Work-Life-Balance: Sind Väter mit 50 Stunden Arbeit am zufriedensten?

»Dann heirat‘ doch Dein Büro« fordert ein Schlager von 1980 den darin besungenen – traditionell männlichen – Workaholicer auf. Eine Studie des Marburger Soziologen Martin Schröder aus dem März dieses Jahres behauptet, dass deutsche Paare mit eben jener von Katja Ebstein besungenen klassischen Rollenverteilung am zufriedensten sind. Diese Ergebnisse scheinen im Gegensatz zu einer modernen Gleichstellungs- und Familienpolitik zu stehen. Bei genauerer Betrachtung sprechen sie jedoch eher für ein Mehr an progressiver Familienpolitik.

Schröder untersuchte, wie sich die Arbeitszeiten von kinderlosen Männern und Frauen sowie von Müttern und Vätern auf deren Lebenszufriedenheit auswirken. Dafür wertete er Umfragedaten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) von 57 627 Personen aus, die in einem Zeitraum von 1984 bis 2015 erhoben wurden. Die Auswertung förderte bemerkenswerte Ergebnisse zutage:

  • Der durchschnittliche Vater ist am zufriedensten bei einer Wochenarbeitszeit von 50 Stunden.
  • Bei Müttern hat die eigene Wochenarbeitszeit wenig Einfluss auf die Lebenszufriedenheit, dafür die Arbeitszeit des Partners – sie sollte bei 50 Stunden liegen.
  • Mütter sind durchschnittlich am zufriedensten in einer Teilzeitbeschäftigung, deutlich mehr als Väter sowie kinderlose Frauen und Männer.
  • Kinderlose Frauen und Männer sind sich ähnlich in der Bewertung von Wochenarbeitszeit und Lebenszufriedenheit.

Ein Jahrzehnt Gleichstellungspolitik umsonst?

Aus seinen Beobachtungen schlussfolgert Schröder, dass Väter dann am zufriedensten sind, wenn sie sogar mehr als »Vollzeit« arbeiten. Läge die Arbeitszeit darunter, seien sie mit größerer Wahrscheinlichkeit unzufriedener. Demnach könne eine Politik, die Vätern Anreize setze, zuhause zu bleiben, negative Auswirkungen auf deren Lebenszufriedenheit und die Zufriedenheit ihrer Partnerinnen haben. Die Welt konstatiert: »Der Mann Vollzeit als Ernährer, die Frau vor allem als Hausfrau und Mutter mit einem Hinzuverdienst – ausgerechnet dieses traditionelle, fast schon als überkommen geltende Familienmodell scheint also aus wissenschaftlicher Sicht das Glück der Familie zu mehren.«

Mit unserer Expertise für Diversity-Management, neue Arbeitszeitmodelle und die Gleichstellung der Geschlechter in Forschungs- und Entwicklungsprozessen waren wir am Fraunhofer IAO verblüfft von den Ergebnissen der Marburger Studie und fühlten uns herausgefordert, einmal einen näheren Blick darauf zu werfen. Dabei ist durchaus kritisch zu betrachten, was in der Studie gemessen wurde und welche politischen Konsequenzen daraus gezogen werden müssten.

Wie zufrieden sind Sie – von 0 bis 10?

Zur Messung von Lebenszufriedenheit fragt das SOEP Menschen »Wie zufrieden sind Sie gegenwärtig, alles in allem, mit Ihrem Leben?« und bittet sie, dieses Gefühl mit einem Wert von 0 für vollkommene Unzufriedenheit bis 10 für vollkommene Zufriedenheit zu beziffern. Für diesen Holzhammer-Indikator stellt Schröder nun fest, dass Väter, die 50 anstatt 20 Stunden arbeiten, im Durchschnitt 0,3 Punkte mehr auf der Lebenszufriedenheitsskala angeben. Bei Frauen mit Kindern schwankt der Wert im Vergleich um 0,1 Punkte. Arbeitslose Väter sind um etwa 1 Punkt unzufriedener als die 50-Stunden-Väter.

Die geringe Varianz in der Skala vermittelt, dass die Lebenszufriedenheit eines Menschen wohl stärker von anderen Faktoren als der klassischen Rollenverteilung in Teilzeit-Frau und Vollzeit-Mann abhängt. Was bedeutet es, wenn Väter mit 20-Stunden-Jobs im Durchschnitt 0,3 Punkte weniger »sehr zufrieden« sind als ihre Pendants mit 50 Stunden?

