400 Fachkräfte gesucht. Dabei befindet sich gerade das Handwerk in einer noch unkomfortableren Situation: Eine Erhebung des ZDH zeigt, dass im Gesamthandwerk im Jahr 2020 44 Prozent der Betriebe fachlich qualifizierte Mitarbeiter suchten, aber nur 22 Prozent fündig wurden.

Diese Situation unbesetzter Stellen können wir aus eigenen Erhebungen in unserem bundesweiten InnoVET-Projekt BexElektro bestätigen. Sie stellen ein echtes Wachstumshemmnis dar und bedrohen mittelfristig auch die Existenz der Unternehmen in einem eigentlich boomenden Markt. Das bestärkt die Aussage von Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, der bereits vor der Ukraine-Krise zu Protokoll gegeben hatte, dass die geplanten Beschlüsse zum Klimaschutz ins Leere zu laufen drohen, wenn die Politik nicht gleichzeitig alles in die Wege leite, um die berufliche Ausbildung zu stärken und wieder mehr Jugendliche dafür zu gewinnen.

Schlüsselbedeutung beruflicher Bildung und exzellenter Entwicklungsperspektiven

Der Trend zurückgehender Bewerberzahlen setzte jedoch schon vor Corona ein. Gründe hierfür sind der Drang an die Hochschulen, vor allem aber der durch die Demografie bedingte Rückgang der Schulabsolventinnen und -absolventen. Die duale Berufsausbildung bleibt der wichtigste Schlüssel, um den Fachkräftenachwuchs zu sichern. In Deutschland sind wir (zu Recht) stolz auf unser weltweit bekanntes duales Berufsbildungssystem mit all seinen Stärken: die Betriebsnähe, die Praxisorientierung, die Qualitätssicherung und die hohe Anerkennung bundesweit gültiger Abschlüsse. Dennoch befindet sich dieses System in einer schwierigen Situation, wie nachfolgend deutlich wird.

Herausforderungen der beruflichen Bildung sind vielfältig – strukturell, instrumentell und methodisch

Die Herausforderungen sind vielfältig:

Unzureichende Entwicklungsperspektiven und Karrierechancen:
Nach dem Gesellenbrief folgt die berufliche Praxis, im besten Fall die Meisterausbildung. Firmenintern sind Karrierestufen als Gruppenführer oder Abteilungsleitungen etc. möglich. Eine Vielzahl domänenspezifischer Fachkräfteweiterbildungen und Spezialkurse werden angeboten, jedoch fehlt es bis heute an einer transparenten Einordnung und damit auch individuell verwertbaren Einstufung der damit verbundenen formellen wie informellen Kompetenzen. Dabei wäre mit dem verfügbaren Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) in Anlehnung an den Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR) eine Klassifikation verfügbar.

Schwierige Integrierbarkeit von Fortbildung in den Berufsalltag:
Fortbildung ist auch deshalb schwierig, als die konkrete Auslastung der Personen aufgrund der Nachfragesituation sehr hoch ist und daher im Zweifelsfall der nächste Auftrag wichtiger ist als Fortbildung. Auf der anderen Seite ist die Fortbildung inhaltlich wie motivatorisch wichtig. Modularität und Hybridität der Bildungsangebote sind daher wesentlich, um berufliche Weiterbildung mit dem Berufsalltag verbinden zu können und individuelle Lernpfade zu realisieren. Dazu gehören auch hybride Lern- und Lehrformen.

Mangelnde Durchlässigkeit und Anerkennungsfähigkeit hin zur akademischen Bildung:
Wichtiges bildungspolitisches Ziel ist die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung. Um diese zu realisieren, müssen klare Anrechnungsmodi und –verfahren bestehen, um die Übergänge zwischen beiden Bereichen (intersektoral) zu realisieren als auch innerhalb der einzelnen Systeme (vertikale Durchlässigkeit) zu unterstützen. Hierzu gibt es bisher noch zu wenig anerkannte Verfahren und Berechnungssysteme.