Väter, die wollen, und Väter, die müssen

Nach einer Reihe von statistischen Tests, die evaluieren, wie Schröders Erkenntnisse mit weiteren Faktoren wie der Einkommensverteilung in der Partnerschaft, dem Bildungsstand des Paares oder dem Prestige der jeweiligen Berufe zusammenhängt, kommt er zu einem bemerkenswert simplen Schluss: Väter seien wohl einfach mit langen Arbeitsstunden am zufriedensten, weil dies auch ihrer gewünschten Ideal-Arbeitszeit entspricht. Dies legt nahe, dass die Mehrzahl der untersuchten Teilzeit-Väter solche sind, die aufgrund äußerer Zwänge – bspw. weil ihr Arbeitgeber ihnen diese Möglichkeit nicht einräumen kann oder will – nicht aufstocken können. Von dieser Gruppe der »erzwungenen Teilzeitler« nun aber universelle Schlüsse auch auf jene Väter zu übertragen, die sich eine gleichberechtigte Rollenverteilung bewusst ausgesucht haben, ist aus wissenschaftlicher Sicht, zurückhaltend gesagt, ziemlich gewagt. Auf dieser Grundlage die familien- und gleichstellungspolitischen Errungenschaften des letzten Jahrzehnts anzuzweifeln, erscheint absurd. Auch Schröder gibt zu, dass seine Ergebnisse in einer Gesellschaft, die grundlegend andere Rollenverteilungen als Norm setzt, ganz anders aussehen könnten. Anders als Schröder es schlussfolgert, sind es gerade die von diesen Instrumenten gesetzten Anreize, die dazu beizutragen vermögen, dass Vätern eine zumindest temporäre Teilzeittätigkeit attraktiver und wünschenswerter erscheint!

Schröders Ansatz trägt zudem der Dynamik in den Biografien jedes einzelnen Menschen wenig Rechnung. Angesichts der Tatsache, dass mehr als jede dritte Ehe in Deutschland geschieden wird, wäre es auch interessant gewesen zu erfahren, wie zufrieden geschiedene Männer, die ihre Kinder nicht mehr sehen können, oder Frauen, die nach dem ersten Kind aus dem Job ausgestiegen sind, mit dem klassischen Rollenmodell sind.

Vollzeit ohne Überstunden als Idealmodell

Wir kritisierten bereits, dass Schröder einen offensichtlich sehr feinen Zusammenhang von Wochenarbeitszeit und Lebenszufriedenheit durch einen holzschnittartigen Indikator erfasst. Befragungsdaten, in denen Wochenarbeitszeit und Zufriedenheit im konkreten Zusammenhang mit dem Familienleben abgefragt wurden, liefert der »Väter-Report« des Bundesfamilienministeriums. Demnach wünschen sich 4 von 5 Vätern mehr Zeit für ihre Familie und jeder dritte Vater beurteilt die Zeit mit seinen Kindern als nicht ausreichend. Die Hälfte der befragten Väter sieht ihr Idealmodell eher in einer vollzeitnahen Beschäftigung ohne die in der Regel ja unbezahlten Überstunden.

Der Druck der Familie gegen den Druck vom Arbeitgeber

Bei aller Kritik liegt der Verdienst von Schröders Studie darin zu zeigen, dass eben jene Personen am zufriedensten scheinen, die sich innerhalb des in Deutschland nach wie vor vorherrschenden steuer-, arbeitsmarkt- und familienpolitischen Korsetts des Brotverdienermodells bewegen. Der Väter-Report impliziert, junge Menschen haben heute in der Regel das Ideal einer gleichberechtigten Partnerschaft vor Augen, geraten in zunehmendem Alter aber in Konflikt mit den gesellschaftlichen Realitäten. Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlins betont die entscheidende Rolle der Unternehmenskultur am Arbeitsplatz für die Entscheidung von Paaren hinsichtlich ihrer Work-Life-Balance.