Der Markt für Fortbildung ist sehr unübersichtlich, die Produktentwicklung anspruchsvoll:
Fortbildung ist auch deshalb schwierig, weil der Markt sehr unreguliert ist und es ausgesprochen schwerfällt, im Dschungel unterschiedlichster Anbieter ein passendes, seriöses und bezahlbares Angebot zu finden. Orientierung bieten etablierte Anbieter, die auch in den unterschiedlichen Gewerken bzw. Branchen verankert sind, die anerkannte Abschlüsse beistellen und z. B. mit Kammern kooperieren oder durch diese getragen werden. Aber für die nachfragende Facharbeiterin bzw. den nachfragenden Facharbeiter oder seinen Arbeitgeber ist es nicht einfach, gute und weniger gute Angebote einfach zu identifizieren. Die Anbieter selbst sind in einem Markt unterwegs, der durch eine große Entwicklungsdynamik, eine seit zwei Jahren intensiv gepushte Hybridisierung und damit mit neuen Anforderungen an Produkte und Dozenten sowie weiteres Personal konfrontiert sind.

In den folgenden Blog-Beiträgen rund um das Projekt BexElektro werden wir beispielhafte Lösungsansätze für die genannten Herausforderungen vorstellen. Wir freuen uns auf Ihr Feedback. Der nächste Blogbeitrag zur Rolle der beruflichen Bildungsanbieter folgt am 7. Juli 2022.

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Josephine Hofmann

Josephine Hofmann

Leitet das Team »Zusammenarbeit und Führung« und forscht zum Thema Führungskonzepte und flexible Arbeitsformen. Bloggt am liebsten im Zug und nach inspirierenden Veranstaltungen und Begegnungen.

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1 Kommentar

  1. Sehr geehrte Frau Dr. Josephine Hofmann.
    Es freut mich jedes Mal, wenn ich wieder einen Ihrer Blogbeiträge bei einem guten Kaffee genießen darf.
    Die „lahmende“ Energiewende hat aufgrund der Ereignisse der letzten Wochen wieder enorm Fahrt aufgenommen. Nord Stream 2 ist das steuerfinanzierte „Nasdrowje“ von Frau Schwesig im Namen ihres Ziehvaters auf einer vergangenen Geber-Veranstaltung in Russland nicht wert. „Handel durch Wandel“ darf gekonnt, wie die teuren Rohre, in der Ostsee versenkt werden. Vielleicht darf bald Gas direkt nach Brandburg zu Herrn Musk transportiert werden, ich hab mir sagen lassen, dass der Grundwasser Verlust, schöne Hohlräumer für eine Verlängerung des „Streams“ bieten würde und trotzdem müssen Menschen die aus Länder-Subventionen in Brandenburg arbeiten dürfen nun um Ihren Arbeitsplatz bangen.

    Wir sind, wie immer getrieben des Geldes und deren Besitzer (Wissenschaft, Industrie, Handwerk), die omnipräsente Schere durch unseren gesellschaftlichen Geldbeutel wird von wenigen Menschen geführt.
    Da ist es wichtig, dass Personen (in Ihrem Projektfall Handwerker) gutes Geld verdienen, eine gute Ausbildung erhalten und Chancen haben sich nicht die ganze Woche als „Mitschwimmer“ der Obigen zu fühlen.
    Für einen Spezialisten in den erneuerbaren Konzepten und Techniken ist es wichtig zu erkennen, dass wir in der Vergangenheit keine Reserven aufgebaut haben (Industrie Präsident Zitat: Es brennt jetzt lichterloh), die Energiewende lobbygetrieben schwächelt, Windräder fast gar nicht mehr aufgebaut werden (Abstand Gebäude und Bayern allg.)
    „The man on the moon moment“ Zitat Frau von der Leyen (aka. hat Schmuh betrieben als Verteidigungsministerinen mit Beraterzahlung, mögliche Anklage -> als Dankeschön nach Europa) ist die Pressekonferenz nicht wert, auf der das Debakel stattfand. The new green deal der EU verpufft jetzt schon.

    Wenn in Ihren Ausführungen der Ukraine Krieg erwähnt wird, muss auch erwähnt werden, dass es eine handvoll weiße ältere Herren gibt, die über unser aller Wünsche hin entscheiden, wie die globale Welt sich entwickelt, oder wie Lindner es sagen würde, der Markt es regelt. Die suggerierte Entscheidungshoheit unserseits ist eine Fahne im Wind.
    Ein ernüchterndes weiteres Beispiel sind die BIP Prognosen die wirtschaftliche Weisen „vorraussagen“ und sich jedes Mal ändern wenn ein neues Ereignis eintrifft. Prognosen sind etwas anderes.
    100 Mrd. Sondervermögen (Schulden) für die Verteidigung und Sicherung der Freiheit sind sofort vorhanden, da stellt sich mir die Frage wo diese finanziellen Werte sind, wenn es um Fachkräfte, Digitalisierung und Transformation geht.
    Für Personen die „malocht haben“ und die Kohle an die Oberfläche getragen haben, gibt’s es Eingliederungskonzepte usw..
    Die Solarbranche hat zu Zeiten als die chinesischen Module den Markt dominierten und unter sich aufteilten wesentlich mehr Mitarbeiter:innen verloren, da gab es keinen Aufschrei.
    Unsere Politiker leben uns diese zukunftweisende Digitalisierung und Transformation gerade live vor. Atomkraftwerke zu früh abgestellt (Porsche Lindner), Atomkraftwerke wieder aufbauen (Lausbub Merz), Benzin-Preis-Bonus direkt an die Industrie weitergegeben.
    Eigenheime für großartige Wallboxen sind nicht mehr bezahlbar. Hinzu kommt ganz bodenständig eine hohe Abbrecher:innen-Quote in den handwerklichen Ausbildungen, wenig Verdienst, Fachkräfte wünschen Lohn der nicht bezahlt werden will.
    Die Dekabonisierung wird gerade politisch „gekillt“. Die Kohlekraft darf ein neues Best-Of-Album herausbringen. Das zeigt die Auswüchse der menschlich wenig vorhanden Flexiblität die überall gefordert ist.
    Wenn es ums Eingemachte geht, wie es zurzeit wohl der Fall ist, wird die Innovation kassiert, die Transformation begraben.
    In diesem Spannungsfeld bewegt sich Ihr Projekt für mich. Ihr Ansatz gleicht der berühmten Sisyphus Mythologie.
    Der Drang an einer Hochschule angenommen zu werden ist ein Symptom des oben genannten, der Wunsch nach mehr Gehalt und weniger körperlich zermürbender Arbeit ist die Grund.
    Die Hochschulbildung ist weitestgehend kostenlos. Warum muss ein Handwerker der sich später auch Master (Professionell) nennen darf so viel Geld investieren?
    Die duale Berufsausbildung ist als Konzept herausragend.
    Karrierechancen gibt es dank des boomenden Marktes genug wie Sie schreiben. Wer bezahlt aber die Mitarbeiterin mit höherer Qualifikation? Der unterbezahlte Endkunde?
    Mangelnde Durchlässigkeit ist, wie Sie schreiben ein riesen Problem. Das hat auch viel mit dem Selbstverständnis von Akademikern zu tun, wäre doch schlimm, wenn ein Handwerker dem Auditorium mitteilt was sie falsch machen.
    Der Markt ist unübersichtlich, die Produktentwicklung anspruchsvoll, die Finanzierung und Zeit in dieser hochflexiblen „Selflearning Generation“ ohne Sicherheit für die Zukunft ist nicht vorhanden.
    Ihr Projekt bestätigt in seiner klar definierten Zielsetzung somit ein ungewollt diffus vor uns her waberndes Systemversagen, das wir durch sehr hohe Spezialisierung und Komplexität versuchen zeitlich nach hinten zu treiben.
    Unser System ist nicht auf Verzicht und Reduktion ausgelegt. Ein Unternehmen hat zu wachsen. Der Markt muss sich vergrößern. Die Rentabilität hat sich zu erhöhen.
    Die berufliche Bildung kämpft, um dieser technisch getriebenen Energiewende überhaupt noch ansatzweise folgen zu können. Es gibt ultraschnelle Produktupdates, sehr kurze Produktlebenszyklen, Marktverdrängung, westliche Lebensstandards die erhalten bleiben wollen auf Kosten anderer Teile der Welt.
    Das Lebenslange Lernen „könnte“ man auch als Bankroterklärung interpretieren, da unsere wachstumsbesessene „Höher Schneller Weiter Kultur“ keine Ruhephasen zulässt.
    Das von Morgen erlernte Wissen kann ich übermorgen abschreiben (ein wenig Polemik).
    Ich freue mich, dass Ihr Projekt versucht einen Teil dieser Dynamik aufzubrechen und wissbegierigen Personen Wege aufzeigen möchte, Ihre Zukunft vielleicht sogar „sinnvoll“ zu gestalten.
    Aus meiner Sicht ist es zwingend notwendig, diesen „Technik treibt Gesellschaft vor sich her Kreislauf“ abzubremsen. Vielleicht schafft es ja ein diverses Angebot an Wissen zu erkennen, was wirklich wichtig ist und was nicht.

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