Unser Beitrag zu einer diversity-orientierten Unternehmenskultur

Bereits im Jahr 2012 hat das Center for Responsible Research and Innovation am Fraunhofer IAO anhand mehrerer internationaler Großunternehmen untersucht, welche vielfältigen unternehmenskulturellen Hürden es Frauen und Männern erschweren, ihr Arbeits- und Privatleben miteinander in Einklang zu bringen. Nach wie vor sehen wir die zentrale Herausforderung darin, Unternehmen vom »Business Case« Diversity zu überzeugen. In dem EU-Projekt EFFORTI beschäftigen wir und mehrere europäische Partnern uns mit den Fragen, unter welchen Bedingungen Gleichstellungsmaßnahmen in Unternehmen und Universitäten wirken und wie sie sich auf die Leistungsfähigkeit und die Arbeitsqualität in einer Organisation insgesamt auswirken. Wer diese Fragen mit uns persönlich diskutieren möchte, erhält diese Möglichkeit im Rahmen des vom Stifterverband unter unserer Beteiligung organisierten 5. Essener F&E-Workshops, in dem wir das Innovationspotential diverser Forschungsteams beleuchten. In einer vor kurzem veröffentlichten Studie für die Friedrich-Ebert-Stiftung diskutieren wir die Potenziale für flexible Arbeitszeitmodelle in kleinen und mittleren Unternehmen. Im Kern steht bei all unseren Projekten immer die Frage: Wie ermöglichen wir Männern und Frauen, die Berufs- und Familienleben gleichgestellt verwirklichen wollen, genau dies zu schaffen?

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Clemens Striebing

Clemens Striebing

Clemens forscht am Center for Responsible Research and Innovation des Fraunhofer IAO über Organisationskulturen und Diversity in Forschungs- und Entwicklungsprozessen. Er ist überzeugt, dass es die Reibungen zwischen unterschiedlichen Sichtweisen sind, die zu sozialen Innovationen führen.

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2 Kommentare

  1. Danke, Herr Striebung, für diesen kritischen Artikel! Der „Kurzschluss“ der genannten Studie besteht m.E. darin, dass übersehen wird, dass in einer Umwelt, die leider vorwiegend noch auf das Modell „Vollzeitarbeitender Vater + bestenfalls zuverdienende Mutter“ und eine Kultur des „wer neben der Arbeit noch andere Interessen hat, wird nicht Karriere machen“ ausgerichtet ist, NATÜRLICH die Menschen am zufriedensten sind, die sich diesem Modell beugen. Denn diese vermeiden (ersparen sich) die vielfältigen Konflikte, die mit einer Abweichung von der Norm verbunden sind und die Kraft kosten, die gerade in der Rushhour des Lebens an anderer Stelle dringend gebraucht wird.

    Doch gesellschaftlichen Wandel schaffen wir damit nicht hin zu Modellen, die den bereit real existierenden Werten von (Wünschen nach) besserer Vereinbarkeit von Beruf, Familie und weiteren Interessen im gesamten Lebensverlauf, mehr entsprechen. Und angesichts der demographischen und weltweiten ökonomischen Entwicklungen wird auch der Fachkräftemangel und damit der langfristig wirtschaftliche Erfolg unseres Landes so schnell weiterhin nicht adressiert.

    Die notwendigen Anpassungen, von Ihnen unter dem Schlagwort „Diversity“ adressiert, sollten daher proaktiv und zügig angegangen werden. Die immer wieder betonte Referenz auf Studien, wie die von Ihnen kritisierte, ist rückwärtsgerichtet und führt nur zur Gefährdung der Zukunft unseres Landes. Danke also noch einmal für Ihren Artikel!

    1. Liebe Frau Schleicher,

      haben Sie vielen Dank für Ihren freundlichen Kommentar! Ich stimme Ihnen zu, dass die Studie von Herrn Schröder letztlich vor allem die in Deutschland offensichtlich immer noch überdeutliche Dominanz des „Brotverdiener-Modells“ belegt, sowohl familien- und steuerpolitisch, als auch in den Rollenvorstellungen von Eltern und Arbeitgeber/-innen. Haben Sie ebenfalls noch einmal vielen Dank, den Aspekt des Fachkräftemangels explizit zu benennen, der – neben vielen anderen guten Gründen – bereits Motivation genug sein sollte, durch eine entsprechende Politik eine größere Vielfalt von Partnerschaftsmodellen zu ermöglichen und eben nicht, wie Schröder es schlussfolgert, sich für eine populistische Politik zur Fortsetzung bestehender Pfade zu entscheiden.

      Beste Grüße
      Clemens Striebing

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